«Game of Thrones»

«Schweizer sind nicht zurückhaltend»: Nikolaj Coster-Waldau über den Freitod, Greta Thunberg und verrückte Fans

Nikolaj Coster-Waldau posiert für ein Selfie am 15. Filmfestival von Zürich.

Nikolaj Coster-Waldau posiert für ein Selfie am 15. Filmfestival von Zürich.

Er war ein Star in der Hitserie «Game of Thrones», jetzt erobert Nikolaj Coster-Waldau die Kinoleinwand – mit einem kontroversen Thema.

Die meisten kennen ihn als Jamie Lennister, der ebenso verhassten wie geliebten Figur im Serienepos «Game of Thrones». Nun nimmt sich Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau neuer Themen an. Der Däne, 49, schwarzer Pullover, charmantes Lächeln, sitzt in einem Zürcher Hotel und spricht über sein neuestes Kinoprojekt «Suicide Tourist», einem Mystery-Thriller in der einsamen Natur Norwegens:

Der Starttermin musste wegen des Coronavirus um einige Monate verschoben werden. Das Gespräch wurde vor dem Ausbruch der Pandemie geführt.

Sie spielen einen Mann, der einen begleiteten Suizid begehen möchte. Befürworten Sie persönlich die Sterbehilfe?

Nikolaj Coster-Waldau: Wir müssen zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Im Film existiert ein Hotel, das Menschen in den Tod begleitet. Allerdings ist der Ort sehr surreal, es ist fast wie in einem Traum – und vermittelt damit eine sehr subjektive Sicht auf den Freitod. Ich selbst habe mich weniger intensiv mit der Sterbehilfe auseinandergesetzt. Aber ich verstehe, dass das Thema in der Schweiz eine besondere Bedeutung einnimmt.

Welche Rolle spielt der Freitod für Ihre Figur?

Der Film handelt von einem Mann, der sich derart fürchtet, die Kontrolle zu verlieren, dass er zum extremsten Mittel greift, um die Kontrolle zurückzugewinnen – zum Selbstmord. Das Hotel verspricht ihm den angenehmsten Weg, um zu gehen. Aber eigentlich möchte meine Figur leben, er will geliebt werden, speziell von seiner Frau.

Dann ist der Wunsch nach dem Freitod im Film ein Fehler?

Im Film wird der Ort der Sterbehilfe zum Albtraum. Das will ich aber nicht als Urteil verstanden wissen. Ich habe viele Geschichten von Menschen gehört, die unter extremen Schmerzen leiden. Wie könnte ich diese Menschen verurteilen, wenn sie sich an eine Sterbehilfe-Organisation wenden? Das ist eine Thematik, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf.

Darum die Frage, wie Sie persönlich zum Freitod stehen?

Ich verstehe Ihr Interesse am Thema, gerade weil wir uns in der Schweiz treffen. Der Film handelt aber nicht davon, dass eine schwer kranke Person hierhin reist. Dann können wir vertieft über das Thema sprechen. Es geht um einen Mann, der so grosse Angst davor hat zu leben, dass er lieber sterben möchte.

Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Es gibt derzeit ein kollektives Gefühl: Was passiert eigentlich gerade auf der Welt? Bricht alles in sich zusammen? Was ist mit der Globalen Erwärmung? Wie wird die Zukunft aussehen? Es gibt die Tendenz, sich abzuschotten, nach dem Prinzip «Kopf einziehen und abwarten». Doch wir sollten uns fragen: Tun wir genug? Das passiert in gewisser Weise auch im Film. Die Ärzte sagen ihm, dass etwas Schlimmes passieren wird, dass er sterben wird, doch er kann mit der Angst nicht umgehen. Das fand ich sehr spannend.

Suicide Tourist: Ein Mystery-Trhiller in der einsamen Natur Norwegens

Suicide Tourist: Ein Mystery-Trhiller in der einsamen Natur Norwegens

Da Sie die globale Erwärmung ansprechen: Sie sind Klimabotschafter der UNO, warnen vor den Folgen. Hat Sie Ihre Frau, die aus Grönland stammt, dazu inspiriert?

Ja, aber natürlich nicht nur sie. In Grönland sieht man die Auswirkungen des Klimawandels unmittelbar. Ich nehme an, das ist in der Schweiz nicht anders. Die Gletscher verschwinden, das Wetter wird extremer. Es ist einfacher, ein gemütliches Leben zu führen und diese Probleme wegzuschieben. Doch wir müssen Alternativen finden und uns auf die neuen Begebenheiten einzustellen. Das gelingt einigen Ländern bereits ziemlich gut.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In Dänemark sind Berge Mangelware. Snowboarder und Skifahrer müssen für den Wintersport nach Norwegen oder in die Alpen fliegen. Nun gibt es aber eine Alternative: Auf einer Müllverbrennungsanlage in Kopenhagen wurde eigens eine Schneepiste hergestellt, auf der Skifahrer herunterfahren können. Genau das meine ich: Wir können unser Verhalten ändern und gleichzeitig Spass haben.

