Klassik
Neunzig Takte in drei Stunden

Das Kammerorchester Basel nimmt mit Giovanni Antonini die Sinfonien Joseph Haydns auf.

Jenny Berg, Berlin
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Der Tanzsaal von 1920 bietet die beste Akustik; die seltenen Mikrofone aus den Fünfzigerjahren fangen den Klang ein: Das Kammerorchester und Giovanni Antonini im Teldex Studio Berlin.

Der Tanzsaal von 1920 bietet die beste Akustik; die seltenen Mikrofone aus den Fünfzigerjahren fangen den Klang ein: Das Kammerorchester und Giovanni Antonini im Teldex Studio Berlin.

Dagmar Morath

Es ist sehr ruhig in Berlin-Lichterfelde an diesem Spätnachmittag im Juli 2016. Hier, zwischen Jugendstilvillen und hohen Bäumen, steht das Teldex Studio, und hier soll das Kammerorchester Basel heute mit seiner ersten Einspielung für das grosse Haydn-2032-Projekt starten.

Es ist 17:15 Uhr, noch eine Dreiviertelstunde bis zum Aufnahmebeginn. Die Tonmeister Martin Sauer und Julian Schwenkner sitzen gemütlich bei Kaffee und Kuchen im Garten vor dem Studio. Das sei ihre Art der Vorbereitung, sagen sie lachend. Denn auf dem Programm steht die c-Moll-Sinfonie vom Haydn-Zeitgenossen Joseph Martin Kraus – und bei einem solchem Repertoire müssen die beiden nicht vorher in die Partitur schauen. Klassische Sinfonie bleibt klassische Sinfonie – für die Technik macht da der Komponistenname keinen Unterschied.

Die Technik selbst ist hier aber eine ganz besondere: «Wir haben Mikrofone, die gibts gar nicht mehr zu kaufen», erzählt Aufnahmeleiter Martin Sauer. Sie wurden in den Fünfzigerjahren hergestellt, als Materialien noch Qualität hatten, als noch Zeit für handwerkliche Sorgfalt war. Sauer und sein Team konnten die Mikrofone kaufen, als die Plattenfirma Teldec geschlossen wurde. Seither gehören sie zum Markenzeichen des Studios.

Sauer erzählt lange von seinen Schätzen. Und sagt dann: «Viel entscheidender ist die Akustik des Saales! Die gibt es noch viel seltener auf der Welt.»

Die Disco der jungen Leute

Der Saal also. Das hier ist einer mit Geschichte. Um 1920 wurden die «Lichterfelder Festsäle» gebaut, als Disco für die jungen Leute. Hier haben die preussischen Soldaten aus der nahegelegenen Kaserne das Tanzbein geschwungen, getrunken, sich verliebt. Später auch die NS-Soldaten. Als die Kaserne schloss, wurde – wie in vielen alten Tanzsälen – ein Aufnahmestudio daraus. Auch Udo Lindenberg hat hier einst seine erste Platte eingespielt.

Und jetzt also Joseph Haydn und seine Zeitgenossen in diesen ehrwürdigen alten Hallen. Mehr als 107 Sinfonien sollen bis 2032 eingespielt werden – ein fulminantes Unternehmen. Christoph Müller hat es sich ausgedacht, der rührige Manager des Kammerorchesters Basel (KOB). Sein Imperium umfasst mittlerweile das Menuhin Festivals Gstaad, das Solsberg Festival, die Klassik Sterne Rheinfelden und vieles mehr.

Doch die Ideen gehen ihm nicht aus. 2032 jährt sich Haydns Geburtstag zum 300. Mal – warum nicht eine erste Gesamtaufnahme in historisch informierter Aufführungspraxis vorlegen, mit dem Dream-Team Antonini-KOB, das schon bei der Gesamteinspielung der Sinfonien Ludwig van Beethovens für Furore gesorgt hat? – Eben. Eigentlich nachvollziehbar. Wie gut, dass Müller früh genug daran gedacht hat, das Ganze einzufädeln. Gelder zu suchen. Mitstreiter zu finden.

Neues Vielspielermodell

Es ist 17.45, die Musiker sind alle da und spielen sich ein. Sie arbeiten freischaffend, müssen sich von Projekt zu Projekt hangeln. «Viele unserer Mitglieder leben vorwiegend vom KOB. Aber die Arbeit im Orchester allein reicht oft nicht aus, um finanziell über die Runden zu kommen. Ein Projekt wie Haydn-2032 ist da ein absoluter Glücksfall», sagt der Geiger Matthias Müller. «Mit einem neuen Vielspielermodell können wir nun unseren Musikern mehr bezahlen und so auch die grosse Fluktuation umgehen, wie sie in vergleichbaren Ensembles leider oft herrscht.» Und das kommt nicht zuletzt der künstlerischen Qualität zugute.

Pünktlich um 18 Uhr hebt Giovanni Antonini den Taktstock. «Kraus!» sagt er. Alle wissen Bescheid. Doch kein atmosphärisch schöner Anfang kommt. Sondern: Tick, tack, tick, tack. Mit einem lauten Metronom ruft Antonini sich und den Musikern das anvisierte Tempo in Erinnerung. Das wird er an diesem Abend noch viele weitere Male tun. Tick, tack, tick, tack.

