Pop/Folkmusik
50 Jahre nach seinem Hit «Morning has broken» sagt Cat Stevens: «Meine Musik hat sich gut gehalten»

Als Cat Stevens sang er 1970 «Morning has broken», dann konvertierte er zum Islam und hiess fortan Yusuf Islam. Nun hat er die alten Songs neu aufgenommen.

Interview: Steffen Rüth
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Der Singer/Songwriter singt seine Hits seit kurzem wieder als Cat Stevens.

Der Singer/Songwriter singt seine Hits seit kurzem wieder als Cat Stevens.

Bild: Larry Busacca/Getty (New York, 13. Juni 2019)

«Morning Has Broken», «Wild World», «Father & Son» – die Liste der zeitlosen Welthits des Cat Stevens ist lang. Zum 50-Jahr-Jubiläum hat der englische Singer/Songwriter seine zwei besten Alben «Mona Bone Jakon» und «Tea For The Tillerman» (beide erschienen 1970) mit Zusatzmaterial wiederveröffentlicht. Mitte der 1970er-Jahre konvertierte Stevens zum Islam. Er wuchs als Sohn des Zyperngriechen Stavros Georgiou und der Schwedin Ingrid Wickman in London auf. Heute lebt er mit seiner Familie in London und in Dubai. Wir unterhielten uns am Telefon mit dem 72-jährigen Vater von fünf Kindern, der sich nach seinem Übertritt zum Islam Yusuf Islam nannte, nun aber offiziell als Yusuf/Cat Stevens firmiert und den Eindruck eines Mannes macht, der Frieden gefunden hat.

Yusuf, von woher melden Sie sich?

Aus Dubai.

Sind Sie vor Corona geflüchtet?

Dubai ist schon seit 2010 der Ort, an dem ich die meiste Zeit verbringe. Dieses Jahr sind wir nach dem Winter aber einfach hiergeblieben und gar nicht mehr gereist. Es läuft in Dubai vergleichsweise gut mit der Pandemie, speziell, wenn ich sehe, was gerade in Grossbritannien los ist.

In Dubai muss alles immer grösser und höher sein als anderswo. Der Ort wirkt protzig und neureich, üblicherweise wimmelt es von Touristen. Ausgerechnet da haben Sie Ihre Wahlheimat gefunden?

Mir und meiner Familie gefällt es einfach sehr gut. Ich entdeckte Dubai 2001. Damals war hier noch mehr Wüste und weniger Glitzer, das kam erst in den Jahren danach. Wir wohnen nicht mitten im Trubel. Ich kann mich hier gut auf meine Arbeit, speziell auf das Schreiben, konzentrieren. Die meisten meiner Kinder und Enkel sind auch da, wir haben ein schönes, ruhiges Familienleben. Trotzdem meckert meine Frau immer, dass ich zu viel arbeiten würde. Doch das ist eben meine Natur. Seit ich als kleiner Junge begann, im Restaurant meines Vaters in London zu singen, habe ich nicht mehr wirklich mit der Arbeit aufgehört.

Was haben Sie vom Jahr 2020 gelernt?

Dass wir eine grosse Verantwortung haben für die Welt, in der wir uns bewegen. Unsere Aufgabe besteht darin, vorsichtiger und rücksichtsvoller mit diesem wunderschönen Planeten umzugehen, auf dem wir leben dürfen. Wir sind nur Menschen, und im Kampf mit dem Virus wird uns bewusst, wie klein und machtlos wir in Wirklichkeit sind. Ich habe viel nachgedacht über unser Verhältnis zur Natur. Wir müssen uns als Teil der Schöpfung betrachten, nicht als deren Zentrum.

Lag Ihnen die Frage, wie wir im Einklang mit der Natur leben können, nicht schon immer am Herzen?

Das ist wahr. «Where Do The Children Play» zum Beispiel ist ein Song über die Zerstörung unserer Ressourcen und über eine Generation von Kindern, die statt im Grünen im urbanen Dschungel aufwachsen musste. Das sind heute unvermindert sehr relevante Sorgen. Eine bewundernswerte Persönlichkeit wie Greta Thunberg greift diese Fragen auf und führt uns vor Augen, dass wir keine Zeit mehr verlieren dürfen.

Das Lied erschien vor fünfzig Jahren. Eine Umweltbewegung im heutigen Sinn gab es noch gar nicht. Wie erklären Sie sich, dass Ihre Ideen von damals heute fast noch relevanter geworden sind?

Manchmal öffnet sich dir als Künstler ein kleines Fenster. Ein Fenster aus Erfahrungen und Erwartungen. Und durch dieses Fenster erhaschst du dann vielleicht einen Blick in die Zukunft. Ich war 1968 sehr krank, litt an Tuberkulose. Übrigens eine Situation, die mich an die jetzige erinnert: Ich war vollständig isoliert auf dem Land in einem Spital, der Tod war dort plötzlich sehr nah für einen jungen Mann von 20 Jahren. Jedenfalls war diese Zeit, rückblickend betrachtet, ein Geschenk. Damals lernte ich, dass man behutsam und pfleglich mit dem Leben umgehen muss. Ich dachte viel nach, reifte und entwickelte eine Haltung, für die es damals noch gar kein Wort gab und die man heute Achtsamkeit nennt.

Hat die Tuberkulose als gerade mal Erwachsener Ihre Einstellung dem Leben gegenüber verändert?

