Skination
Schule zu, Piste offen: Warum überhöht die Schweiz das Skifahren so sehr?

Schüler müssen in Wengen zu Hause bleiben, das Skigebiet bleibt offen. Wie konnte es soweit kommen? Ein Blick hinter den Mythos der Skination.

Daniel Fuchs
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Nackte Haut auf Schnee: Unendliche Freiheit im Engadin 1967.

Nackte Haut auf Schnee: Unendliche Freiheit im Engadin 1967.

Photoshot / Hulton Archive

Natürlich kommen sich Menschen in Skigebieten so nahe, dass sie einander anstecken. Das sagte diese Woche nicht irgendein Schneenörgler im Flachland, sondern einer, gewissermassen aus der innersten DNA der Skination, dort, wo Vico Torrianis «Alles fährt Ski» noch seine Gültigkeit hat.

Man versuche, die Skiklassen voneinander getrennt zu organisieren, doch im Bähnli auf die Kleine Scheidegg sei es unvermeidbar, dass sich Skischüler und Leiter unterschiedlicher Gruppen mischten. «Da kommt es bald einmal zu einer Ansteckung», sagte der Präsident des Skiclub Wengen Andreas Regez diese Woche in den Nachrichten von Radio SRF.

Das ist bemerkenswert ehrlich bei all den Voten von Tourismuschefs, Wintersportlobbyisten und Wirtschaftsdirektoren, die kritischen Nachfragen ausweichen, als wären sie Slalomstangen. Selbst Bundesrat Alain Berset wiederholte, als er die offenen Skigebiete trotz Lockdown verteidigte, Skifahren finde draussen statt, da lasse sich der Abstand einhalten.

«Seuchenherd», «Schweizer Ischgl», «Corona-Hotspot»: Das Berner Oberländer Dorf Wengen erhält gerade sehr schlechte Presse. Als Virenschleuder fungierte in Wengen auch der örtliche Skiclub, zeigten Recherchen. Das Lauberhornrennen wurde abgesagt. Die Einheimischen sollen zu Hause bleiben, wenn sie nicht gerade zum Coronamassentest müssen, sogar die Schulen wurden geschlossen. Höchste Zeit also, die Pisten zu schliessen?

Skifahren, der Heilige Gral der Eidgenossenschaft

Nein, das Skigebiet blieb geöffnet. Diese paradoxe Situation steht exemplarisch für ein Land, in dem das Skifahren zu einer Art Heiligen Kuh erhoben worden ist. Nach dem Lockdown im Frühling hiess es «nie wieder Schulschliessungen», und wenn, dann als Ultima Ratio.

In Wengen passiert ist genau das Gegenteil: Schulschliessungen vor Skigebietsschliessungen. Wie konnte es so weit kommen? Warum wird das Skifahren in der Schweiz dermassen überhöht? Und was sagt das über das Zusammenleben in der Schweiz aus?

Zentral ist freilich die wirtschaftliche Bedeutung des Wintersports und das daraus abgeleitete Lobbying. Dazu etwas weiter unten, denn allein taugen sie nicht zur Erklärung.

Bleibt etwas Identitäres, das wir uns nicht wegzulassen trauen, weil wir Schweizer uns darüber definieren. Fast, als würden die Schneeberge in sich zusammenkrachen, wenn eine Saison lang Ruhe einkehrte in den Alpen.

Einfach schön, im Antlitz des Matterhorns: Rast im Jahr 1968 in Zermatt.

Einfach schön, im Antlitz des Matterhorns: Rast im Jahr 1968 in Zermatt.

Slim Aarons

In 24 von 26 Kantonen gibt es Skilifte

In Frankreich, Deutschland und Italien liegen Schneeberge für den Grossteil der Bevölkerung weit weg. Die Schliessung von Skigebieten stiess dort auch deshalb auf Akzeptanz. Die Schweiz aber liegt im Herzen der Alpen. In 24 von 26 Kantonen gibt es Skianlagen. Innert einer Fahrstunde haben die allermeisten Schweizerinnen und Schweizer einen Skilift erreicht. Und dort, am Skilift, wird vornehmlich Schweizerdeutsch gesprochen. Im Coronajahr sowieso, wenn die Touristen ausbleiben.

Um das identitätsstiftende Merkmal des Skifahrens zu erkennen, lohnt sich der Blick in die Geschichte. Natürlich ist Skifahren keine Schweizer Erfindung. Im Gegenteil: Die Skepsis war anfangs gross, als reiche britische Touristen mit der Hilfe von Norwegern das Skifahren um 1900 in die Alpentäler brachten. Auch war es kein Schweizer, der den alpinen Stil begründete, sondern ein Österreicher mit seiner Erfindung der festen Bindung auf den Skis.

Der Siegeszug des Skisports aber nahm hier seinen Lauf, weil es Tourismusstrukturen gab und reiche Briten fürs Skivergnügen in die Schweiz reisten.

Die richtige Skipflege will gelernt sein: Szene aus einem Hotel 1955.

Die richtige Skipflege will gelernt sein: Szene aus einem Hotel 1955.

Bert Hardy / Picture Post

Besonders in den traditionsreichen Kurorten etablierte sich der Wintertourismus neben dem klassischen Sommergeschäft. Als nach dem Zweiten Weltkrieg das Aufrüsten mit Anlagen begann, erreichte der Wintertourismus wirtschaftliche Breitenwirkung.

