Grosses Interview
«Ich bin einfach ein positiver Mensch»: So geht es Francine Jordi nach dem Brustkrebs-Drama

Francine Jordi singt auch auf ihrem neuen Album von Liebe und heiler Welt. Ihr hat es selbst gutgetan, in diese abzutauchen während ihres schwierigsten Lebensjahrs.

Anna Kardos
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Aus dem Archiv: Der gemeinsame Song «Träne» (2002) von Francine Jordi und Mundartsänger Florian Ast wurde zur erfolgreichsten Schweizer Single aller Zeiten.
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Die Sängerin hielt an der Verleihung des 44. Prix Walo im Mai 2018 eine Rede.
Spass an der Generalprobe des Silvester Stadl 2016 in Graz.
Das waren noch Zeiten: Jordi 1999 im Zürcher Hallenstadion.
Lancierten den grössten Schweizer Hit 2009: Der Jodlerklub Wiesenberg mit Francine Jordi.
Es folgen weitere Bilder von Francine Jordi.
Francine Jordi (4)

Aus dem Archiv: Der gemeinsame Song «Träne» (2002) von Francine Jordi und Mundartsänger Florian Ast wurde zur erfolgreichsten Schweizer Single aller Zeiten.

KEYSTONE

In Schwarz, die Haare brünett, erwartet eine sichtlich erwachsener gewordene Francine Jordi die «Schweiz am Wochenende» zum Gespräch. Doch als sie einem die Hand schüttelt, blitzen die Augen spitzbübisch, und auf dem Gesicht macht sich ein Strahlen breit, wie nur Francine Jordi strahlen kann.

Francine Jordi, seit Monaten hören Sie ständig das Wort «wieder»: Sie lacht wieder, sie strahlt wieder, es geht ihr wieder gut. Langweilt Sie das nicht?

Francine Jordi: Nein! Wenn es im Zusammenhang mit Strahlen und Lachen und Gute-Laune-Verbreiten ist, langweilt es mich überhaupt nicht. Nur: Es war eigentlich gar nie weg.

Sie konnten strahlen, obwohl Sie nach der Brustkrebs-Diagnose im Mai 2017 ein schwieriges Jahr hatten?

Ich habe während des ganzen Jahrs gestrahlt. Ich habe auch meine Konzerte gegeben und alle Termine durchgezogen, wie sie geplant waren vor der Diagnose. Zum Glück konnte ich das. Überhaupt, dass mein Körper das durchgestanden hat, auf der Bühne zu stehen trotz Chemotherapie und trotz Bestrahlung. Da hat man guten Grund zum Strahlen.

Die Optimistin

Francine Jordi wurde 1977 in Worb-Richigen (Kanton Bern) geboren. Schon als Kind trat sie mit ihrer Familie singend an Festen auf. Sie studierte klassischen Gesang und Klavier in Neuchâtel. Mit Zwanzig bestand sie die Vorprüfung zur Militärpilotin, gewann aber gleichzeitig den internationalen Grand Prix der Volksmusik – der Startschuss für ihre internationale Karriere im volkstümlichen Schlager. Die Sängerin war 2009–
2011 mit dem Radsportler Tony Rominger verheiratet und anschliessend mit Mundartsänger Florian Ast liiert. Der gemeinsame Titel «Träne» brachte ihnen in der Schweiz eine Platin-Schallplatte ein. Im April 2018 kommunizierte Jordi, sie sei 2017 an Brustkrebs erkrankt, mittlerweile aber geheilt. Heute erscheint das neue Album der Sängerin: «Noch lange nicht genug» (Phonag Records).

Sie haben Ihre Erkrankung erst kommuniziert, nachdem Sie geheilt waren, weshalb?

Weil ich die Menschen nicht anlügen wollte und mich nicht rechtfertigen wollte dafür, dass ich die Haare jetzt kurz trage. Das Anlügen wäre dann sofort gekommen. Und darum habe ich eine Pressemitteilung geschrieben.

