Nachruf
Die Tonhalle Maag: Weltweit bewundert, doch Zürich zaudert, verpasst die Jahrhundertchance

Die Tonhalle Maag klingt im September nicht mehr, wird zu einem Museum. Ein Nachruf auf einen weltweit bewunderten Konzertsaal.

Christian Berzins
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Die Tonhalle Maag hat die Klassikszene demokratisiert.

Die Tonhalle Maag hat die Klassikszene demokratisiert.

Alberto Venzago / Tonhalle Gesellschaft

Keine Stadt der Welt möchte so gerne mehr sein, als sie ist. Keine Stadt verspürt so sehr den Wunsch, Weltstadt zu sein. Und keine wichtige Stadt schafft es, bisweilen so provinziell zu sein wie Zürich.

Die Geschichte um die Tonhalle Maag, Ausweichspielstätte der sich in Renovation befindenden Zürcher Tonhalle, zeigt dies anschaulich: Erst schaffte man das Unmögliche, errichtete statt eines Provisoriums einen phänomenalen Konzertsaal. Und ehe ich mich versah, damals im Herbst 2017, hatte ich mich schon verliebt.

Wenige Tage vorher hatte ich noch gewarnt, der euphorisierten Tonhalle-Orchester-Intendantin Ilona Schmiel geraten, nicht so optimistisch zu sein. Es galt, von der altehrwürdigen Tonhalle im abendstillen Quartier hinter dem Paradeplatz umzuziehen in den partytrubelhaften Kreis 5, zum lärmig-umtriebigen Bahnhof Hardbrücke.

Doch kaum war das Eröffnungskonzert vorbei, zog es mich dauernd in diese Maag, überlegte neue Zugangswege und lernte immer mehr, das kulinarische Umfeld zu geniessen: neben dem «Rosso» und dem K2 schenkte das «Les Halles» einen Rückblick in die Studentenzeit, wo man Moules gegessen hatte und sich so unbeschwert gab, als sei man in einem Bistro in Paris. Genau dieses Gefühl gab einen die Tonhalle Maag auch.

Diese Halle in ihrem traurigen Graugelb erzählte tausend Geschichten. Wer im Foyer stand, staunte aber über die Wärme – und die kam nicht nur von den Heizstrahlern. Wie die Stimmung im Konzertsaal hier angeheizt werden konnte, war spätestens im Januar 2018 überwältigend schön beim Konzert von Paavo Järvi, dem heutigen Tonhalle-Chefdirigenten, und dem Estnischen Festivalorchester erkennbar.

In der Tonhalle Maag war man sich, den anderen Besuchern und der Musik viel näher als in einem perfekten Kulturtempel wie dem KKL. Zugegeben: auch auf den WCs und an der Garderobe. Da aber der Saal nicht allzu gross war, erlebt man die Unmittelbarkeit der Musik auf fast jedem der 1224 bequemen Sitze. Die Akustik war grossartig.

Wem das zu übertrieben erschien, der konnte auch dem weltberühmten Dirigenten Franz Welser-Möst glauben schenken. Er jubelte mir nach den ersten Proben in Maag im Künstlerzimmer vor: «Ich finde grossartig, was dahingestellt wurde, und ich hoffe, dass man den Saal nach drei Jahren nicht plattwalzen lässt: Das ist eine Jahrhundertchance für Zürich, die kommt nicht wieder. Diese Halle ist ein Gottesgeschenk. Ich bin Feuer und Flamme für den Saal. Viele Orchester wären glücklich, einen solchen zu haben – und zwar nicht nur interimistisch.»

Gegensätze ziehen sich an: Die Tonhalle Maag neben dem Prime Tower.

Gegensätze ziehen sich an: Die Tonhalle Maag neben dem Prime Tower.

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Nachdem Simon Rattle, der ehemalige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und somit der Stellvertreter der himmlischen Heerscharen auf Erden, in der Maag dirigiert hatte, sagte er:

«Ich würde diesen Saal am liebsten gleich mit einem Lastwagen mit nach London nehmen.»