Dann geht es wirklich los. Ein sanfter Akkord hebt an, eine leise Melodie entspinnt sich daraus. Dissonanzen reiben sich aneinander, lösen sich auf. Und dann das Gewitter – nicht draussen, sondern drinnen. Das typische Antoninische-KOB-Klanggewitter, zu Beginn des schnellen Satzes. Das gehört einfach dazu.

Jede Phrase eine Nummer

Währenddessen unterhalten sich die Tonmeister in ihrem Kämmerchen über den Klang. «Diese Einstellung ist eigentlich ganz gut, so klingen sie nicht so kratzig», sagt Schwenkner über die Streicher, die hier mit Darmsaiten spielen.

Sauer wippt derweil im Takt der Musik. Und kommentiert jede Phrase. «Gut! ... Naja ... Nicht so schnell!» Das hört natürlich keiner, aber der Tonmeister schreibt sich diese Kommentare so in die Partitur ein. Nach drei Stunden ist sie total vollgekritzelt. Jedes Aufnahmeschnipsel bekommt eine Take-Nummer, und die gelungenen Takes notiert er über die jeweilige Stelle. Damit können dann auch seine Kollegen aus den Takes 11, 9, 18, 3 und 20 die Aufnahme basteln. Wird dabei nicht der reale Klangeindruck total verzerrt?

«Musik ist Klang, der verschwindet», sagt Sauer. «Und wenn man ihn festhält, greift man ohnehin schon ein. Dann kann man auch richtig bearbeiten», sagt er. Oft wollen die Künstler das auch. Wie Giovanni Antonini. Nach dem Schnitt kommt er jeweils für einige Tage ins Studio zurück, um mit dem Tonmeister am Schnitt zu feilen. «Eine CD-Produktion ist wie eine Film-Produktion», erklärt Antonini später. «Es entscheidet nicht die Aufnahme, ob der Film gut ist – sondern der Schnitt.»

Zudem hat für ihn eine Aufnahme eine andere Aufgabe: «Die psychologische Situation ist hier ganz anders als im Konzert. Hier müssen wir präziser arbeiten, und durch das genaue Anhören der Aufnahme können wir viel über unser Spiel lernen. Ist unser pianissimo wirklich pianissimo? Spielen wir wirklich das, was wir meinen zu spielen?»

Antonini selbst glaubt nicht an das immer wieder prophezeite Aussterben der Musik-Aufnahmen. Denn er realisiert heute viel mehr Einspielungen als noch zu Beginn seiner Karriere, damals, als sein noch heute erfolgreiches Barock-Ensemble «Il Giardino Armonico» genauso jung war wie die frisch geborene CD-Scheibe.

Doch heute übersteigen die Kosten einer Einspielung die Einnahmen deutlich. 2500 Euro kostet etwa ein einziger Aufnahmetag in Berlin, 7000 Euro noch einmal die Nachbearbeitung – mindestens. «Wenn die Musiker in der gleichen Zeit Konzerte spielen würden, wäre ihr Verdienst viel höher», sagt Sauer.

Fliegendes Mikrofon

Es ist 20 Uhr. Seit zwei Stunden arbeiten die Musiker hoch konzentriert. Eigentlich müssten sie jetzt über die Toneinstellung diskutieren, eine Klangästhetik finden – eine heikle Etappe im Aufnahmeprozess, bei der der Tonmeister immer wieder ein sensibles Händchen mit den Künstlerpersönlichkeiten beweisen muss.

Doch Antonini vertraut Sauer. Arbeitet lieber mit dem Orchester, das noch nicht alle Töne so spielt, wie Antonini das gerne hätte. «More shadows!», sagt er. Und: «Look at my hands.»

Plötzlich kracht ein Mikrofon herunter. Es landet zum Glück auf einem Notenständer – und nicht auf einer Geige, oder auf einem Musiker. «Das ist ja noch nie passiert», sagt Sauer und eilt eilig in den Saal.

Zeit für eine Pause, in der sich das Orchester in den kleinen Aufnahmeraum drängt und einen Take anhört. Sie hören genau, geben Rückmeldungen. Es ist auch ihre Aufnahme. Doch Antonini ist noch nicht zufrieden. Probt und feilt weiter an der Artikulation, an der Transparenz, am Feuer.

Es ist 21 Uhr, laut Plan Dienstschluss – wenn es einen Dienst gäbe. Ein Hornist geht, er muss sein Leihauto zurückbringen. Damit ist die Aufnahme unfreiwillig beendet. Antonini ist entsetzt ob so viel schweizerischer Genauigkeit. So könne er nicht arbeiten, sagt er. Das Orchester entschuldigt sich für den Hornisten. Für die kommenden Tage sind die Zeiten für die Aufnahme open end geplant. Vier Sinfonien in vier Tagen – das ist nur mit grossem Einsatz zu schaffen.