Schweizer Konzertsäle
Luzern, Basel und Genf bauen sich die Klassikzukunft, Zürich bleibt im 20. Jahrhundert stehen

In den grossen Schweizer Städten wurden und werden die alten Konzertsäle prunkvoll renoviert. Aber viel mehr Aufmerksamkeit generieren zurzeit andere Säle.

Christian Berzins
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Genf will die Zukunft nicht verschlafen: Bis 2025 soll die 300 Millionen teure, von Privaten bezahlte «Cité de la musique» stehen.

Genf will die Zukunft nicht verschlafen: Bis 2025 soll die 300 Millionen teure, von Privaten bezahlte «Cité de la musique» stehen.

Fondation pour la Cité de la musique de Genève

Welche Schweizer Stadt zwischen Genf und St. Gallen besitzt den schönsten Konzertsaal? Die einen haben moderne Bauten – das KKL beziehungsweise das LAC in Lugano –, die anderen frisch renovierte altehrwürdige Häuser, die kurz vor und kurz nach 1900 gebaut wurden. Ein Saal ist prächtiger als der andere, jeder ein Prunkstück – und der vielleicht beste steht (zurzeit) still und heimlich in La Chaux-de-Fonds.

Ob KKL, (Stadt)Casino oder Tonhalle(n): Diese Säle erzählen von der Vergangenheit, sind gebaut, damit die Sinfonien von Beethoven und Mahler erklingen können. Es sind die musikalischen Grundpfeiler des Abendlandes, die jede Generation neu erhören muss.

In den Klangkathedralen blüht das Klassikbusiness mit der Wiederholung des Ewiggleichen: Yuja Wang und Paavo Järvi rein, James Gaffigan und Martha Argerich raus. Doch die klassische Musik braucht Biotope, wo neue Formate entstehen, andere Zugänge geschaffen werden, wo unangenehme Fragen zum Betrieb gestellt werden. Orte, wo es keine Eintrittsschwellen gibt, und wo es neuste technische Möglichkeiten zur Reproduzierbarkeit von Musik gibt. Erstaunlicherweise entstanden in Basel und Luzern fast zeitgleich solche Biotope.

Das LAC Lugano Arte e Cultura ist seit 2015 das Kulturzentrum von Lugano und ein Referenzpunkt für bildende Kunst, Musik und Bühnenkunst im Tessin.

Das LAC Lugano Arte e Cultura ist seit 2015 das Kulturzentrum von Lugano und ein Referenzpunkt für bildende Kunst, Musik und Bühnenkunst im Tessin.

Fotostudio Pagi

Das Luzerner Sinfonieorchester (LSO) baute sich 2020 für knapp 12 Millionen einen solchen Tempel der Ideen: das Orchesterhaus in Kriens.

Der Orchestersaal ist das Prunkstück im «Orchesterhaus» des Luzerner Sinfonieorchesters.

Der Orchestersaal ist das Prunkstück im «Orchesterhaus» des Luzerner Sinfonieorchesters.

Annett Landsmann

Und wer sich fragt, warum das Residenzorchester des KKL ein Orchesterhaus braucht, kennt das KKL schlecht: Jean Nouvels Ikone ist gemacht, damit sich ein grosses Publikum bei Konzerten, nicht aber ein Orchester wohlfühlt. Im KKL-Probesaal ist es eng, er hat kein Tageslicht, und er ist akustisch schlecht. Und der kleine KKL-Saal, der Luzerner Saal, versprüht den Charme eines kirgisischen Busbahnhofes. Der Orchestersaal im neuen Orchesterhaus hingegen ist eichenholzgolden und öffnet den Blick durch ein gewaltiges Fenster auf den Pilatus.

«Musiker, die kreativ mitdenken, hatten hier sofort Ideen»

Kaum standen Musiker und Musikerinnen dort drin, so erzählt es LSO-Intendant Numa Bischof mit leuchtenden Augen, hatten sie wilde Ideen, was man dort Verrücktes und Tolles anstellen könnte. Zu einer kulturbefruchtenden Atmosphäre tragen auch die Studierenden der Musikhochschule bei, die gleich nebenan im Südpol zu Hause ist.

Bischofs Worte im Ohr, stand ich etwas später mit dem Musikmanager Christoph Müller in der entweihten Kirche Don Bosco in Basel, die sich in einen spektakulären Probesaal verwandelt hat, und hörte fast den gleichen Satz: «Musiker, die kreativ mitdenken, hatten hier sofort Ideen. Sie wollen das ganze Gebäude ausnutzen, schwärmen drauflos und sagen: ‹Wir müssen den Garten einbeziehen!›» Müller ist Geschäftsführer und Initiant dieses Musikzentrum.

Nicht nur Traditionen und Intendanten sorgen für die Ausrichtung eines Orchesters, sondern auch sein zu Hause, sein Saal. «Die moderne und vielfältige Infrastruktur ist ein Ideenlieferant: Gerade in dieser Coronakrise sehen wir, dass es neue Kanäle geben muss, Musik zu verbreiten. Die Digitalisierung schreitet voran», sagt Christoph Müller. Wer im Don Bosco Musik aufzeichnen will, muss nicht viel mehr machen, als den Stecker einstecken. Alles ist vorbereitet, die Technik vom Feinsten. Im aktuellen Streamingzeitalter ein enormer Vorteil.

