Bühne
Milo Rau und Junge Dramatik Made in Aargau: Die Theaterhighlights dürfen Sie im Herbst nicht verpassen

Das Kurtheater Baden und die Bühne Aarau präsentieren für die Saison 2022/23 eine aufregende Spielzeit mit viel Rausch und mit vielen morbiden Tönen. Von Tanz, Sprechtheater bis zu Zirkusaufführungen ist alles dabei.

Julia Stephan
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Tabea Martins Tanzstück «Forever» denkt über das Jenseits nach – und berührt Kinder wie Erwachsene gleichermassen.

Tabea Martins Tanzstück «Forever» denkt über das Jenseits nach – und berührt Kinder wie Erwachsene gleichermassen.

Zwischen der Feier und der Vergänglichkeit des Lebens bildet das Aargauer Theater in der kommenden Spielzeit das ganze Spektrum menschlicher Erfahrungen ab. Der Blick auf die Spielpläne zeigt: Der Aargau ist auf gutem Weg, in der Schweiz ein wichtiger Standort für Zirkus und Tanz zu werden. Die Wege in die Zukunft werden nicht nur kreativ beschritten. Auch das Flanieren selbst ist in der neuen Saison eine wichtige Kunstform geworden.

So eröffnet das Kurtheater Baden am 2. September seine Spielzeit mit einem vom Tanzkollektiv PR •SMA konzipierten Spaziergang durchs Bäderquartier. Das Theater am Bahnhof (TaB*) in Reinach feiert diesen Herbst den 80. Geburtstag des Schriftstellers Hermann Burger (1942-1989) unter anderem mit einem audio-performativen Spaziergang durch Burgers Geburtsort Menziken und Reinach von Pascal Nater. Das Projekt bildet den Auftakt zu einer grossen «Schilten»-Inszenierung.

Im Theater wird sogar der Tod zum Spaziergang

Das Ende Saison am Kurtheater Baden wird im Juni ebenfalls mit einem eineinhalbstündigen Spaziergang durch die Stadt von Alicia Aumüller und Barbara Weber eingeläutet. «Dear Jane Doe» begibt sich auf die Suche nach einer toten Unbekannten und ist ein Abend über Verlust und Tod. Ein Thema, das sowohl am Kurtheater wie auch an der Bühne Aarau – die Pandemie mag ihren Anteil daran gehabt haben – allgegenwärtig ist. Oder wie es Peter-Jakob Kelting, Leiter der Bühne Aarau, formuliert: «Die Theaterschaffenden setzen sich zurzeit wieder vermehrt mit existenziellen Fragen zum Thema Vergänglichkeit, Sterben und Tod auseinander. Diese Themen ziehen sich auch durch unseren Spielplan – als Kontrast dazu feiern wir beispielsweise mit poetischen Zirkusinszenierungen das Leben.»

Dazu gehört auch der kraftvolle Abend «A simple Space» der australischen Gruppe Gravity & Other Myths. In direkter Nähe zum Publikum bilden die Artisten eindrucksvolle Menschentürme. In Aarau ist man aber auch unfreiwillig aktuell unterwegs. Das Gastspiel «Antigone» der Württembergischen Landesbühne Esslingen stellt in Zeiten des Krieges Fragen nach menschlichem Handeln in grausamen Herrscherverhältnissen.

Milo Rau-Stück erstmals in der Deutschschweiz

Zu dem skizzierten Künstlertypus, der sich mit existenziellen Fragen auseinandersetzt, gehört auch die Tanzchoreografin Tabea Martin, eine der spannendsten Figuren der Schweizer Tanzszene. Ihre Trilogie über Vergänglichkeit, die sie nach dem Tod ihres Partners erarbeitet hat, wird in Baden und Aarau erstmals umfassend zu sehen sein. Für die Choreografie «Forever» hat sie Kinder zu ihren Jenseitsvorstellungen befragt. Und diese sind auch als Publikum, sofern sie das achte Lebensjahr erreicht haben, durchaus mitgemeint.

Bei der Bühne Aarau startet man ein Jahr nach der feierlichen Eröffnung der Alten Reithalle am 7. September mit «Schauplatz für die Kunst» des international erfolgreichen und aus Lenzburg stammenden Musiktheatermanns Ruedi Häusermann. An der raumgreifenden Arbeit, in der Streichquartette, das Licht und die Keramikskulpturen von Häusermanns Bruder Ernst in einen Dialog treten, werden alle Nostalgiker ihre helle Freude haben: Im Ostteil der Halle wird extra das Orchesterpodium entfernt – der Charme des Provisoriums, der lange diesen Spielort ausgemacht hat, kehrt zurück.

Erstmals in der Deutschschweiz zu sehen sein wird Milo Raus viel gelobter Abend «Familie», im März am Kurtheater Baden. Die wahre Geschichte einer Familie, die sich ohne ersichtlichen Grund selbst ausgelöscht hat, wird im Stück nachgespielt – von einem Schauspielehepaar mit ihren zwei Kindern.

Freuen darf man sich auch auf die ersten Premieren der neu fünfköpfigen Leitung des Theater Marie. Bühne-Aarau-Leiter Peter-Jakob Kelting:

«Die neue Leitung des Theater Marie ist ein deutliches Bekenntnis zum literarischen Theater und ein Statement in Richtung freie Szene, in der es inzwischen unüblich geworden ist, sich mit geschriebenen Texten zu beschäftigen.»

Das neue Leitungsmitglied, die Schweizer Buchpreisträgerin Martina Clavadetscher, macht im Januar 2023 aus Friedrich Schillers «Räuber» Räuberinnen und setzt das Gewaltpotenzial des Klassikers in Tarantino-Ästhetik um. Die zweite von drei Literatinnen im Team, die aufstrebende Autorin Maria Ursprung, hat für ihr Stück «In Dubio» eine intensive Justizrecherche betrieben und versucht den Ruf des Zweifels zu retten. Beide Stücke werden in Aarau und Baden zu sehen sein.

Die Saisonprogramme finden Sie auf www.buehne-aarau.ch und www.kurtheater.ch