Sie haben zwei Töchter, die fast im selben Alter wie Greta Thunberg sind. Sprechen Sie am Küchentisch über die Schwedin?

Ihr ist es gelungen, die Aufmerksamkeit der Weltpresse zu erlangen. Sie hat es geschafft, das Wohlergehen des Planeten auf die Agenda zu hieven. Und sie hat damit auch die Wut einiger mächtiger Männer aber auch einfacher Bürger auf sich gezogen. Was teilweise auf den sozialen Medien über sie geschrieben wird, ist verrückt! Greta ist sehr emotional und macht darum einigen Menschen Angst.

Schadet die Emotionalität ihrem Anliegen?

Unsinn! Sie ist gerade 17 Jahre alt geworden. Als ich so alt war, hatte ich ebenfalls das Gefühl, dass die Erwachsenen den Planeten zerstören würden. Damals hiess es, dass der Regenwald im Amazonas bis ins Jahr 2000 verschwinden würde, wenn wir nichts dagegen tun. Es ist normal, dass man als junger Mensch emotional wird und denkt: Warum macht ihr alles kaputt? Wenn man aber älter wird, merkt man, dass es eben keine einfachen Lösungen gibt, sondern viele Faktoren mitspielen. Das heisst aber nicht, dass Greta nicht wütend werden darf. Vielmehr verstehe ich nicht, wie aggressiv erwachsene Männer werden, wenn sie das Mädchen sehen. Wäre es anders, wenn sie ein junger Mann wäre? Vielleicht schon.

Sie müssen als Schauspieler oft fliegen. Haben Sie ein schlechtes...

...wenn es jetzt darum geht, Menschen anzuprangern, dann bringt das nichts.

Nein, es geht um die Frage, wie sehr man sich im Alltag zurücknehmen kann.

Natürlich sehe ich das Dilemma. Ich fliege sehr, sehr oft. Die Alternative wäre, meinen Job an den Nagel zu hängen, in Dänemark zu bleiben und nur noch mit dem Fahrrad durch die Gegend zu kurven. Das könnte ich tun, aber ich bin kein Heiliger. Ich möchte mein Leben nicht derart drastisch ändern. Das habe ich mit dem Beispiel in Kopenhagen gemeint. Wir müssen die Technologie so einsetzen, dass wir die Welt verbessern können, ohne unser Leben radikal ändern zu müssen.

Was ist Ihnen lieber: Hollywood Blockbuster oder kleine europäische Filme wie jetzt?

Ich liebe es, zu Hause in Dänemark oder in Europa zu arbeiten. Die Geschichten, welche die Filme erzählen, sind ganz anders als in den USA, die Kultur sind eben verschieden. Ich geniesse den Mix aus beidem, Hollywood und kleineren Filmen. Aber das bedeutet, dass ich viel fliegen muss.

Seit «Game of Thrones» sind sie ein Star und waren im Herbst am Zürich Film Festival. Sind die Schweizer tatsächlich so zurückhaltend, wie es so oft heisst?

Vor meinem Trip in die Schweiz war ich in Spanien, dort sind alle sehr leidenschaftlich, sprechen mich auf der Strasse an, wollen Selfies. Auf dem Flug hierher, sagte ich zu meinem Kollegen: Keine Sorge, jetzt geht es in die Schweiz, dort wird uns keiner beachten. Was für ein Irrtum (lacht). Die Schweizer sind nicht zurückhaltend. Am Flughafen kamen genauso viele Menschen auf mich zu, die Selfies und Autogramme haben wollten, wie in Spanien. Das Klischee der Schweizer Zurückhaltung kann ich nicht bestätigen. Aber eines ist hier tatsächlich wahr: Die Strassen sind unglaublich sauber.

Wenn nicht mal die Schweizer zurückhaltend sind: Gibt es überhaupt einen Ort auf der Welt, wo sie hingehen können, ohne erkannt zu werden.

Nein, aber das stört mich nicht. Die meisten Menschen, die mich ansprechen, sind sehr höflich.

Was wollen die Fans von Ihnen wissen?

Sie schauen sich um, kommen ganz nahe an mich heran und flüstern: «Was denkst du wirklich über das Ende von ‹Game of Thrones›?» Ich antworte dann immer, dass ich es grossartig fand. Viele schauen mich dann ungläubig an und meinen: «Wirklich? Komm, mir kannst du es doch sagen» (lacht). Aber ja, ich fand das Ende der Serie wirklich gelungen, auch wenn es zu den kontroversesten in der TV-Geschichte zählt.

«Game of Thrones»: Von der ersten bis zur letzten Staffel

Autor

yannick.nock@azmedien.ch

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