Die Krankheit hat mich mit dem Blues verbunden, mit der Musik und mit dem Gefühl. Sie hat mich melancholischer gemacht. Ich hörte damals sehr viel von dieser traurigen Musik, die sogleich sehr kämpferisch auf mich wirkte. Der Blues trat damals schon gegen Rassismus und Ungerechtigkeit an.

Wollten Sie mit Ihrer Musik denn damals die Welt verändern?

Nein, so würde ich es nicht ausdrücken. Ich hatte jedoch instinktiv das Gefühl, mit diesen Liedern eine Botschaft an die Welt zu senden. Die Botschaft von der Begeisterung für das Leben. Die Botschaft, dass es glücklich macht, Wissen und Weisheit zu sammeln, seinen Horizont stetig zu erweitern.

Ihre Alben «Mona Bone Jakon» und «Tea For The Tillerman», beide 1970 veröffentlicht, wurden zu Klassikern. Die Songs «Wild World» und «Father & Son» sind auch heutigen Jugendlichen geläufig und wurden tausendfach gecovert. War Ihnen bewusst, musikalisch Ihrer Zeit voraus zu sein?

Niemand weiss, dass er ein Meisterwerk erschafft, während er genau das gerade tut. Diese Bewertungen kommen erst später und dann auch nicht von einem selbst. Ich kann immerhin sagen, dass «Mona Bone Jakon», ein so pures und minimalistisches Album, mein liebstes von allen ist. Meine Musik hat sich gut gehalten.

Ihre Songs vermitteln Zuversicht. Ist Ihnen das wichtig?

Sogar sehr. Mich erfreut und befriedigt es ungemein, dass meine Lieder aus welchen Gründen auch immer Hoffnung und Optimismus verbreiten. «Peace Train», «Changes» oder «Morning Has Broken» haben einen positiven Effekt auf die Gedanken vieler Menschen, die Zukunft betreffend. Sie rühren und berühren. Ich erinnere mich an diesen riesengrossen, wirklich sehr bärtigen deutschen Kerl, der während eines Konzerts in Deutschland ohne jede Hemmung weinte. Es zeigt, dass Musik den sensiblen Teil unseres Wesens, der so oft vom modernen Leben verschüttet wird, erreichen kann.

Besonders «Father And Son» ist so ein Tränendrücker, oder?

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern lässt niemanden kalt. Ich schrieb das Lied ursprünglich für ein Musical über die Russische Revolution. Der Sohn wollte mit den Aufständischen marschieren, doch der Vater verlangte, dass er sich daheim um den Bauernhof kümmert. Es geht in «Father And Son» um den Drang nach Veränderung auf der einen und das Establishment auf der anderen Seite.

Repräsentieren Sie für Ihre Kinder so etwas wie das Establishment?

Ich bin weit davon entfernt. Es gibt höchstens manchmal kleinere Tauziehen. Und meistens haben ja sowieso die Kinder recht. Mein Sohn zum Beispiel war derjenige, der mich mit meiner Gitarre versöhnte, während eines Familienurlaubs. Ich dachte, ich brauche sie nicht mehr. Mein Sohn brachte sie zurück und eröffnete mir eine Welt, die mir noch vertraut war, von der ich aber dachte, ich sähe sie nie wieder.

Sie konvertierten Mitte der Siebzigerjahre zum Islam, gaben Ihre Karriere und Ihren Namen auf. Erst 2006 veröffentlichten Sie wieder ein Album. Warum kehrten Sie zurück zur Folkmusik?

Ich erkannte das Verbindende. Die kommunikative Macht von Musik ist gigantisch. Mit einem Song kannst du 10'000 Menschen in einer Arena erreichen. Dieses Gefühl wollte ich wieder spüren.

Begann Yusuf Islam den alten Cat Stevens zu vermissen?

Ich glaubte lange, dem sei nicht so. Ich erreichte mein Publikum mit islamischen Liedern, durch meine humanitäre Arbeit. Mit unserer Organisation «Peace Train» haben wir Schulen gebaut und engagieren uns für Nahrung, Bildung und Spielplätze. Erst wenn die Menschen nicht mehr hungern, kann man sich um alles weitere kümmern.

Sie haben Yusuf und Cat Stevens jetzt quasi wiedervereinigt. Wie kam es dazu?

Das war ein längerer Prozess. Die Plattenfirma fragte mich seit vielen Jahren, ob ich mich denn nicht wieder Cat Stevens nennen wolle. Ich habe lange gezögert, doch irgendwann dachte ich «Warum denn eigentlich nicht?» Cat Stevens ist eine Marke. Der Name ist grösser als ich selbst. Mich nicht mehr Cat Stevens zu nennen, ist ja ungefähr so, als würde Paul McCartney bestreiten, einer der Beatles gewesen zu sein.

Ihre beiden Alben sind als «Super Deluxe Box Sets» wiederveröffentlicht worden. Was hält ein Haudegen wie Sie vom Streaming?

Da bin ich aufgeschlossen. Es gibt ja immer weniger Geräte, auf denen man CDs noch abspielen kann. Mein Lieblingsmedium bleibt Vinyl, aber Streaming ist eine Notwendigkeit geworden. Die Labels fanden darin einen Weg, einen Teil ihres durch Piraterie verlorenen Einkommens wiederzuerlangen. Ohne Spotify und Co. hätte die Musikindustrie vielleicht nicht überlebt.

Cat Stevens: Mona Bone Jakon und Tea For The Tillerman (Super Deluxe Box Set).