Auch die Armee steuerte das Ihre bei. Das Skifahren wurde zu einem Mythos einer wehrhaften Schweiz erhoben, Skifahren, so das grosse Versprechen, gilt seither als für Körper und Geist gesunde Ertüchtigung. Auch ein Mythos aus heutiger Sicht, wenn man die Schwere von Skiverletzungen, die währschaften Mittagsmenüs und den Alkoholkonsum am Pistenrand berücksichtigt.

«Idiotenhügel» vor dem Hotel im Wallis.

«Idiotenhügel» vor dem Hotel im Wallis.

Paul Almasy / Corbis Historical

Egal, das Alpenglühen vor Augen, die frische Bergluft in der Nase und eine rasante Talfahrt machten die Skipisten zu einem Ort der Sehnsucht. Und die breiter und breiter werdenden Pisten, schnelleren Anlagen und komfortableren Skis zum Ort ultimativer Freiheit im durchorganisierten Alltag. Auf der Piste gibt es keine Geschwindigkeitsbeschränkung. Und wer kontrolliert schon, ob sich die Wintersportler an die zehn Pistenregeln halten?

Migranten trifft man eher nicht auf der Skipiste

Der Skilift ist aber auch so etwas wie der letzte Hort der Heimatschweizer. Und wo es anders ist, reisst schnell der Geduldsfaden. «Overtourism auf dem Titlis. Als Skifahrer kommt man kaum noch auf den Gipfel», twitterte vor zwei Jahren SVP-Politiker Thomas Aeschi beim Anstehen unter all den ausländischen Touristen, die auf den Titlis wollten. Und erntete dafür erzürnte Reaktionen der Bergbahnbetreiber.

Abseits der Touristenmagnete Matterhorn, Titlis und Jungfraujoch bekommt man von Ausländern jedenfalls wenig mit, abgesehen vom Kabinenpersonal, den Köchen hinter den Selbstwahltheken und den Tellerwäschern in den Küchen. Der Tamile aus dem Lieblingsrestaurant, das türkischstämmige Mädchen aus der Nachbarschaft oder die albanische Putzfrau kriegt man jedenfalls kaum je in Skischuhen oder Snowboardboots zu Gesicht.

Migranten, zeigen die Zahlen, finden ihr Glück eher auf dem Fussballrasen oder im Fitnessstudio denn auf der Skipiste. Und gemessen an den Zahlen der Wintersportler ist das Geschäft mit den Skifahrern ein stagnierendes, wenn nicht sinkendes.

Stagnierendes Geschäft mit den Skifahrern

Stagnation hin oder her, die wirtschaftliche Bedeutung der Wintersportindustrie schleckt keine Schneegeiss weg. Gerade für die Bergregionen hängt viel am Tourismus, wobei die Wintersaisons etwa die Hälfte ausmachen. Bergbahnen, Hotels, Zulieferer, Jobs: Wintertourismus ist sehr personalintensiv, die Wertschöpfung aber fällt verhältnismässig gering aus.

Mit rund 5 Milliarden Franken ist er etwa gleichauf mit der Landwirtschaft. Allein die vermeintlich zu vernachlässigende Kultur- und Kreativwirtschaft sorgt jährlich für einen drei Mal höhere Wertschöpfung. Zur Erinnerung: Kinovorstellungen, Konzerte, Theatervorführungen sind seit Dezember schweizweit untersagt.

Der Walliser Wirtschaftsdirektor Christophe Darbellay machte im Herbst keinen Hehl daraus, dass Kultur- und Freizeiteinrichtungen vor allem deshalb geschlossen wurden (das Wallis machte seine Kinos, Museen und Hallenbäder bereits im Oktober dicht), um das Wintergeschäft in den Skigebieten nicht zu gefährden. Die Bergkantone haben in der föderalen Schweiz grossen Einfluss.

Mit allen Jobs und Aufträgen, die am Tourismus hängen, mag es sich kein Politiker aus einem Berggebiet mit der Wählerschaft verspielen. Mit einer Schliessung der Skigebiete würde der Bundesrat einen Sturm der Entrüstung auf sich ziehen.

Kulturkampf zwischen Berg und Tal

Nun kommt er, der Lockdown. Die Skigebiete aber bleiben offen. In Graubünden dürfen die Pistenbeizen ihre Terrassen wieder öffnen. Für viele folgt eine mühsame Zeit, wenn sie beim Gang auf den Spielplatz, beim Schwatz vor dem Supermarkt oder beim privaten Ausflug in die Natur daran denken müssen, das Personenlimit von fünf einzuhalten. Vor den Skiliften, Seilbahnen und bei den Skischulsammelpunkten wird es ihn hingegen weiter geben, den Menschentrubel.

Es ist eine Art Tyrannei der Skifahrer über diejenigen, die nicht Ski fahren. Sie erbringen wie die Schulkinder in Wengen das Opfer, damit der Skibetrieb nicht stockt. Die Skination hat sich durchgesetzt gegen die pluralistische Gesellschaft in der Schweiz, die sich über mehr als Seilbahnen, Trockenfleischplättli und die grosse Freiheit auf der Piste definiert.