György Ligeti
Seine Musik wurde zum Soundtrack von «The Shining» – in Zürich wird seine einzige Oper gezeigt

György Ligeti war eine der prägenden Figuren der Neuen Musik – und ist sogar all jenen bekannt, die keine zeitgenössischen Konzerte besuchen.

Thomas Meyer
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Liess sich zeit seines Lebens nie in Schubladen stecken: Komponist György Ligeti (1923–2006).Alessandro della Valle/Keystone

Liess sich zeit seines Lebens nie in Schubladen stecken: Komponist György Ligeti (1923–2006).Alessandro della Valle/Keystone

KEYSTONE

Ein Kuckuck ruft, eine Ente antwortet quakend. Türklingeln, Sirenen, Ratsche und Dampfschiffpfeifen ertönen aus dem Orchestergraben. Auch Papierbögen, Windmaschinen und Spieluhren, ein Kochtopf, ein Wecker und ein Tablett voller Geschirr dienen als Klangkulisse. Und die Ouvertüre bestreiten gar zwölf Autohupen. Sind wir in einer Kinderoper?

Tatsächlich bietet die nächste Premiere am Zürcher Opernhaus viel Comic-hafte Action, die einem jungen Publikum gefallen könnte. Allerdings wird dabei – wenig korrekt – auch geflucht, geschlagen, gesoffen, geliebt und alles verulkt. Vor allem aber geht es um einen veritablen Weltuntergang. Ein gewisser Nekrotzar steigt aus der Gruft, verkündet, um Mitternacht werde er allen den Tod bringen, und macht sich auf den Weg, um seine Tat zu vollenden. Im Gefolge nimmt er den versifften Piet vom Fass und den von seiner Frau malträtierten Astrologen Astradamors mit. Soll ich hier verraten, ob die Welt tatsächlich untergeht? Oder zumindest jenes Brueghel-Land, zu dem die Alltagsszenen und höllischen Visionen des Malers Pieter Brueghel d. Ä. erst den Dramatiker Michel de Ghelderode inspirierten – und vier Jahrzehnte später auch den Komponisten György Ligeti (1923–2006)?

Von Siebenbürgen nach Hollywood

Der gebürtige Siebenbürger (heutiges Rumänien) war eine der prägenden Figuren der Neuen Musik – und ist sogar all jenen bekannt, die keine zeitgenössischen Konzerte besuchen. Denn Stanley Kubrick setzte Ligetis Musik in «2001 Space Odyssey» sowie «The Shining» (mit Jack Nicholson) als Soundtrack ein. Sie steht dort für das Unbekannte, Ausserirdische. Vielleicht passt das umso mehr, als Ligeti stets ein skeptischer Avantgardist war und sich keiner Ideologie verschreiben wollte.

Deshalb hat er auch zeitlebens in unterschiedlichsten Klangregionen geforscht – auf überraschende Weise. Er schuf irisierende Klangflächen, illusionistische Polyrhythmen, schräge Mikrotöne und freche Collagen. All dies findet sich auch in «Le Grand Macabre», einem Werk, das mit dem Genre Oper spielt und zeitweise doch so gar nicht opernhaft daherkommt. Diese «Anti-Anti-Oper», wie er sie nannte, blieb sein einziger Beitrag zur Oper – ist aber auch ein einzigartiger Solitär in der Opernlandschaft des 20. Jahrhunderts. Dirigent Tito Ceccherini, der sie bereits vor zwei Jahren in Buenos Aires aufgeführt und nun die Zürcher Produktion kurzfristig von Chefdirigent Fabio Luisi übernommen hat, sagt: «Ich bin fasziniert von der wunderbaren Vielfalt der Musik».

1978, erst dreizehn Jahre nachdem Ligeti den Auftrag erhielt, wurde das Werk in Stockholm uraufgeführt. Zufrieden war er freilich nicht damit. Er sei, was die «realen (und oft enttäuschend groben) Bedingungen des Opernbetriebs» angehe, «ziemlich naiv» gewesen. Und so überarbeitete er das Ganze nochmals, straffte es, arbeitete Szenen genauer aus – und in dieser neuen Version, die nun auch, 27 Jahre nach der ersten, in Zürich zu erleben ist, wurde das Werk neu bei den Salzburger Festspielen gezeigt. Längst gehört es auf grossen und kleinen Bühnen zum kleinen Repertoire zeitgenössischer Musik.

Zutiefst menschlich

Der Regie – und damit auch uns Zuschauern – bietet «Le Grand Macabre» eine fantastische Spielfläche. Als «witzig und opulent» bezeichnet es die Regisseurin Tatjana Gürbaca und gerät gleich wieder ins Schwärmen. Ähnlich wie Brueghel auf seinen Bildern möchte sie «das Bedrohliche wie das zutiefst Menschliche, das Groteske wie das Kindlich-Verspielte» gleichermassen herausholen. Diese Figuren seien alle «wie verlorene Kinder». Ist dieser Piet vom Fass nicht ein frustrierter Abwart, der mit Nekrotzar endlich eine Chance sieht, Grosses zu bewirken? Ist das sadomasochistische Paar Mescalina-Astrodamors einander nicht in tiefer Liebe zugetan? Sie möchten alle etwas erleben. «Mit wenigen Strichen ist hier ein vollständiges Welttheater skizziert.»

Opernhaus Zürich: «Le Grand Macabre», Premiere: So, 3. Febr., 19 Uhr (bis 2. März).