Es gab auch schon früher herausragende CDs oder LPs. Aber es gab in der goldenen Zeit zwischen 1950 und 1990 auch viel Durchschnitt. Das war nicht so schlimm, Geld verdienten die Musiker und Plattenfirmen damit trotzdem.

Wer heute eine bloss gute Klassik-CD einspielt, wird selten viel mehr als den Zuspruch der Freunde und ein paar schöne Kritiken dafür erhalten. Ein klassisches Arienrezital einer überbegabten Sopranistin, die aber nicht Anna Netrebko heisst, kann ein gutes Promotions-Objekt sein. Im Plattenladen hingegen hat eine solche CD kaum eine Chance: In der Schweiz verkauft man vielleicht 500 CDs, weltweit 10 000.

Das weiss die famose italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus nur zu gut. Ihre CD-Projekte sind deswegen nicht nur gut durchdacht, sondern Herzensangelegenheiten. Mit unbekannten Haydn--Arien und seltenen Rossini-Liedern machte Bonitatibus vor drei, vier Jahren abseits der ausgetretenen Repertoire-Wege von sich reden. Die Zürcher lernten die Italienerin damals zudem als charaktervolle Dorabella kennen. Ihre Ernsthaftigkeit war auf der Bühne, im Gespräch und auf CD in jedem Ton zu spüren. Doch ein Selbstläufer ist der Name Bonitatibus deswegen nicht geworden, die Italienerin hat kein Imperium «Bartoli» hinter sich. So gut singen wie die Landsfrau allerdings, das kann Bonitatibus durchaus – mit dem Vorteil sogar, dass ihre Stimme grösser und weniger berechenbar ist. Manchmal wirkt ihr Timbre rau wie ein ungeschliffener Edelstein, was bei einem allzu raschen Höreindruck vielleicht auf Irritation stossen kann. 

(Quelle: Youtube/prestoclassical)

Anna Bonitatibus: Semiramide

Begehrtes Objekt für Künstler aller Sparten

Bonitatibus hat sich nun an ein Konzeptalbum gewagt, das sich um die 850 vor Christus geborene Königin Semiramis dreht. Von einer Göttin geboren, von Tauben gefüttert, schliesslich zur Asien-Herrscherin aufgestiegen, entschwebte Semiramis der Welt am Lebensende als Taube – und hinterliess so viel Klatsch und Tratsch, dass Schriftsteller, Maler und Komponisten ins Schwärmen gerieten. Noch heute schmückt der Name Semiramis ein Parfüm.

In hundert Kompositionen wurden ihre Taten bis in die Gegenwart in Musik gesetzt. Die heute berühmteste Oper hat Gioacchino Rossini geschrieben. Daraus singt Bonitatibus die Arie «Bel raggio lusinghier»: Grossartig, mit klingendem Piano und mit fabelhaft ausgestalteten Koloraturen. Aber sie singt das Paradestück nicht einfach so, sondern sucht nach einem Grund, nahm also die Urfassung zur Hand und liess sich die Orchesterbegleitung nach dem Particell des Komponisten von Philip Gossett neu orchestrieren. Womit auch gleich gesagt ist, dass hier von der Accademia degli Astrusi historisch informiert gedacht und farbig und einfühlsam gespielt wird.

Viele der Semiramis-Vertonungen entstanden im frühen 18. Jahrhundert. Antonia Caldara, Nicola Porpora, Niccolo Jommelli, später auch Giacomo Meyerbeer, heissen ihre bekannteren Komponisten, Andrea Bernasconi, Sebastiano Nosolini, Giovan Battista Borghi die unbekannteren. Bonitatibus nimmt sich ihrer entschlossen an, meistert eine Weltersteinspielung nach der anderen. Da wallt das Blut, da wird geweint und gejubelt. Jeder Stimmung kann Bonitatibus klug entsprechen. Sie weiss: Zu Kunst gewordene Emotionen entstehen nicht im Bauch, sondern im Kopf.

Anna Bonitatibus: Semiramide, La Signora Regale, deutsche harmonia mundi/Sony 2014-