Unten im Städtchen im Festival-Nebenspielort Gemeindesaal versuchte sich Johann Sebastian Bach über die Konzertpause hinweg mit der schwedischen Volksmusik anzufreunden: Folk mit Klassik sollen an der «Lenzburgiade» nun mal zusammenfinden, Bach-Suiten in Kombination mit schwedischer Fiddle-Musik auf Hörinteresse stossen.

Wie gut das ging, wissen wir nicht. Klar ist, dass oben im Schloss zur Festivaleröffnung kein einziges Dramaturgenwort nötig war, um zu verstehen, was der Reiz an diesem Mix sein kann.

Beim Konzert des Ensembles Los Otros traf Folk nicht Klassik, sondern Klassik und Folk waren hier von Natur aus engstens verbunden. Und war es von den Komponisten bisweilen nicht mal so gedacht, machten «Los Otros» («Die Anderen»!) daraus dennoch tanzbeinschwingende Volksmusik. Oder vielleicht sollte man besser sagen: Musik, die alle Welt berührt? Selbst als sich das Trio zum Kammerorchester La Folia erweiterte, Musik des vermeintlich strengen Norddeutschen G. P. Telemann spielte, war allseits ein naives Staunen, ein intellektuelles Bewundern zu spüren – optisch und akustisch.

Dionysischer Charakter

«Musik aus dem spanischen und mexikanischen Barock» war das Konzert bedrohlich weise überschrieben. Doch man bot nicht superschlau klingende Einblicke in die Tanzmusik Spaniens, sondern es wurde gleich so wild drauflosgetanzt, dass der Holzboden des Rittersaals krachte.

Bei allem historischen Geist, bei all den wunderbaren historischen Instrumenten und all dem gelehrten Spiel: Nichts von dem wurde als intellektuelle Errungenschaft präsentiert. Allen ging es ums genussvolle Musikmachen. Dank Perkussionist Michael Metzler erhielt jedes der hübschen Werke einen bebenden, dank des tanzenden Barockgitarristen Steve Player geradezu dionysischen Charakter.

Das Erstaunlichste an dieser prächtigen Festivaleröffnung: Bei allem krachenden Zauber stand da doch diese zarturchige Gambe Hille Perls im Mittelpunkt.

Intelligenz beleidigend

Als Kompositionen des Mexikaners Sebastián de Aguirre erklangen, die dank Lee Santanas schöpferischem Komponisten-Geist zu wahren Kunstwerken erwuchsen, zeigte sich Perls Gabe am schönsten. Da war zu Beginn ein simples Zupfen zu hören, eine geradezu die Intelligenz beleidigende Begleitung. Doch dieses Nichts war nötig, um mit einem einzigen Bogenstrich den Sprung ins Glück zu ermöglichen: hinauf in den Hille-Perl-Gambenzauberhimmel. Perl spielt den ehrlichsten Ton der Welt – unmittelbar, rein, schlicht, nackt und voller glühender Ungeduld. Diesem Streicherklang war aber ein solch intimer Zauber inne, dass er mikrofonresistent erschien. Ganz im Gegensatz zum locker elektronischplaudernden Gitarren- und Lauten-Zupfen. So entstand an diesem Abend nicht das einzige Mal ein akustisches Ungleichgewicht. Später, als in der Orchesterformation die kurligsten Echo-Effekte von ersten und zweiten Geigen zu sehen waren, ernteten die Ohren bloss Küchenradiobrei.

Gewiss: Hätte das Konzert im Schlosshof stattgefunden, hätte man auch verstärken müssen. Aber warum im Rittersaal? Weil die Lüftung zu laut ist? Der Raum zu vollgestopft? Schade um die Feinheiten, schade um die Natur dieser Musik, schade um die feine Kunst dieser famosen Musiker.

Seis drum: Was die Floskel «mitreissendes Konzert» heisst, konnte am Donnerstag nicht erst in den überschäumenden Zugaben erlebt werden. Mit dem nahenden Sommer könnte es noch besser, noch synästhetischer werden, finden die Lenzburger Konzerte doch ab heute bestimmt unter freiem Himmel im Schlosshof statt. Am Freitag wird Barock-Königin Simone Kermes Vivaldi singen, am Samstag spielen der Palästinenser Saleem Shakar und das Trio Joubran Beethoven und Musik aus dem arabischen Raum. Restkarten gibt es noch. Und aufgepasst: Unten im Gemeindesaal kommts zu nicht minder spannenden Abenden.

Lenzburgiade: bis 9. Juni. www.lenzburgiade.ch

Stimmungsvoller Start der Lenzburgiade

Stimmungsvoller Start der Lenzburgiade