Schweizer Oscar-Chancen
Aufschrei bei den Oscars: Gibt es an den Academy Awards eine Zweiklassengesellschaft?

Die Oscar-Verleihung streicht acht Kategorien aus der Live-Show - was die betroffenen Schweizer Maria Brendle und Marc Mounier davon halten.

Marlène von Arx
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Zwei Schweizer bei den Oscars, aber nicht live: Marc Mounier und Marie Brendle in Hollywood.

Zwei Schweizer bei den Oscars, aber nicht live: Marc Mounier und Marie Brendle in Hollywood.

Bild: zvg

Diese beiden Schweizer hoffen auf einen Oscar

Gleich zwei Kurzfilme von ­kreativen Schweizern treten an der diesjährigen Oscarverleihung gegeneinander an. «Ala Kachuu – Take And Run» von Maria Brendle erzählt die Geschichte einer jungen kirgi­sischen Frau, die einer alten Tradition folgend dem Brautraub zum Opfer fällt und zur Heirat gezwungen wird. «Please Hold» handelt ebenfalls von Freiheitsentzug: Im Sci-Fi-Psychothriller wird ein junger Mann verhaftet und findet sich in einem kafkaesken Spiessrutenlauf durch die Welt des automatisierten Strafvollzugs wieder. Produziert wurde «Please Hold» vom in Los Angeles ansässigen Schweizer Marc Mounier.

Brendle und Mounier sind intensiv mit ihren Oscarkampagnen beschäftigt: Screenings, Zoom-Interviews, Fotoshootings füllen die Tage. «Es ist überwältigend», sagt Brendle über ihren Hollywoodtrip. «Ich bin wahnsinnig dankbar, dass unsere PR-Firma alles so gut im Griff hat und mich durch den Tag schubst.»

Beim traditionellen «Academy Luncheon», an den alle Nominierten eingeladen sind, trafen die beiden Konkurrenten Stars wie Will Smith und Steven Spielberg und erstmals auch einander. «Aber da ist natürlich auch eine Kameradschaft da», versichert Mounier, der gleichzeitig als Produzent und als Manager bei einer Talentfirma in Hollywood arbeitet.

Ob eine gestraffte Show für höhere ­Einschaltquoten sorgt?

Bald nach der Nomination wurde die Freude von Brendle und Mounier getrübt. Ausgerechnet in diesem Jahr will die Academy, die die Oscars verleiht, mit einer gestrafften Show gegen die stetig sinkenden Einschaltquoten etwas unternehmen. Die Kategorien Musik, Schnitt, Ton, Maske, Ausstattung und Kurzfilme werden nicht mehr live prämiert, sondern kurz vorher aufgezeichnet und dann in die Show geschnitten. «Ich finde das schade», sagt Mounier über das Award-Splitting, das bei den Grammys und Emmys schon längst Realität ist.

«Der Teamgeist, der in jeder Filmproduktion einfach vorhanden sein muss, wird so nicht mit dem gebührenden Respekt behandelt.»

Die People’s Choice Awards gebe es ja schon und die hätten nicht die besseren Einschaltquoten. Der gebürtige Aargauer bezeichnet die Kommunikation des Plans zudem als «sehr tollpatschig». Die Umsetzung verlange nun sehr viel Feingefühl.

Auch Maria Brendle versteht nicht, wieso Kamera wichtiger als die Musik oder der Schnitt sein soll: «So wird eine Zweiklassengesellschaft geschaffen», meint die in Zürich wohnhafte Filmemacherin, die wie alle anderen Betroffenen in einem grossen Zoom-Meeting informiert wurde. «Da wurde es sofort hitzig. Die Maskenbilder räumten ein, dass sie ja ihre Schauspielerinnen noch vorbereiten müssten und sie es zeitlich gar nicht schaffen würden, eine Stunde früher da zu sein. Die eigenen Regisseure und Regisseurinnen, bei denen man sich bedanken möchte, seien dann auch gar noch nicht im Raum. Und vor allem kursiert auch die Angst, dass die Dankesreden gekürzt werden – und das wäre der GAU.»

Die Academy hält trotz Kritik am Plan fest

Der Starkomponist John Williams sowie die Regisseure Guil­lermo del Toro und James Cameron haben die Academy in einem offenen Brief aufgefordert, ihren Entscheid rückgängig zu machen. 350 Filmindustrie-Profis haben den Brief in­zwischen mitunterzeichnet. Aber die Filmakademie hält am Plan fest und hat Jason Momoa und Josh Brolin für die Preisübergabe in allen acht betroffenen Kategorien verpflichtet.

Die 94. Oscars

Die Liveshow findet in der Nacht vom Sonntag, 27. März, auf Montag, 28., statt. Durch die Show führen erstmals drei Frauen, die Schauspielerinnen Amy Schumer, Regina Hall und Wanda Sykes. Übertragung auf SRF zwei und anderen.

