Reizüberflutung
Digital Detoxing: Schon die antiken Philosophen wussten, wie das geht

Jeden Tag prasseln mehr Informationen auf uns ein. Doch das Gefühl einer Reizüberflutung ist älter als der Buchdruck. Genau genommen haben schon antike Philosophen eine mediale Entgiftung empfohlen. Ihre Empfehlungen? Ein schlankeres Bücherregal!

Adrian Lobe
Drucken
Der Dominikanermönch Vincent de Beauvais schuf das erste Lexikon der Geschichte.

Der Dominikanermönch Vincent de Beauvais schuf das erste Lexikon der Geschichte.

Krieg in der Ukraine, Hungersnot in Afrika, Hitzewelle in Indien – es vergeht kaum ein Tag ohne neue Hiobsbotschaften. Eine Krise jagt die nächste, immer mehr Informationen prasseln auf uns ein. Hier eine Mail, die der Antwort harrt, dort ein Video, das geklickt werden will. Kaum hat man über das Smartphone gewischt, poppen schon die nächsten Meldungen auf.

Dabei dachte man eigentlich, dass jetzt, wo die Infektionszahlen sinken und Corona aus den Schlagzeilen gerät, die Nachrichtenlage entspannter wird. Mitnichten. Die Reizüberflutung wird immer grösser. Laut einer Erhebung des Pew Research Center fühlen sich zwei Drittel aller Amerikaner von Nachrichten erschöpft.

Medienwissenschafter sprechen von einer «news fatigue», einer pathologisch anmutenden Nachrichtenmüdigkeit. Jedes Jahr erscheinen laut einer Schätzung der Unesco 2,2 Millionen neue Bücher auf der Welt, hinzu kommen 200 Milliarden Tweets. In diesem Ozean von Informationen vermag selbst ein hochleistungsfähiger Supercomputer wie das menschliche Gehirn nur schwer zu navigieren. Dabei ist das Gefühl, von der Informationsflut überfordert zu sein, keineswegs neu.

Stattliche Bestände in antiken Bibliotheken

Schon der Stoiker Seneca schrieb im ersten Jahrhundert nach Christus: «Die Menge der Bücher zerstreut. Da du also nicht so viel lesen kannst, als du haben möchtest, so genügt es, so viel zu haben, als du lesen kannst.» Die Bestände antiker Bibliotheken waren durchaus stattlich. So beherbergte die Bibliothek von Alexandria bis zu ihrer Zerstörung durch einen Grossbrand 48 v. Chr. schätzungsweise zwischen 400'000 bis 700'000 Schriftrollen.

Die Harvard-Historikerin Ann Blair beschreibt in ihrem Buch «Too much to know: Managing scholarly information before the modern age», dass die Informationsflut lange vor der Renaissance bzw. der Erfindung des Buchdrucks eingesetzt habe. So klagte der französische Gelehrte Vinzenz von Beauvais bereits im 13. Jahrhundert über die «Vielzahl von Büchern, die Kürze der Zeit und die Vergesslichkeit des Gehirns».

Beauvais, der Dobelli des Mittelalters

Bis ins Hochmittelalter wurden handschriftlich geschriebene Bücher vor allem in Klöstern durch Abschriften vervielfältigt. Die Arbeit konnte schon mal ein ganzes Jahr dauern. Die manufakturmässige Buchherstellung war extrem aufwendig und teuer, nicht zuletzt, weil aus Tierhäuten, dem Rohstoff von Pergament, nur wenige Blätter hergestellt werden konnten.

Von Beauvais’ Idee war es daher, das Wissen gelesener Werke zu kompilieren. Mit der Unterstützung von König Ludwig IX., der ihm bei der Beschaffung der Bücher half, und ein paar Zuarbeitern exzerpierte der Dominikanermönch im Zisterzienserkloster von Royaumont in jahrzehntelangem Studium den Inhalt tausender Schriften und bündelte die gesammelten Lesefrüchte in einem Kompendium.

Die 1256 vervollständigte und 1474 erstmals gedruckte Textsammlung «Speculum maius» (zu Deutsch: «Der Grosse Spiegel») gilt als erstes Lexikon der Geschichte: Es enthält in 4,5 Millionen Wörtern historische, religiöse und naturwissenschaftliche Texte.

Der enzyklopädische Ansatz war eine Antwort auf die Informationsflut im Mittelalter. Nachdem im Spätmittelalter durch den Bau von Papiermühlen die Zahl der Manuskripte und Leser anwuchs, machte sich das Überforderungsgefühl auch ausserhalb der Klostermauern breit.

Die Bücherflut ermüdete selbst Luther

Mit der Erfindung des Buchdrucks und der damit verbundenen Ausdehnung der Wissensproduktion im 15. Jahrhundert wurde diese Wahrnehmung verstärkt. Der Jurist Giovanni Nevizzano (verstorben 1540) stöhnte, die Literaturschwemme erschwere es, das richtige Buch zu finden. Der französische Staatstheoretiker Jean Bodin (1530–1596) seufzte, dass selbst das verlängerte Leben eines Menschen nicht ausreiche, um alle Geschichtsbücher zu lesen.

Und der italienische Schriftsteller Anton Francesco Doni (1513–1574) pries sogar das Glück der Analphabeten, denen der «Fluch der Bücher» erspart bliebe. Reformatoren wie Martin Luther oder Johannes Calvin geisselten die Zerstreuungswirkung der Bücherflut, die davon ablenkt, das eine wichtige Buch zu lesen: die Bibel. Was heute Apps sind, waren im Spätmittelalter Bücher – eine Art Lese-App, die beim Nutzer für Reizüberflutung sorgte.

Auch Edgar Allan Poe (1808–1849), selbst ein produktiver Autor, sah in der «enormen Vervielfältigung von Büchern» eines der «grössten Übel» seiner Zeit, welches «das ernsthafteste Hindernis für den Erwerb korrekter Informationen» darstelle. Was er wohl gesagt hätte, wenn er ein Smartphone gehabt hätte?