Digitale Kunst
Fotografie ist ein Trickster, hier versammeln sich die talentiertesten Lügner und Avantgarde-Nerds

Die wichtigste Kunstmesse der Welt beginnt in wenigen Tagen in Basel. Aus Zürich kommt nun erste Hilfe für das Stiefkind der Messe, die digitale Fotografie. Ein illusterer Avantgardist lanciert das Portal «Unframed».

Daniele Muscionico
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Der koreanische Fotokünstler Eui-Jip Hwang kritisiert mit seiner Arbeit die Obsession plastischer Chirurgie in seiner Heimat. Aus der Serie «Live Your Dream» .

Der koreanische Fotokünstler Eui-Jip Hwang kritisiert mit seiner Arbeit die Obsession plastischer Chirurgie in seiner Heimat. Aus der Serie «Live Your Dream» .

Er kann es nicht lassen, er hat es wieder getan: Einer der international besten Kenner von Joseph Beuys, der Düsseldorfer Hans Peter Riegel, bringt erneut Unruhe in die Kunstszene. Zum 100. Geburtstag von Beuys stiess er die Weltgemeinde des Künstlers mit einer ernüchternden Lesart des heldischen Filzmeisters vor den Kopf. Riegels anderes Hauptinte­resse gilt der digitalen Kultur in allen Spielarten. Auf diesem sumpfigen Gelände nun rammt er seinen jüngsten Pfahl ein. Denn von Beuys hat er gelernt, in einem Interview für SRW sagt er es so: «Ich verdanke ihm den unabdingbaren Willen, etwas zu bewirken.»

Was dieses neue «Etwas» sein wird, steht noch in den Sternen. Fakt ist: Riegel lanciert eine Onlineplattform – und einen globalen Marktplatz – für digitale Fotokunst und NFTs, «Un­framed». Das hat in der Schweiz so bisher keiner versucht.

Digitale Kunstfotografie überfordert die Institution

Selbst die Photo Basel, die wichtigste kuratierte Messe des Landes für Fotokunst, die anlässlich der Art in ein paar Tagen eröffnet, unternimmt erst seit letztem Jahr weit Bescheideneres. Die auf Kunstfotografie spezialisierte Schau «wagte» (sic) sich zum ersten Mal ins Digitale. Ein kleines «NFT Cabinet», 2021 bestückt mit 16 Künstlerinnen und Künstlerin, soll darüber hinwegtäuschen, dass man hierzulande digitale Fotokunst sträflich ignoriert.

Der italienische Künstler Federico Ciamei reflektiert sein Land und fragt sich, wie Neues entstehen kann, wenn Tradition in der Gesellschaft so tief wurzel, wie in seiner Heimat.

Der italienische Künstler Federico Ciamei reflektiert sein Land und fragt sich, wie Neues entstehen kann, wenn Tradition in der Gesellschaft so tief wurzel, wie in seiner Heimat.

Bild PD

Digitale Kunst ist das ungeliebte Kind von Museen und Galerien. Das Terrain des Virtuellen ist schwer zu vermessen, die Qualitätsfrage in Bezug auf die Kunst, die sich dort tummelt, umstritten. Die NFTs jedenfalls, die seit Corona auf den Markt drängen, teilen selbst Kunstexpertinnen in zwei Lager. Für die einen ist dies ein Hype der proletarischen Art, Abzocke mit Suchtpotenzial, für die anderen bedeutet das virtuelle Format mit Kunstanspruch den Aufbruch in die Zukunft.

Riegel ist Unternehmer, Art Director und selbst Künstler, er lebt in Zürich. Hier haben er und sein Team am Wochenende mit einer Pop-up-Ausstellung den Start von «Unframed» lanciert: Eine Geburtsparty für ein Kind, das im Namen seine Vision trägt. «Un­framed» ist dann, wenn der Frame, der (Bilder)Rahmen dazu da ist, um aus diesem zu fallen.

Die Projekte und Themen der digitalen Fotoszene, die sich hier gemeint fühlt, sind Grenzüberschreitungen der Konvention und der Konstruktion. Gesellschaftliche Relevanz vorausgesetzt. In der ersten Ausstellung fiel der südkoreanische Künstler Eui-Jip Hwang auf. Seine Arbeit «Live Your Dream» untersucht kritisch den exorbitanten Schönheitsboom seiner Heimat. Südkorea, einst eines der ärmsten Länder der Welt, heute der Hub der plastischen Chirurgie, scheint sich mit dem «Make­over» seiner Gesellschaft den Idealen Hollywoods anzuschliessen. Gesichtsverlust der anderen Art. Eu-Jip Hwang jedenfalls meint: «Die Idee, unsere Identität zu verändern, ist ein Nebenprodukt des westlichen Einflusses.»

Amsterdam wartet, Singapur ruft

Für seine Bildproduktion verwendet der Künstler sowohl dokumentarisches Material etwa aus der Werbung wie auch fiktives Material: Digitale Fotografie ist fluid. In der Szene ist das neue Digital zudem bereits das alte Analog, man spricht bereits von Post-Digital. An der Lauch-Party waren Künstlerinnen und Künstler aus Europa und Übersee angereist. Digitale Fotokunst ist üblicherweise im Netz zu Hause, umso mehr schätzt man die Möglichkeit einer Begegnung in Echtzeit.

Auf die Bedürfnisse dieser Art von Plattform aufmerksam wurde Riegels Team als Gründer des Festivals «Digital Art Zurich» vor 15 Jahren; inzwischen rühmt sich dieser Anlass, der grösste digitale Kulturevent der Schweiz zu sein. Selbst im Coronajahr 2020 war die Durchführung geglückt, ein ausverkauftes Konzert mit digitaler Musik in der historischen Wasserkirche als Höhepunkt. Auch «Un­framed», das Folgeprojekt, hat bereits grosse Pläne. Die Web-, Ausstellungs-, Event- und Community-Plattform aspiriert darauf, sich als Wandermesse zu etablieren. Erste Interessensbekundungen gibt es offenbar aus Amsterdam und Singapur.

www.unframed.world