In Ihren Texten kommen Krankheit, Angst oder Ärzte nie vor.

Doch, Angst kommt schon vor. Aber Ärzte und Medizin haben mit der Schlager-Branche nicht wirklich was zu tun.

Stichwort Schlagerwelt: Fanden Sie das nicht merkwürdig, dazustehen und eine Welt zu besingen, die nichts mit Ihrer Realität zu tun hatte?

Nein, überhaupt nicht. Schlager ist eine positive Welt, die sehr viel von Sehnsüchten erzählt. Sehr viel von Liebe spricht. Auch von den Harmonien her ist es eine sehr fröhliche, positive Musik.

Wie Wohlfühl-Kino, aber in Musikform?

Wenn Menschen von einem Schlagerkonzert nach Hause gehen, habe ich selten jemanden Schlechtgelauntes gesehen. Man geht positiver weg, als man hingegangen ist. Das ist das Schöne an dieser Musik. In genau diese Welt konnte ich auch abtauchen bei meinen Konzerten. Einfach einen Moment lang nur in dieser Welt leben. Und danach ging es wieder – müde, aber sehr gut gelaunt und voller Freude und Dankbarkeit, dass ich das überhaupt machen konnte – in die Woche rein.

Wäre es nicht authentischer gewesen zu zeigen: Die Krankheit existiert, und ich kann trotzdem strahlen?

Wenn ich das öffentlich gemacht hätte, wäre ein Riesentheater losgegangen. Es ist nicht authentischer, auf die Bühne zu stehen und zu sagen, ich bin krank und singe trotzdem. Weil ich es in diesem Moment total genossen habe, dort zu stehen. Sonst hätte ich das ja nicht gemacht.

Fühlten Sie sich mit der verheimlichten Diagnose nicht allein?

Überhaupt nicht. Ich wollte mich ganz egoistisch auf mich und mein Gesundwerden konzentrieren können. Weil das eine Situation ist, die jeder mit sich selber ausmachen muss. Und mir war wichtig, dass auch ich diese Chance habe.

Was war konkret egoistisch?

Ich wollte in dieser Situation nichts mehr machen, um den anderen noch etwas Gutes zu tun, oder auf andere Rücksicht nehmen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie immer die Kontrolle behalten wollen. Haben Sie sich deshalb die Haare vor der Chemotherapie abgeschnitten?

Nicht davor. Sondern ich war schon in Chemotherapie, aber bevor sie ausfielen, habe ich sie abgeschnitten. Das war für mich auch eine psychologische Sache. Dann ist der Schock weniger gross. Obwohl man nicht von einem Schock sprechen kann, weil man ja weiss, dass einem die Haare ausfallen.

Sie haben das Steuer in die Hand genommen?

Ich habe entschieden, wann ich die Haare abschneide und ab wann ich mich mit Perücke bewege. Für mich war das gut so, und diese frühzeitige Planung gehörte für mich als Vorbereitung zur Therapie dazu. Auch: Wie schminke ich mich; Perücke aussuchen; Farbe auswählen; die ganze Vorbereitung mit der Perücke; Wimpern kleben lernen. Das sind alles Sachen, die mir geholfen haben, mich vorzubereiten.

Hatten Sie auch manchmal Todesangst?

Nein, weil die Krankheit in einem sehr frühen Stadium war und die Ärzte mir so gute Heilungschancen prognostizierten.

Und davor, in der Phase der Ungewissheit?

Auch dann nicht.

Können Sie solche Gedanken wegschieben?

Ich schob das nicht weg, ich konzentrierte mich auf das Gesundwerden. Nicht auf Eventualitäten.

Wie machen Sie das?

Ich habe mich schon immer aufs Positive konzentriert. Darum wollte ich auch die Nebenwirkungen der Therapie nicht wissen. Weil ich mich nicht mit solchen Bildern belasten wollte. Ich war dankbar, dass es eine Chemotherapie gab. Nicht: Jetzt muss ich das machen.

