TALENTSCHUPPEN
«Oh läck Du mir!» – das Schweiz-Musical mit Susanne Kunz räumt ab

Am Wochenende ging der neuste Musical von Charles Lewinsky los, eine Granate. «Oh läck Du mir!» mit den Ohrwurm-Hits des Trio Eugster pfeffert die 70er-Jahre in der Schweiz nach. Oder ist der Abend vielleicht ein charmanter Etikettenschwindel?

Daniele Muscionico Jetzt kommentieren
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Selbstjustiz mit 70er-Jahre-Groove. Quartierbewohner, aktiv hier der "Halbstarke", Jimmy (Fabian Koller) leisten dem Fiesling und Spekulanten (Diego Valsecchi) handfesten Widerstand.

Selbstjustiz mit 70er-Jahre-Groove. Quartierbewohner, aktiv hier der "Halbstarke", Jimmy (Fabian Koller) leisten dem Fiesling und Spekulanten (Diego Valsecchi) handfesten Widerstand.

Christian Knecht

Bombig ist das, granatenmässig. Das neue Schweizer Volkstheater ist ein Musical. Am Wochenende hat ein kleines Stück Lokalgeschichte, angesiedelt im Zürcher Arbeiterquartier der 70er-Jahre, den Exploit geschafft. Ein zupackendes, personalstarkes Live-Orchester und ein Cast von über 20 enthusiastischen Sängerinnen und Tänzern – darunter Susanne Kunz als Wirtin und neue Margrit Rainer des Volkstheaters – finden sich im Zürcher Theater 11 zu einem geschmeidigen Abräumer. Und zur Feier frühfeministischer 70er-Jahre-Töne.

Geglückt ist das vor allem dank dem Autor Charles Lewinsky. Mit diesem Stück muss er sich selbst überrascht haben: Das Musical «Oh läck Du mir!», gespickt mit Ohrwürmern von Alex Eugster – dem musikalischen Kopf des Trio Eugster –, setzt Massstäbe. Es ist rasant, romantisch, selbstironisch. Und es erschüttert oder erheitert mit einem realistischen Schlussbild, das einen leer schlucken lässt – und hier nicht verraten wird.

Talentschuppen mit Retrofeeling

Die Choreografie (Danny Costello) ist atemlos, die Regie (Stefan Huber) interessiert für die Figuren und ihre Entwicklung. In den 70er-Jahre-Kostümen und -Perücken (Heike Seidler) widerspiegelt sich der ambivalente Charme des Kleinbürgers. Lewinskys Plot sodann ist eine Dienstleistung und erfüllt den Zweck, uns gut zu fühlen.

Showtime: Viola Tami und Diego Valsecchi mit dem «Expertisen-Tango» nach dem Song des Trio Eugster.

Showtime: Viola Tami und Diego Valsecchi mit dem «Expertisen-Tango» nach dem Song des Trio Eugster.

Christian Knecht

Die Eugster-Songs wachsen dabei so organisch aus der Geschichte, als wären beide gemeinsam geschrieben – und das stimmt zumeist auch. Lewinsky hat lediglich die Refrains und deren Stimmungen beibehalten, ansonsten lustig Neues zu Hits wie «Oh läck Du mir!» oder «Jetzt mues de Buuch weg!» verfasst. Wer der Methode Etikettenschwindel vorwirft, weil die Produktion für sich wirbt: «Mit allen Trio-Eugster-Hits», hat so unrecht nicht.

Nun, im Quartier, wie es in jeder Stadt stehen könnte, so verrät das Bühnenbild, ein tolles Überraschungsei (Okarina Peter und Timo Dentler), ist Gefahr in Verzug. Verkörpert wird die Bedrohung von einem fiesen Spekulantenpärchen, das just die Insel der Bewohner, die Beiz von Wirtin Trudi (Susanne Kunz) und den Lebensmittelladen von Mario (Livio Cecini) –, für die Abrissbirne vorsieht. Doch siehe da, die Bewohnerinnen und Bewohner raufen sich zusammen und hecken einen Plan aus. Dass dieser scheitert – und dann doch klappt, aber anders als erwartet, ist nur eine von vielen Finten und Fährten, die Lewinskys Buch so überraschend und überzeugend machen.

Doch das Schönste dabei: Der Autor und der mindestens so am Erfolg beteiligte Komponist Markus Schönholzer, einer der originellsten hiesigen Ton-Köpfe ohnehin, geben einer Vielzahl von Schweizer Talenten Raum. Es ist verblüffend, was dieses Land alles an hinreissenden Darstellerinnen und Darstellern zu bieten hat: Fabian Koller als Jimmy mit Marlon-Brando-Schiebermütze – und der «Vision», dass dereinst auch Frauen in der Bundesregierung sitzen werden – ist ein enorm sprungstarker Tänzer; Patricia Hodell als erzkatholische Frau Häfeli, seine Mutter, ein stimmstarkes und bravourös unsympathisches Räf. Dass die besten Sängerinnen und Tänzer im Ausland arbeiten, überrascht nicht. Bisher war die Schweiz kein Musicalland.

Susanne Kunz’ grossblumige Premiere

Das mag sich mit dieser Uraufführung ändern. Susanne Kunz als Sympathieträgerin zeigt, wie das möglich ist. Durch schiere Schauspielkunst. In ihrer ersten Musicalrolle überhaupt macht ihre grosse Persönlichkeit die weniger grosse Singstimme wett. Wenn sie schliesslich in ihrem enormblumigen Morgenmantel wie eine Fregatte über die Bühne segelt, steht am Horizont die Liebe. Das Publikum freut’ s mindestens so wie sie.

«Oh läck Du mir!»: Theater 11, Zürich, bis 30.10.

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