Reportage
Von Paul Klee bis zum Verkehrshaus: Zehn Museen im Familien-Check

Unsere Kinder sind jetzt Charlie-Chaplin-Fans. Und ausgerechnet bei der Fifa erlebten wir wahren Feminismus. Erlebnisbericht einer Museums-Tournee, die so eigentlich gar nicht geplant war.

Patrik Müller
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Das Verkehrshaus ist seit Anfang März wieder offen. Für Kinder ist der Besuch immer interessant. Doch unser Redaktor hat mit seiner Familie neun weitere Museen besucht. Und dabei überraschende Erfahrungen gemacht.

Das Verkehrshaus ist seit Anfang März wieder offen. Für Kinder ist der Besuch immer interessant. Doch unser Redaktor hat mit seiner Familie neun weitere Museen besucht. Und dabei überraschende Erfahrungen gemacht.

LZ

Als die Museen Anfang März wieder öffnen durften, andere Vergnügungen aber verboten blieben, sagten wir uns: jetzt oder nie. Fast jede Woche besuchte unsere Familie seither ein Museum, und mit jedem Mal brauchte es beim Nachwuchs (7-, 9- und 11-jährig) weniger Überzeugungsarbeit.

Darüber zu schreiben, war nicht geplant, darum folgen die Besuche auch keiner Systematik. Der journalistische Reflex kam erst, als wir feststellten, dass wir gerade das zehnte Museum hinter uns hatten: Das gibt doch ein Listicle! Hier ist es.

Anziehend: Zentrum Paul Klee, Bern

Im Paul-Klee-Museum: Die beiden jüngsten Kinder des Autors werden zum Zeichnen inspiriert.

Im Paul-Klee-Museum: Die beiden jüngsten Kinder des Autors werden zum Zeichnen inspiriert.

Foto: pmü

Unsere erste Station hatten wir den beiden Jüngsten zu verdanken. Sie erzählten, in der Schule hätten sie gerade das Thema Paul Klee. Expressionismus an der Unterstufe? Das muss der Lehrplan 21 sein. Die Bilder des Berner Malers (1879–1940) üben auf Kinder ganz offensichtlich dieselbe Anziehungskraft aus wie auf Erwachsene. Die Kleinen können im Zentrum gleich selber auf Klee machen. Ihre Begeisterung erreicht aber am Schluss, im Museums-Shop, ihren Höhepunkt. Poster, Schlüsselanhänger, Kerzenständer … Zum Glück gibt’s auch preisgünstige Postkarten.

Himmelschreiend: Anna-Göldi-Museum, Ennenda GL

Blick ins Anna-Göldi-Museum.

Blick ins Anna-Göldi-Museum.

Foto: Keystone

Die Hinrichtung der «letzten Hexe» Anna Göldi durch das Schwert – es ist ausgestellt – im Jahr 1782: Im Kino wäre dieser Stoff wohl erst ab 14 zugelassen. Im Museum aber haben die Kinder das Privileg, diese himmelschreiende Geschichte zu erfahren. Mit etwas Glück trifft man hier Stiftungspräsident und Göldi-Forscher Walter Hauser persönlich an. Er weiss alles über diesen beispiellosen Justizskandal (bald erscheint sein neues Buch darüber). Dazu gibt Hauser den Tipp, nach dem Museumsbesuch nebenan noch Glarner Pasteten zu geniessen. Famos.

Routiniert: Landesmuseum, Zürich

«Frauen.Rechte», die Ausstellung im Landesmuseum, läuft noch bis zum 18. Juli.

«Frauen.Rechte», die Ausstellung im Landesmuseum, läuft noch bis zum 18. Juli.

Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Die Ungerechtigkeit, die Anna Göldi widerfahren ist (verurteilt von 60 Männern), macht Jung und Alt wütend. Seltsam emotionslos wirkt dagegen die Ausstellung «Frauen.Rechte» im Landesmuseum. Thema ist die späte Einführung des Frauenstimmrechts vor 50 Jahren. Es wäre wichtig genug, um engagiert und nicht bloss routiniert als Pflichtstoff abgehandelt zu werden. Erfrischende, spielerische oder neue Zugänge dazu fehlen leider.

Gleichberechtigt: Fifa-Museum, Zürich

Japan und die USA sind die wahren Fussballgrossmächte. Lernt man im Fifa-Museum.

Japan und die USA sind die wahren Fussballgrossmächte. Lernt man im Fifa-Museum.

Foto: Keystone

Ausgerechnet in der Stätte des testosteronhaltigen Weltfussballverbands Fifa kommt unsere Tochter auf ihre Rechnung. Stolz posiert sie vor dem Pokal der Frauen-WM, der genauso prominent ausgestellt ist wie der viel bekanntere Männer-Pokal. Man erfährt, dass die USA und Japan wahre Fussball-Grossmächte sind, und vieles mehr zum Frauenfussball. Dass die Fifa im Geld schwimmt, hat natürlich geholfen, dieses Museum nach allen Regeln der Kunst aufzustellen. Junge Besucherinnen und Besucher können nicht nur schauen, sondern auch anfassen, drücken, spielen. Volltreffer.

