Porträt
Sie ist als erste Chinesin für den Regie-Oscar nominiert – wer ist Chloé Zhao, der neue Stern am Hollywoodhimmel?

Mit dem Roadmovie «Nomadland» positioniert sich die 39-jährige Chinesin Chloé Zhao als Favoritin für den Regie-Oscar. Sie ist die erste Asiatin, die in dieser Kategorie nominiert ist – und wäre erst die zweite Frau, die ihn gewänne.

Marlène von Arx
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Chloé Zhao faszinieren die unendlichen Weiten des amerikanischen Westens.

Chloé Zhao faszinieren die unendlichen Weiten des amerikanischen Westens.

Bild: Taylor Jewell/AP/Keystone

Chloé Zhao denkt viel über Vergänglichkeit nach. «Wenn ich Dokumentarfilme machen würde, würden sie von verschwindenden Dörfern oder aussterbenden Tieren handeln», sagt sie. Aber sie hat sich dem Spielfilm und dem Natura­lismus verschrieben. Dem Land und den Leuten. Kaum eine Filmemacherin oder ein Filmemacher der letzten Jahre hat es geschafft, das Amerika fernab von den pulsierenden Küstenstädten so unmittelbar und authentisch zu zeigen wie die 39-jährige Chinesin.

Die Fachzeitschrift «The Hollywood Reporter» lobte die «knochentiefe Identität» in ihrem Debütfilm «Songs My Brother Taught Me» (2015), ein Geschwisterdrama im Indianerreservat Pine Ridge. Im Drama-Dok-Hybrid «The Rider» (2017) richtete sie ihre ­Kamera auf die Badlands von South Dakota und die Zukunftsperspektiven eines verunfallten Rodeo-Reiters. Der Film gewann den Art Cinema Award in Cannes und schaffte es auf viele ­Top-Ten-Listen inklusive jener von Barack Obama.

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Mit «Nomadland» schreibt sie nun Geschichte: Sie ist die erste Asiatin, die für einen Regie-Oscar nominiert ist, und wenn sie gewinnt, wäre sie erst die zweite Frau nach Kathryn Bigelow («The Hurt Locker»), die in dieser Kategorie ausgezeichnet wird. Zhao ist nicht nur als Regisseurin und Produzentin nominiert, sondern auch für das adaptierte Drehbuch (basierend auf dem Roman von Jessica Bruder) und für den Schnitt. Mit den beiden weiteren Nominationen (beste Kamera für ihren Partner Joshua James Richards, beste Hauptdarstellerin für Frances McDormand) gilt der Roadmovie als Favorit am 25.April.

Unterwegs mit den Nomaden der Neuzeit

«Nomadland» ist ein modernes Pionierdrama für die zweite Lebenshälfte: Als die Gipsfabrik schliesst, verliert Fern (Frances McDormand) ihren Job und das Dorf seinen Puls. Die Witwe gibt ihren Wohnsitz auf und kauft sich einen Minibus, in dem sie fortan lebt und von einem Saisonjob zum nächsten reist. Unterwegs trifft sie ­andere Neuzeitnomaden und lernt, mit den Einschränkungen sowie der Freiheit umzugehen.

«Die Suche nach dem nächsten Horizont ist der Grundstein, auf dem dieses Land aufgebaut wurde», erklärt Chloé Zhao die Fas­zination der unendlichen Weiten des amerikanischen Westens. «Diese Unrast lebt im Herzen aller Amerikaner. Auf der persönlichen ­Ebene ist es eine Suche nach dem Selbst. Wir fahren weiter, weil nicht mehr ist, was uns hier definierte. ‹Wir sehen uns entlang der Landstrasse›, ­sagen die Nomaden dann zum Abschied.»

Die Zahl der Menschen, die in den USA freiwillig oder notgedrungen in Autos, Minibussen und Wohnmobilen leben, geht in die Millionen. Viele sind im Pensionsalter. Das sei verständlich, so Zhao:

«Die westliche, kapitalistische Gesellschaft hat vergessen, sich um seine ältere Generation zu kümmern. Viele haben nicht mehr als 500 Dollar im Monat zur Verfügung, auch wenn sie ihr ganzes Leben gearbeitet haben.»
Chloé ZhaoAmerikanische Regisseurin und Drehbuchautorin

Chloé Zhao
Amerikanische Regisseurin und Drehbuchautorin

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Die in Peking geborene und in Kali­fornien lebende Filmemacherin glaubt, dass sie als Aussenstehende weder eine klarere noch eine verklärtere Sicht auf das Problem hat. Als Aussenseiterin fühle sie sich ohnehin überall, und dass man nur die eigene Community im Film reflektieren dürfe, davon hält sie nichts: «Wir haben die Fähigkeit, ­Beziehungen zu Menschen zu entwickeln, die nichts mit uns gemein haben. Es ist Zeit, sich daran zu erinnern», fordert sie via Zoom aus ihrem Warner-Bros.-Büro in Burbank.

Sie glaubt, die Welt zu verbessern, indem sie die Geschichten anderer mit Respekt erzählt. «Jede Kultur hat ihre eigene Version des ‹going west›-Drangs: In China ist es der Klassiker ‹Die Reise in den Westen›. Als Kind bin ich immer von Peking in den Westen zu den Pferden und den Leuten in der Inneren Mongolei gereist.»

Damals sei sie eine schlechte Schülerin und Rebellin gewesen. «Aber nicht von der coolen Sorte», lacht sie. Mit 15 schickten sie ihre Eltern in ein Internat nach London, wo sie Wong Kar-Wais «Happy Together» und die ebenso introspektiven Filme von Terrence Malick entdeckte. In die Filmschule ging sie in den USA, und via Sundance Writer’s Lab produzierte sie ihren ersten Spielfilm.

Neue Chancen für fremdsprachige Filme

Die Authentizität ihrer Filme rührt nicht zuletzt daher, dass ihre Figuren buchstäblich aus dem Leben gegriffen sind: In «‹Nomadland› spielen Langzeitnomaden sich selber. Auch von Frances McDormand verlangte Zhao, eine Version von sich selber zu spielen. Was diese Methode für ihren nächsten Film ‹Eternals›, ein Marvel-Event­movie mit Angelina Jolie, bedeutet? «Man darf sich auf eine Dosis Terrence ­Malick gefasst machen», schmunzelt sie nur und versichert, dass sie den Film ganz nach ihren Wünschen umsetzen konnte.

Zhaos Aufstieg in die A-Liga kommt zu einer Zeit, in der Hollywood seine asiatische Künstlerminderheit in die Arme zu schliessen beginnt: Die chinesisch-amerikanische Filmemacherin Lulu Wang adaptiert nach ihrem autobiografischen Hit «The Farewell» nun eine Prime-Video-Serie für Nicole Kidman. Lee Isaac Chung setzt sich derzeit in den USA mit der koreanischen Immigrantengeschichte «Minari» durch.

Auch die Academy signalisierte letztes Jahr mit dem Sieg von Bong Joon Hos «Parasite» in den Kategorien bester internationaler Film und bester Film einen Aufbruch und neue Chancen für fremdsprachige Filme. Es ist daher durchaus möglich, dass mit «Minari» und «Nomadland» zum ersten Mal zwei Filmemacherinnen und Filmemacher mit asiatischen Wurzeln die Königskategorie Bester Film untereinander ausmachen. So oder so: Es wird mit beiden ein Wiedersehen geben – irgendwo entlang der Landstrasse.

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«Nomadland» (USA 2020) 108 Min. von Chloé Zhao.