Basel und Luzern sind im Vorteil

Dank Corona wird der Probesaal zum Konzertsaal

Es wird geblasen, gezupft, geschlagen und diskutiert, dass es eine Freude ist. Ein Rundgang im Orchesterhaus in Kriens lässt erkennen, wie das Luzerner Sinfonieorchester dort auflebt. Doch das Prunkstück des Hauses, der Orchestersaal, wurde im Dezember eine Ersatzspielstätte für das coronabedingt geschlossene KKL. Schnell war klar, dass man nicht bloss einen Probesaal gebaut hatte, sondern einen prächtigen Konzertsaal. Der Saal könnte ab 2022 auch für das Lucerne Festival eine Option werden.
Auch das Basler Musik- und Kulturzentrum Don Bosco wurde schneller als erwartet sowohl für das Kammerorchester als auch für die Sinfonietta Basel zum Konzertsaal. Das wird auch nach der Pandemie so bleiben.

Lieber im eigenen Saal spielen, als sich anderswo teuer einmieten
Kaum jemand wird in diesen Monaten grosse Konzertsäle mieten, sofern sie denn überhaupt offen sind, um 150 Besucher einzulassen. Das Luzerner Sinfonieorchester nutzt seinen Orchestersaal schon kommende Woche für sein nächstes Sinfoniekonzert-Streaming. Das Don Bosco ist vom 4. bis 7. März Zentrum des «Basel Composition Competition», aufspielen werden das Kammerorchester, die Sinfonietta und das Sinfonieorchester Basel.

Auch das Zürcher Kammerorchester (ZKO) besann sich in der Coronakrise auf sein Probehaus. Musste das Kleinorchester in der Vergangenheit in der Tonhalle beziehungsweise in der Tonhalle Maag schauen, welche Daten es neben Platzhirsch Tonhalle-Orchester erhielt, könnte man nun, wo kein oder kaum Publikum erlaubt ist, im ZKO-Haus draussen im Seefeld drauflos spielen. Nach einem herbstlichen Eifer ist man nun jedoch still geworden.

Zürcher Schreckensszenario: Tonhalle renoviert – und zu


Ist im Herbst 2021 die Pandemie zurückgebunden und die Tonhalle renoviert, werden in Zürich alle wieder am See spielen. Zu fragen, was passiert, wenn dann die dritte Welle erst am Abflauen ist, wenn die Tonhalle gar nicht wiedereröffnet wird, ist in Zürich verboten. Wird es sich rächen, dass man die Ausweichspielstätte Tonhalle Maag vor die Hunde gehen liess? Kurios, aber nicht auszuschliessen: Das Tonhalle-Orchester könnte beim ZKO auf der Matte stehen. Beim Don Bosco in Basel hat jedenfalls das Basler Sinfonieorchester bereits angeklopft. (bez)

Orchestersaal Luzern: Luzerner Sinfonieorchester, 4. 3., 19.30 Uhr
Don Bosco, Basel: 4.–7. März, 19 Uhr, Basel Composition Competition, 20 Uhr.

Der Basler 11-Millionen-Bau ist zudem von angenehmer Ästhetik, und 520 Leute finden dort Platz. Man füllt somit die Lücke zwischen dem prächtigen Stadtcasino mit 1400 Sitzplätzen und den akustisch wie ästhetisch schlechten Kirchengemeindesälen. Was erst als Probehaus gedacht war, ist ein Konzertsaal geworden (siehe Box oben).

Der Paul Sacher Saal im Musik- und Kulturzentrum Don Bosco in Basel.

Der Paul Sacher Saal im Musik- und Kulturzentrum Don Bosco in Basel.

Christoph Laeser

Ob Probe- oder Konzerthaus ist nur ein Aspekt: In Basel wie Luzern wollte man Orte der Offenheit schaffen. Etwas hochtrabend heisst es auf der Website des Luzerner Orchesterhauses: «Ein Ort der Inklusion, der Innovation und der Vernetzung – ein Ort, an dem Räume für Begegnungen und Kreativität geschaffen werden.» Trotz Wortgeschwurbel: Die neuen Säle in Basel und Luzern erfüllen genau diese Punkte.

Zürcher Tonhalle-Orchestermusiker und -musikerinnen schauen neidisch nach Basel und Luzern, verschwindet doch die weltweit bewunderte Ausweichspielstätte der Tonhalle, die bei Musikern beliebte Tonhalle Maag. Der nach Zukunft duftende Bau stand für eine Demokratisierung der Klassik. Der Bezug zum musizierenden Nachwuchs war geschenkt, lag die Musikhochschule doch in der Nachbarschaft. Es war zudem ein Saal, wo neue, coronataugliche Konzertformate wie selbstverständlich wirkten.

Zürich schläft, derweil Genf seine klingende Zukunft baut

Der Saal wurde aufgegeben, weil in Zürich die Politik nicht weiter als bis zu den nächsten Wahlen schaut und die Kulturverantwortlichen mutlos sind.

Zürich verschläft als Kulturstadt seine Zukunft. Ganz anders die Stadt Genf. Bis 2025 soll dort ein von Privaten bezahltes 300-Millionen-Musikbiotop gebaut werden, eine «Cité de la musique». Der Anklang an den 2015 eröffneten Pariser Prachtbau von Jean Nouvel ist nicht zufällig. In die Genfer «Cité» verpackt sind ein grosser Saal (1580 Plätze) und sechs kleinere Säle. Musikhochschule und Spitzenklassik treffen sich am selben Ort.

Eine der ersten Erklärungen, warum es den neuen Saal brauche, lautet: «Er entspricht in der Infrastruktur, der Technologie und im Komfort den Anforderungen der Orchester von heute.» Es ist mit Sicherheit ein Ort, wo die Klassik gefeiert, aber auch neu gedacht wird.

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