Theater
Nur die Hülle bleibt zurück

Markus Werners Debüt wird am Schauspielhaus Zürich zum kleinen, feinen Kammerspiel

Valeria Heintges
Drucken
Teilen
Weniger ist mehr – sowohl beim Text wie bei der Bühnenausstattung. Fritz Fenne als Zündel bei seinem Abgang.

Weniger ist mehr – sowohl beim Text wie bei der Bühnenausstattung. Fritz Fenne als Zündel bei seinem Abgang.

Raphael Hadad Photography

Als dem Lehrer Zündel auf der Griechenlandreise schon in Ancona der Stiftzahn ausfällt, beschliesst er kategorisch: «Mit einer Zahnlücke reise ich nicht.» Aufzufallen ist ihm ein Gräuel, doch sich den Regeln zu fügen, wird ihm zunehmend unerträglich. Er beschliesst, zu Frau Magda zurückzukehren. Die aber hatte sich gefreut, einige Wochen ohne den Gatten zu verbringen, und findet keine tröstenden Worte, als er weit vor der Zeit wieder vor ihr steht.

Ein paar missgünstige Bemerkungen des Hauswarts Herr Schmocker – und Zündel glaubt sich von Magda hintergangen. In Genua will er sich einen Revolver für den Selbstmord besorgen. Als er sogar dabei versagt, verstummt Zündel und plant seinen Abgang.

Die Glätten des Schicksals

«Zündels Abgang» hiess das Debüt des Schweizer Schriftsteller Markus Werner, das jetzt in der kleinen Kammer des Zürcher Pfauen in einer Dramenfassung wiedergeboren wird. Es beschreibt das Scheitern des Lehrers Zündel an der Wirklichkeit, sein Ausgleiten auf den Glätten des Schicksals, sein Abrutschen in die Depression. Regisseur Zino Wey, geboren 1988 in Basel, hat mit Dramaturgin Gwendolyne Melchinger den literarischen Text zwar gekürzt, aber passagenweise wörtlich übernommen. Doch Belletristik ist nicht fürs Sprechen geschrieben; zudem sind Dialoge rar gesät, weil sich vieles im Kopf des Protagonisten abspielt. Dass sich in Zürich die Langeweile dennoch nicht blicken lässt, ist Zino Weys präziser Regiearbeit und dem genauen, jedem Satz hinterherspürenden Spiel der vier Akteure geschuldet.

Das konsequente «Weniger ist mehr» beginnt schon bei der Ausstattung von Davy van Gerven. Er bestückt die winzige Bühne minimalistisch. Schwarze Wände öffnen sich zu Schrank und Waschbecken. Ein Zerrspiegel wandelt sich zur Leinwand mit Zimmeraussicht. Ein Mikrofon reicht zum Andeuten einer Bar-Atmosphäre, wenn Hits aus den Lautsprechern dudeln. Mit denen zieht Musiker Benjamin Brodbeck eine zusätzliche Bedeutungsebene aus Ironie ein, etwa wenn zur ersten Reise «Voyage, Voyage» erklingt, das fröhlich zur Weltreise einlädt.

Mit dem Rücken zum Publikum

Fritz Fenne erspürt als Zündel jeden Satz genau, ist leidend von Anfang an, Ironie und Selbsthumor kommen ihm zusehends abhanden. Als er Freund Viktor besucht, will er sich anlehnen, doch den letzten Zentimeter überwindet er nicht mehr und erstarrt, verbogen, gekrümmt. Edmund Telgenkämper ist Viktor, aufrecht, aufrichtig, aufmerksam, mit beiden Beinen im Leben. Als der Freund verstummt, bleibt ihm die Rolle des Chronisten und des hilflosen Helfers.

Julia Kreuschs Magda schlüpft in alle Frauenrollen, ist beweglich-erotisch als Reisebekanntschaft Nounou, lasziv als Bar-Sängerin, liebevoll-liebend als Gattin Magda. Julian Lehr, Student an der Zürcher Hochschule der Künste, gibt den Waffenverkäufer, den Sänger. Und vor allem fulminant den Zündel, als der nach seiner Reise vor der Klasse eine Hasstirade fährt, nach der er in die Psychiatrie eingewiesen werden muss. Am Ende verstummt Fenne, dreht den Zuschauern den Rücken zu. Jetzt übernehmen Lehr und Telgenkämper seine Rede, sein Sprechen, führen ihn in den Wahnsinn. Zündel ist abgegangen, nur seine Hülle sieht man noch im Zerrspiegel.

Aktuelle Nachrichten