Literatur

Schmerzliche Selbstfindung in Laura Vogts neuem Roman

Laura Vogt mit ihrem neuen Roman.

Laura Vogt mit ihrem neuen Roman.

Die Schweizer Autorin Laura Vogt legt mit «Was uns betrifft» ihren zweiten, schnörkellosen Roman vor.

Schreiben sei etwas Immerwährendes, sagt der Partner von ­Rahel, der Hauptfigur des Romans. Wieder schreiben, wieder singen können; das wünscht sich Rahel. Das ist ihr entglitten, wie ihr zweites Kind, Lena. Der Wunsch, sich wieder «einen Boden aus Wörtern» erschaffen zu können, bleibt nach einer postnatalen Depression ein Wunsch.

Die aus Teufen gebürtige Autorin Laura Vogt hat mit ihrem neuen Roman ein melancholisches Bild einer jungen Frau geschaffen. Die Schwere von Rahels intensiver, schmerzlicher Suche nach sich selbst ist beim Lesen fast physisch zu spüren. Es ist auch eine Suche nach verschütteter Kreativität, nach Lebendigkeit in Beziehungen.

Laura Vogt legt da schreibend etwas Diszipliniertes, Strenges an den Tag, so als ob sie sich beim konzentriert Schnörkellosen ihrer Sprache nichts an Überflüssigem durchgehen lassen wollte. Durch diese Strenge werden die Personen im Roman sehr konturiert, plastisch.

«Mit Verve erzählt sie von den Verwerfungen unserer Zeit», sagt die Schriftstellerin Ruth Schweikert über ihre junge Kollegin Laura Vogt. Die Brüche sind es, die diesen Roman vorantreiben, nicht eine fliessende Geschichte. Die beiden Protagonistinnen, Rahel und ihre Schwester Fenna, beobachten und teilen ihre Reaktionen auf Befindlichkeiten und Störfelder im Alltag.

Laura Vogt beginnt das Buch kühl sezierend, wenn sie über die erste Schwangerschaft von Rahel schreibt. Erst im Laufe des ­Romans bauen sich in einer fein dosierten Choreografie die Gefühle auf. Viel weniger distanziert als auf Rahel liegt der Blick auf Rahels Schwester. Vogt beschreibt sie als Frau, die sich in ihrer Schwester spiegelt und gerade in der Gegensätzlichkeit einen Zugang zu ihrer eigenen Befindlichkeit entdeckt.

Hoffnung auf neue Räume und Neuanfänge

Laura Vogt erzählt den Konflikt zwischen dem Dasein als Mutter und Partnerin und dem Wunsch nach Selbstbestimmtheit. Aber sie erzählt ihn in genau dosierten Episoden, geht den Gefühlen fast schonungslos bohrend auf den Grund. «Jetzt war sie hier, um sich ihre zweite Hälfte ­zurückzuholen», heisst es, als Rahel nach drei Jahren Häuslichkeit erstmals wieder alleine unterwegs ist. «Vor mir der ­halbierte Körper, in jeder Hälfte stecken Noten, die nicht klingen», sagt Rahel.

Die Autorin lässt ihre Figur diese täglich schmerzhafte Reise hin zum Wunsch nach eigener Kreativität machen, mit ungewissem Ausgang. «Manchmal träume ich von Lücken», heisst es im Text. Schlackenlos kann die Autorin gerade in diese Lücken im Leben ihrer Figuren eine radikale Ehrlichkeit einpflanzen. Überzeugend wirkt die konsequente Gegenüberstellung der Sichtweisen beider Schwestern, die sich allein, aber auch zusammen auch auf die Suche nach den verlorenen Eltern begeben. Nach dem Vater, der die Familie früh verlassen hat, nach der Mutter, die nach einer Krebserkrankung zu Rahel zu Besuch kommt. Die Selbstsuche ist unmittelbar mit der Auseinandersetzung mit den Brüchen in der Kindheit verknüpft.

Was junge Mütter inmitten anspruchsvoller Anforderungen, auch an die Beziehung zum Partner, bewegt, fängt Laura Vogt in «Was uns betrifft» genau ein. Es wächst mit jeder Seite die Hoffnung auf neue Räume und Neuanfänge, die einen verändert weitergehen lassen.

«Mein Mutter-Mund sagt, er wolle sich öffnen für die Welt. Er sagt: Begegnen wir uns im Neuen, verwerfen wir die Bilder, die wir hatten und haben.» Dieser Satz steht nicht am Ende dieses Romans, sondern am Anfang. Den Weg dieses Sich-öffnen-Wollens geht die Autorin in ihrem Text unbeirrt. Und die Sehnsucht nach dem Schreiben und Singen sei nicht Loslassen oder Abschied, sondern Neuanfang und Weitergehen, schreibt Vogt. Auf diese Reise wird man wirklich mitgenommen.

Laura Vogt: «Was uns betrifft». Zytglogge, 210 Seiten.

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