Angeheitert, berauscht, besoffen: Ein Dreistufenplan für einen guten Rausch

Oscar-Gewinner im Kino
Angeheitert, berauscht, besoffen: Ein Dreistufenplan für einen guten Rausch

HO

Alkohol kann auch gut sein – davon handelt «Drunk». Und dafür gab es einen Oscar. Wir haben von Regisseur Thomas Vinterberg wissen wollen: Hat er ein Rezept für wohl dosierten Alkoholkonsum?

Dieter Osswald
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Thomas Vinterberg – der Schicksalsschlag

Eben erst wurde «Drunk» aus Dänemark bei den Oscars als bester internationaler Film ausgezeichnet. Autor und Regisseur war Thomas Vinterberg. Die Tragikomödie erzählt von einem Lehrer, gespielt von Mads Mikkelsen, der mit Alkohol zu mehr Lebensfreude und besseren Leistungen kommen will – und natürlich scheitert.

Zu den stärksten Filmen des Dänen aus jüngerer Zeit gehört das oscarnominierte Drama «Jagten» (2012), in dem ein Kindergärtner des Missbrauchs beschuldigt wird (ebenfalls mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle). Den Film «Drunk», wie auch den Oscar, hat Thomas Vinterberg in einer emotionalen Dankesrede seiner Tochter Ida gewidmet, die vier Tage nach Drehstart mit 19 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam.

Das Gespräch mit Thomas Vinterberg fand noch vor der Verleihung der Oscars statt.

Thomas Vinterberg – das Interview

Als Sie auf der Berlinale «Der Rausch» ankündigten, prophezeiten Sie einen Shit-Strom wegen des Feierns von Alkohol. Nun bekommen Sie beste Kritiken und Preise dafür.

Thomas Vinterberg: Das Projekt hat sich verändert. Zu Beginn war die Idee, etwas Sensationelles, leicht Provokatives über Alkohol zu erzählen. Churchill zum Beispiel schickte 200000 Zivilisten in den Krieg. Bei dieser Entscheidung war er nicht betrunken, vermutlich aber eben auch nicht nüchtern. Dann erkannte ich, viel faszinierender ist das Thema, wie diese akzeptierte Droge die Menschen beflügeln und gleichzeitig tödlich sein kann. Trinken zerstört Familien und Gesellschaften. Ich wollte die ganze Geschichte über Alkohol erzählen. Danach wurde ich noch ambitionierter: Es geht nicht mehr nur um Alkohol, sondern um das Leben. Darum, sich selbst das Unkontrollierbare zu erlauben.

Stimmt diese Story mit Churchill oder ist das eine Legende?

Wir wissen nicht, ob diese Geschichte stimmt. Aber viele Zeitzeugen erzählen von seiner Vorliebe für Champagner zum Frühstück. Für mich klingt sein Vorhaben auch nicht nach einer Idee im Suff. Vielmehr ist es ein sehr mutiger und überzeugend irrationaler Plan.

«Genau solche Ideen bekommt man im Stadium zwischen nüchtern und betrunken.»

Ihre Film-Trinker berufen sich auf den norwegischen Psychiater Finn Skårderud, wonach dauerhafter Alkohol-Genuss die Leistung steigere. Gibt es diesen Trinker-Denker oder haben Sie ihn erfunden?

Finn Skårderud existiert, seine Theorie existiert seit 20 Jahren und er steht bis heute dazu. Er sagt, durch Alkohol wird man mutiger und kreativer, doch das meint er polemisch. Ich habe ihn getroffen und er war begeistert, dass wir seine Theorie im Film aufgreifen. Vor allem mochte er, dass wir dieses Thema nicht mit einer moralischen Botschaft versehen.

Regisseur, Dogma-95-Verfechter, Oscar-Gewinner: Thomas Vinterberg.

Regisseur, Dogma-95-Verfechter, Oscar-Gewinner: Thomas Vinterberg.

Bild: Chris Pizzello / EPA

Schauspieler, die Betrunkene spielen, wirken selten glaubhaft. Wie haben Sie das Problem gelöst, mit echtem Alkohol für die Akteure?

Die Schauspieler haben beim Dreh keinen Alkohol getrunken – was sie in den Pausen im Wohnwagen gemacht haben, weiss ich allerdings nicht (lacht). Einen zwölfstündigen Drehtag würde man betrunken nicht durchstehen. Einen Besoffenen zu spielen bedeutet harte Arbeit, zudem viel Recherche:

«Wir haben reichlich russische Videos auf Youtube angeschaut.»