Selbst hat sich Maria Brendle damit abgefunden: «Bei den Kurzfilmen ist man es ja gewohnt, dass man weniger beachtet wird. Wäre es immer so gewesen, würde man sich darüber gar nicht so grosse Gedanken machen.» Und auch Marc Mounier ist nicht ausser sich: «Die Freude, an die Oscars gehen zu dürfen, überwiegt.» Das Quotenproblem werde vielleicht bald schon durch den strukturellen Wandel in Hollywood gelöst, glaubt er: «Ich könnte mir vorstellen, dass man die Oscars eines Tages auf Netflix live schauen kann. Da ist es dann egal, wie lange die Show ist, weil man den Spätnachrichten nicht in die Quere kommt.»

Hier geht es zum Trailer von «Please Hold» von Marc Mounier.

Quelle: Florida Film Festival/Youtube

Einen Vorteil förderte die Kategorien-Streichung aus der Liveshow dann doch noch zu Tage: Beide Kurzfilme bekamen zum Trost das Maximum von 16 Tickets für die Oscarzeremonie am 27. März. Mounier konnte so auch seine Eltern einladen. Maria Brendle und ihre Produzentin Nadine Lüchinger freuen sich besonders, dass ihre kirgi­sische Hauptdarstellerin Alina Turdumamatova einreisen kann. Ihr Visum musste hart ­erkämpft werden.

Oscar als Türöffner für weitere Projekte

Nominiert zu sein für einen Oscar, ist nach wie vor ein international anerkanntes Gütesiegel und öffnet Türen. Darauf muss man aber auch vorbereitet sein und das Momentum nutzen können. Marc Mounier und die Filmemacherin KD Dávila haben das Drehbuch für die Spielfilmlänge von «Please Hold» ­bereits fertig. Und Maria Brendle schreibt derzeit ein Script über eine Heldin des 2. Weltkriegs. Wie viel die Nomination für die Zukunft bedeutet, kann sie noch nicht abschätzen.

«Vorerst ist es einfach mal eine schöne Anerkennung für die harte Arbeit, die alle an unserem Film geleistet haben.»

Das sind die Nominierten in den wichtigsten Kategorien

In der Nacht von Sonntag auf Montag wissen wir, wer bei den Oscars 2022 abräumt. Der Netflix-Western «The Power of the Dog» von Jane Campion mit Benedict Cumberbatch hat 12 Nominierungen, darunter jene für den besten Film, die beste Regie und den besten Hauptdarsteller. Er ist der grosse Favorit.

Bester Film

  • «Belfast»
  • «Dune»
  • «The Power of the Dog»
  • «King Richard»
  • «Coda»
  • «West Side Story»
  • «Licorice Pizza»
  • «Don’t Look Up»
  • «Nightmare Alley»
  • «Drive my Car»

Beste Regie

  • Jane Campion («The Power of the Dog»)
  • Steven Spielberg («West Side Story»)
  • Kenneth Branagh («Belfast»)
  • Paul Thomas Anderson («Licorice Pizza»)
  • Ryusuke Hamaguchi («Drive my Car»)

Beste Haupt­darstellerin

  • Kristen Stewart («Spencer»)
  • Jessica Chastain («Eyes of Tammy Faye»)
  • Olivia Colman («Frau im Dunkeln»)
  • Nicole Kidman («Being the Ricardos»)
  • Penélope Cruz («Parallele Mütter»)

Bester Hauptdarsteller

  • Will Smith («King Richard»)
  • Benedict Cumberbatch («The Power of the Dog»)
  • Denzel Washington («Macbeth»)
  • Javier Bardem («Being the Ricardos»)
  • Andrew Garfield («Tick, Tick ... Boom!»)

Beste Neben­darstellerin

  • Aunjanue Ellis («King Richard»)
  • Ariana Debose («West Side Story»)
  • Judi Dench («Belfast»)
  • Kirsten Dunst («Power of the Dog»)
  • Jessie Buckley («Frau i Dunkeln»)

Bester Nebendarsteller

  • Ciarán Hinds («Belfast»)
  • Kodi Smit-McPhee («The Power of the Dog»)
  • Jesse Plemons («The Power of the Dog»)
  • J. K. Simmons («Being the Ricardos»)
  • Troy Kotsur («Coda»)

Bester internationaler Spielfilm (Ausland-­Oscar)

  • Japan («Drive my Car»)
  • Italien («The Hand of God»)
  • Norwegen («The Worst Person in the World»)
  • Dänemark («Flee»)
  • Bhutan («Lunana: A Yak in the Classroom»)

Beste Filmmusik

  • «Dune», Hans Zimmer
  • «The Power of the Dog», Jonny Greenwood
  • «Encanto», Germaine Franco
  • «Parallele Mütter», Alberto Iglesias
  • «Don’t Look Up», Nicholas Britell

Bester Kurzfilm

  • «Ala Kachuu – Take and Run» (Maria Brendle/Nadine Lüchinger)
  • «The Dress» (Tadeusz Łysiak/Maciej Ślesicki)
  • «The Long Goodbye» (Martin Strange-Hansen/Kim Magnusson)
  • «Please Hold» (K. D. Dávila/Levin Menekse) (dpa/dfu)