 Aus dem Archiv: Der gemeinsame Song «Träne» (2002) von Francine Jordi und Mundartsänger Florian Ast wurde zur erfolgreichsten Schweizer Single aller Zeiten.

Aus dem Archiv: Der gemeinsame Song «Träne» (2002) von Francine Jordi und Mundartsänger Florian Ast wurde zur erfolgreichsten Schweizer Single aller Zeiten.

Keystone

Sie haben eine grosse Gelassenheit. Machen Sie Yoga?

Nein.

Meditieren Sie?

Auch nicht.

Woher nehmen Sie diese Kraft?

Ich bin einfach ein positiver Mensch. Das ist das, was sehr viele Medienleute in den letzten 20 Jahren von mir nicht verstanden haben. Sie dachten, ich spiele das vor. Ich sei nicht so positiv. Aber ich bin es.

Woher kommt das?

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Mittlerweile wachsen die Haare wieder, und Sie tragen jetzt einen dunklen Pixie, das sieht reifer aus.

Vielen Dank. Manche sagen, es passt besser zu meinem Charakter, es ist pfiffiger. Meine natürliche Haarfarbe ist braun und da war das naheliegend, dass ich das jetzt etwas dunkler fahre.

War Ihr Blond vorher immer gefärbt?

Im Showbusiness ist das meistens so. Im Scheinwerferlicht sehen die Haare ungefärbt nicht so strahlend aus. Darum färben die meisten die Haare. Und für mich passt das jetzt gerade gut mit dem Dunkelbraun. Wie es in einem Jahr ist, weiss niemand. Aber jetzt geniesse ich das sehr, bin auch in zwei Minuten fertig mit meiner Frisur – inklusive Föhnen. Was will man mehr?

Wenn im Showbusiness die meisten die Haare färben müssen. Wie sehr darf das Leben seine Spuren auf einer der bekanntesten Schlagersängerinnen Europas hinterlassen?

Ich glaube eher: Man guckt so in die Welt, wie man sich fühlt. Es gibt positive und negative Spuren.

Die Spuren kann man sich ja nicht aussuchen.

Falten dürfen sein. Und ich habe ja auch welche; die habe ich mir selbst hart erarbeitet.

Müssen diese im Gegensatz zu den Haaren im Showbusiness nicht korrigiert werden?

Man weiss nie, was in zehn Jahren ist. Aber im Moment wäre ich zu feige, irgendwas dagegen zu unternehmen. Ich akzeptiere sie, sie sind Zeichen meines Lebens. Ich finde, man darf sehen, dass ich nicht mehr zwanzig bin.

Wird die Luft im Schlager für Frauen ab vierzig nicht dünn?

Ich glaube nicht. Andrea Berg ist schon einiges drüber. Da ist Vicky Leandros, Nana Mouskouri, in Österreich Simone. Meine Güte! Es gibt unendlich Frauen, die noch immer auf der Bühne stehen und Spass haben und einen tollen Job machen.

Sie haben nie das Gefühl, nicht mehr zu Ihren eigenen Songs zu passen? Sopranistin Anna Netrebko mag mit 47 nicht mehr junge, verliebte Mädchen spielen ...

Das sind ja nicht ihre Lieder! Wenn man mit 50 immer noch die Susanna in «Figaro» spielen soll, sieht das sehr komisch aus. Man muss Rollen nehmen, die dem Alter entsprechen. Aber hier geht es um meine Lieder, es geht um Liebe. Und ich hoffe sehr, dass ich bis zum Schluss meines Lebens lieben werde und von dieser Liebe auch singen werde. Egal, ob das eine Liebe zwischen Partnern ist oder zwischen Freunden und Familie.

In welche Richtung verändern sich Ihre Texte?