Magisch: Aargauer Kunsthaus, Aarau

Werke von Emma Kunz im Kunsthaus in Aarau.

Werke von Emma Kunz im Kunsthaus in Aarau.

Foto: Conradin Frei

Dieses Haus, das wussten wir schon, bietet Überraschungen und ist zugleich ein sicherer Wert, auch für Kinder. Stets verlässt man es beschwingt und inspiriert. So auch bei der aktuellen Ausstellung zu Emma Kunz (1892 bis 1963), einer Naturheilerin und Forscherin, die verkannt und erst spät als Künstlerin entdeckt wurde. Ihre Zeichnungen auf Millimeterpapier, mit Lineal und Zirkel erstellt und immer schön symmetrisch, haben etwas Magisches – und laden zum «Nachmachen» ein.

Gruselig: Schloss Grandson

Ein Geheimtipp: Das Schloss Grandson.

Ein Geheimtipp: Das Schloss Grandson.

Foto: Keystone

Während das weltbekannte Schloss Chillon am Genfersee meist von Menschenhorden überrannt wird, scheint das etwas kleinere Schloss Grandson am Neuenburgersee ein Geheimtipp zu sein. Ganz allein fühlt man sich im Ritter- und Waffensaal und erst recht in der Folterkammer ins Mittelalter zurückversetzt. Trotz der allgegenwärtigen Blutrünstigkeit sagt ein Kind am Schluss: «In diesem Schloss zu wohnen, wär noch cool.»

Unermüdlich: Verkehrshaus Luzern

Hier wirds nie langweilig: Im Verkehrshaus Luzern.

Hier wirds nie langweilig: Im Verkehrshaus Luzern.

Foto: Keystone

Auch beim zweiten, dritten oder vierten Besuch (je nach Kind) keine Spur von Langeweile. Nur leise Enttäuschung, dass diesmal das Spiegellabyrinth geschlossen ist, wegen Corona. «Dann halt zum Flugi», einigt sich der Nachwuchs, und schon sind wir in der «Coronado» der Swissair. Das Cockpit mit den tausend Knöpfen ist faszinierender als jeder Hightech-Flugsimulator. Doch wie kam das Flugzeug ins Museum? Wir müssen googeln und finden ein Youtube-Filmchen: über den Vierwaldstättersee, auf Flossen.

Umfassend: Museum Rietberg, Zürich

Allein der Park ist schon einen Familienausflug wert: Museum Rietberg in Zürich.

Allein der Park ist schon einen Familienausflug wert: Museum Rietberg in Zürich.

Foto: Frobenius-Institut

Weil wir gerade im Zürcher Enge-Quartier sind, unternehmen wir einen Spontan-Besuch. Dafür ist dieses Kunstmuseum – das einzige in der Schweiz für Kunst aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien – aber eher weniger geeignet, wie schnell klar wird. Hier bräuchte es Zeit und für die Kinder mehr Erklärungen. Die Stippvisite war es trotzdem wert, nur schon wegen des Spaziergangs durch den herrlichen Park.

Didaktisch: Alimentarium, Vevey

In Vevey können Kinder «kollektiv verdauen».

In Vevey können Kinder «kollektiv verdauen».

Foto: Keystone

Ungeplant ist auch der Besuch in diesem Museum. Aber eine acht Meter hohe Gabel, die im Genfersee steckt, zieht die Aufmerksamkeit auf sich, und wir begreifen: Da ist noch mehr. In dem 100-jährigen Gebäude am Seeufer, wo Nestlé den ersten Hauptsitz hatte, erfährt man, etwas didaktisch bemühend, alles über Ernährung und Lebensmittel. Witzig ist, wie Kinder kollektiv «verdauen» können: Indem sie auf einer Art Tanzfläche auf Magen und Därmen herumhüpfen. Bis das Geschäft erledigt ist.

Filmreif: Chaplin’s World, Vevey

Hier lohnt sich der Eintritt: Im Chaplin's World.

Hier lohnt sich der Eintritt: Im Chaplin's World.

Foto: Keystone

Nicht ganz günstig, dieses Museum (fast 100 Franken für eine fünfköpfige Familie), und die Raiffeisenkarte, die sonst fast überall Gratis- oder vergünstigten Eintritt ermöglicht, ist auch nicht gültig. Doch das Investment lohnt sich. Auf dem Landgut mit See- und Alpenblick, wo Charlie Chaplin seine letzte Lebensphase verbrachte, steht ein grossartiges Museum (mit Kinosaal), man kann seine Villa besichtigen und durch den Park spazieren. Unsere Kinder kannten Chaplin nicht, jetzt sind sie Fans.

Das vorläufige Fazit unserer Museumstournee

Selbst in vermeintlich nur für Erwachsenen gemachten Häusern ist es wie im Wald: Kinder wissen hier immer etwas anzufangen.

Wer Tipps hat für weitere Entdeckungsreisen: Gern an patrik.mueller@chmedia.ch.