Bis zu einem gewissen Promillegehalt geht es darum, die Betrunkenheit zu verbergen und so zu tun, als wäre man nüchtern: Man bewegt sich ganz besonders präzise. Mehr Alkohol macht die Sache schwierig, dann wird Bewegung zu einem tragischen Ballett.

Zum Happy End darf Mads Mikkelsen zeigen, was er einst auf der Tanzschule gelernt hat. Wie kam es zu diesem fröhlichen Schluss?

Solche Dinge bekommt man als Bonus, wenn man Rollen schreibt für Leute, die man gut kennt. Aus diesem Grund schreibe ich meine Figuren fast immer mit vertrauten Schauspielern im Hintergrund. Bei Mads wusste ich von seiner Tänzer-Vergangenheit und ich wollte zeigen, wie sich seine Figur sich mit diesem Tanz regelrecht befreit.

Tanzen statt trinken, wäre das eine Botschaft des Films für Sie?

Ich habe keine Botschaft! Aber meine eigene Lektion wäre: Das Unkontrollierbare im Leben zulassen! Sich zu verlieben oder Ideen entwickeln funktioniert besser ohne Kontrolle. Man sollte mehr Risiko und Neugier im Leben wagen.

Nicht nur Ihren Filmhelden gelingt dieses Wagnis vor allem mit Alkohol...

Stimmt, dieses Phänomen wollte ich im Film erforschen. Machen wir ein Gedankenexperiment: Was wäre, hätte Gott die Welt ohne Alkohol geschaffen? Ich bin sicher, wir hätten dann eben einen anderen Weg zum Unkontrollierbaren gefunden.

Was wäre passiert, hätten sich Ihre Figuren an die 0,5-Promille-Grenze gehalten. Mit diesem Level ging es ihnen doch tatsächlich sehr viel besser?

Ich habe gelernt, dass Alkohol in Phasen kommt. In Stufe 1 wird die Person eine aussergewöhnlich beflügelte Version ihrer selbst. In Stufe 2 muss man trinken, um wieder sich selbst zu sein. Denn jetzt ist man ein miese Version seiner selbst und braucht Alkohol, um in den ursprünglichen Zustand zu kommen. Der Übergang von Phase 1 zu 2 geschieht unmerklich. In Stufe 3 schliesslich kommt es zu körperlichen Problemen, wenn man nicht trinkt. Deswegen empfehle ich, in Stufe eins zu bleiben. Wer ehrlich zu sich ist, wird erkennen, wie knapp man vor Stufe 2 steht: Du brauchst deinen Wein zum Essen, um weniger mies gelaunt zu sein. Oder du trinkst jeden Abend deine Flasche Roten. An dieser Stelle sollte man aufhören, und zwar für eine längere Zeit. Nur so kommt man zurück in Stufe 1.

Der Rausch – die Kurzbesprechung unserer Filmkritikerin Regina Grüter

Leider nicht viel mehr als Gute-Laune-Kino

Vier befreundete Gymnasiallehrer feiern im Restaurant. Martin (Mads Mikkelsen) ist niedergeschlagen. Er ist ein Langweiler geworden. Nikolaj, er unterrichtet Psychologie, bringt die Theorie eines norwegischen Psychiaters ins Spiel: Wenn man vernünftig trinkt, steigert dies das Selbstvertrauen, und das Leben macht mehr Spass. Die Vier wollen die Theorie in der Praxis erproben und die Auswirkungen auf fachliche und psychosoziale Kompetenzen untersuchen. Weder nüchtern noch besoffen, war die Idee. Bald reichen 0,5 Promille nicht mehr, und die ganze Versuchsanordnung läuft aus dem Ruder.

Die Idee ist super! Es gehe um Kontrollverlust, so Thomas Vinterberg. In der sehr konventionellen filmischen Umsetzung ist davon nichts zu spüren. Vinterberg sucht nicht nach neuen Formen – der Verfechter des «Dogma 95»-Manifests hält nach wie vor nichts von Wirklichkeitsentfremdung. Von dramaturgischer Vorhersehbarkeit eigentlich auch nicht; das kann er aber nicht einlösen. Man darf «Drunk» getrost als Gute-Laune-Film bezeichnen, was ja nichts Schlechtes ist. Was will er damit sagen? Vielleicht: Man darf auch mal feiern und ausgelassen sein. Also sauft, Leute! Aber bitte kontrolliert.

Filmtrailer und Infos

«Drunk» (DK 2020, 117 Min.); Regie: Thomas Vinterberg; ab Donnerstag im Kino

Trailer «Drunk».

Quelle: Youtube