Das kann ich nicht allgemein sagen, es sind immer kleine Geschichten, die man erzählt. Jetzt gerade sind das mehr Lieder, wo Frauen gemeinsam etwas unternehmen, wie «Die perfekte Nacht», wo Frauen miteinander einen coolen Abend verbringen. Aber auf dem letzten Album hatte ich sogar einen Titel «Alles auf Rosarot». Zuerst dachte ich: Ich bitte euch! Wirklich! Alles auf Rosarot, und das mit fast vierzig. Wie soll ich das rüberbringen? Bis mein Manager kam und sagte: Ich habe eine Nachbarin, die ist 67. Sie hat sich gerade frisch verliebt und mir erzählt, sie sehe alles rosarot. Da habe ich gedacht, also dann kann ich das mit 40 noch locker singen. Liebe interessiert kein Alter.

Sie haben eine Ausbildung in klassischem Gesang gemacht. Wie steil ist der Weg von Schuberts «Winterreise» zum Schlager?

Man kann beides gut oder beides schlecht machen. Beides mit Freude, Liebe und Leidenschaft oder einfach, weil es ein Job ist. Da hat es viele Gemeinsamkeiten. Und: Beides kann die Leute wirklich begeistern. Aber die Technik ist ganz anders. Die klassische Technik mit der Kopfstimme, der Bruststimme und der Mischstimme ist anders als die im Schlager.

Wie funktioniert die Schlager-Technik?

Da versucht man, die Bruststimme nach oben zu ziehen und bis in die Höhe noch mit der Bruststimme zu singen. Aber ich habe immer noch das Gefühl, dass mein Körper mit Klassik am schnellsten in Schwung kommt. Klassik ist mein Muskelaufbau-Training, wenn ich mich auf Auftritte vorbereite.

Ist Klassik Ihr Konditionstraining?

Ja, für die ganze Zwischenrippenmuskulatur. Und wenn man die Klassik beherrscht, kann man davon alles ableiten.

Obwohl sogar die besten Opernsänger wie Jonas Kaufmann oder Juan Diego Flórez auf ihren Canzoni- Alben merkwürdig gestelzt tönen?

Wenn man Céline Dion sieht, die hat auch eine total klassische Ausbildung, aber die Stilistik der Klassik nimmt sie nicht mit in ihre Songs. Ich mache das auch nicht. Die Technik habe ich vom klassischen, aber die Stilistik nehme ich nicht hinüber in den Schlager. Man nimmt ja umgekehrt auch die Schlager-Stilistik nicht mit ins Klassische.

Sie singen viel auf Mundart.

Ich liebe es, Mundart zu singen. Das Lied «Üses Läbe» habe ich von Georg Schlunegger schreiben lassen für meine Eltern.

Ist es das Lied mit den beiden Weingläsern auf dem Tisch?

Das ist genau die Situation meiner Eltern: Im Sommer, wenn es Abend wird, setzen sie sich auf den Balkon, jeder ein Glas Wein, zünden eine Kerze an, und dann wird der Tag besprochen. Was man erlebt hat, auch, was einen bewegt. Und das nach über 45 Ehejahren! Das ist unglaublich schön, dass sie nicht einfach sagen: Ach, den kenne ich doch. Sondern immer wieder neue Seiten entdecken wollen am Gegenüber und sich von ihm überraschen lassen. Sie sind auch so dankbar und genügsam.

Das erinnert mich an Ihre Gelassenheit.

Ja, das habe ich bestimmt von ihnen mitgekriegt.

Sie haben also Georg Schlunegger gesagt: So und so ist das bei meinen Eltern zu Hause ...

... und jetzt, schreib mal was! Genau.

Wenn Sie jetzt zu Schlunegger hingehen für einen neuen Song über Ihr jetziges Leben. Was müsste er schreiben?

Keine Ahnung! Aber «Schwerelos» ist ein Lied, das gut zu meiner Situation passt. Dass man einander hilft, wenn es jemandem schlecht geht. Damit es ihm wieder gut geht. Das ist der Titel, der meine Situation sehr gut beschreibt. Oder eben halt schon: «Da geht noch mehr». Dass ich jetzt noch viel mehr den Moment geniesse – das habe ich zwar schon immer getan, aber jetzt mache ich das noch bewusster.