Und als Tonhalle-Präsident Martin Vollenwyder den Münchnern, die ebenfalls ein Konzertsaal-Provisorium andachten, schilderte, dass der Saal in Zürich-West bloss knappe 12 Millionen gekostet habe, glaubten sie es ihm nicht.

Das Problem sei typisch schweizerisch, meinte Vollenwyder vor einem Jahr: «Wir sind an einem Punkt, an dem niemand diesen Saal aufgeben, aber auch niemand dafür bezahlen will. Irgendwann müsste irgendwer sagen: Wir nehmen das Risiko für 10 Jahre auf uns.» Die Tonhalle-Gesellschaft hätte den Saal, in den man Millionen investiert hat, mit einem deutlichen Abschreiber zu sehr günstigen Konditionen weitergegeben. Ein freier Veranstalter hätte ihn führen können.

Niemand tat den entscheidenden Schritt. Auch die Tonhalle-Leader setzten sich trotz Hymnen auf die Maag nicht mit Vehemenz für den Saal ein: Intendantin Ilona Schmiel und Chefdirigent Paavo Järvi warten auf die Fertigstellung des alten Sales, dort kann man dann wieder Klassik so machen wie vor 50 Jahren. Von Peter Haerle, Kulturdirektor der Stadt Zürich, war nichts zu erwarten. Stadtpräsidentin Corine Mauch hätte im Prinzip das Orchester bitten müssen, den Saal zu führen. «Bitten» heisst: Der Tonhalle etwa drei Millionen mehr Geld geben, um den Saal zu managen. Noch besser, man hätte einen unabhängigen Leiter gesucht.

Der Musikzukunft-Denker und Agent Jasper Parrot war von Anfang an von der Maag begeistert, sagte mir: «Das ist genau das, was Orchester heute brauchen: Einen solchen Saal – und dann noch den traditionellen dazu. Wenn es möglich würde, dass die Tonhalle-Gesellschaft beides führen könnte, wäre das ideal. Ich habe mit dem Dirigenten Kent Nagano gesprochen, er hat eine tiefe Beziehung zu Zürich und sagte: "Warum machen wir kein Projekt, bei dem wir innerhalb von zehn Tagen da wie dort spielen?" Drüben in der Tonhalle Bruckner, hier in der Maag neuere Musik von Messiaen oder Boulez.»

Doch als ich ihm damals erzählte, dass die Zürcher Veranstalter mehrheitlich nicht mehr in der Maag spielen würden, sagte er: «Ich sage es ganz klar: Wer so denkt, ­existiert in 20 Jahren nicht mehr. Es ist ein Fehler, dass Leute meines Jahrgangs, 1944, nur das interessiert, was sie schon kennen. Es wäre eine Tragödie, wenn die Maag verschwinden würde. Wir müssen uns an diesem Abenteuer beteiligen.»

Die Maag zeigte: Klassik ist für viele da. Dieser Saal hat die Zürcher Klassikwelt demokratisiert. Die Maag in Zürich-West ist der Ort, wo die Musik spielt, das Leben pulsiert. Mit ihr hätte sich Zürich als Musikstadt – U- und E-Musik – ein neues Gesicht gegeben. Die Angst, dass man wie beim Schiffbau finanziell zu viel wagt, war unbegründet:  Eine Studie der Stadt Zürich hatte sogar gezeigt, dass genügend Nachfragepotenzial für einen zweiten grossen Konzertsaal in Zürich besteht. Vergeblich. Jetzt

«Wir Zürcher merken manchmal nicht, welche Grossartigkeiten wir auf dem eigenen Gemeindegebiet haben», sagte mir Martin Vollenwyder in einer der vielen Gespräche, die ich mit ihm über die Maag führte.

Aus der Maag wird ein Museum für immersive Kunst, sie bleibe «grösstenteils bestehen». Wenn 2023 eine andere Regierung an der Macht ist, denkt vielleicht jemand an ein Kulturkonzept 2050 und an die Worte weltweit angesehener Musikdenker wie Rattle oder Parrot.