Kultur

Ein Marilyn Manson gegen Zahnschmerzen

Marilyn Manson (Archiv)

Marilyn Manson (Archiv)

Phönix aus der Asche: Beim gestrigen Konzert zeigte der Schockrocker Marilyn Manson, dass er noch lebt, kein Randständiger geworden ist und es immer noch drauf hat.

Am Mittwochabend hatten die Rockanhänger aus der ganzen Schweiz nur ein Ziel: den Club X-TRA beim Limmatplatz. Gegen 18 Uhr wartete eine kleinere Menschenmenge vor dem Eingang des Clubs. Die Anzahl der, meist schwarz oder rot gekleideten Fans wirkte enttäuschend. Gab doch der Sänger das letzte Konzert in der Schweiz vor drei Jahren.

Alles war hier anzutreffen, vom schüchternen Schulmädchen über Geschäftsmänner bis hin zu den älteren Kalibern, alle waren im Publikum vertreten. Und natürlich auch die Hardrocker und Rockerinnen.

Türöffnung war auf 19 Uhr gesetzt. Um die Zeit zu überbrücken setzten sich viele mit ihrem mitgebrachten Bier auf den Boden und fieberten dem Konzert entgegen. Eine davon war Michaela, 18, Schülerin aus Altstätten: «Das ist mein erstes Konzert von Marilyn Manson. Ich bin so aufgeregt. Heute Abend geht ein grosser Wunsch von mir in Erfüllung».

Eine andere junge Frau regte sich auf, weil sie genau am Konzertabend solche Zahnschmerzen hätte. Ein Kamerateam lief etwas verloren umher und suchte nach einem guten Aufnahmeobjekt. Der Moderator wirkte etwas blass, eigentlich passend zu Manson, und als sei er etwas fehl am Platz.

Massenweise Manson-T-Shirts

Dann gingen die Tore der sogenannten heiligen Hallen auf. Denn im X-TRA traten Bands wie Beauty of Gemina oder Rammstein zum ersten Mal in der Schweiz auf. Und auch andere grosse Bands wie The Babyshambles, The White Stripes oder bekannte DJs wie Paul Kalkbrenner sowie der Skandal-Hip-Hopper Bushido greifen immer wieder auf den 1000 Quadratmeter grossen Club, in dem nur höchstens 900 Personen Platz haben, zurück.

Tickets wurden blitzschnell abgeknipst und die Masse, welche in dieser einen Stunde Wartezeit deutlich zugenommen hatte, stürmte herein. Jacken und Pullover wurden ausgezogen und Manson T-Shirts kamen massenweise zum Vorschein.

Der Eingangsbereich wurde sehr schnell gefüllt und der überteuerte Merchandise-Stand in Beschlag genommen. Um etwas Freiraum zu bekommen, half nur die Flucht in das „schwarze Wohnzimmer“, der Raucherraum.

Nach ein paar Bierchen und etlichen Zigaretten ertönten die ersten Klänge der Vorband „New Years Day“ aus Kalifornien. Fast keiner der Besucher hatte eine Ahnung, wer diese Band ist. Neugierig darauf, was sie erwartet, füllten die Rockfans die Haupt-Konzerthalle.

Warum diese Vorgruppe?

Was sie erwartete, war ein Taylor Swift-Verschnitt im Gothic-Style mit drei Bandmitgliedern, die den Swift-Pop etwas härter und melodiöser spielten. Headbangen hatten die Sängerin Ashley Costello sowie der Rest gut drauf, aber das war leider auch das Einzige. Warum gerade sie die Vorgruppe von Manson waren, schien etwas unklar. Aber die Stimmung wurde nicht getrübt und mit weiteren Bierchen wurde auch etwas geschwankt zur Musik von „New Years Day“.

Nach der Band war noch Zeit für weitere Drinks und Zigaretten. Wer auf die Toilette wollte, vor allem auf die Frauentoilette, musste sehr lange anstehen. Deshalb überfluteten mutige Damen das Männer WC, um den Start des Konzertes nicht zu verpassen.

Er lebt

Dann, mit etwa zehn Minuten Verspätung – was für Manson eher wenig ist – ging es endlich los. Mit einem lauten Knall und viel Rauch erschien der Künstler auf der – für seine Verhältnisse– sehr kleinen Bühne. Er fing mit Songs von seinem neuen Album an. Für eingefleischte Fans etwas zu soft und ungewohnt. Bei den Klassikern wie „Mobscene“, „Sweet dreams are made of this“, „Dope show“ oder „Fightsong“ kam das Publikum richtig in Fahrt. Es herrschte ein unglaubliches Gedränge vor der Bühne. Eindeutig dünner als letztes Jahr am Gampel Open Air und ohne aufwendiges Bühnenoutfit „wütete“ Brian Hugh Warner (bürgerlicher Name von Marilyn Manson) über die Bühne, neben seinen Kleidchen tragenden und geschminkten Bandkollegen.

Damals am Gampel wirkte er eher angeschlagen oder zugedröhnt und torkelte etwas verwirrt über die Bühne. Man munkelte bei den Fans, dass es bergab mit dem Star gehe und er schwer alkohol- und medikamentenabhängig sei. Auch in Deutschland am „Rock im Park“-Festival musste er zwischen jedem Song in ein Sauerstoffzelt. In einigen Foren ging sogar das Gerücht umher, dass er gestorben sei. Auch beim Konzert in der St. Jakobshalle in Basel vor drei Jahren war er alles andere als fit. Jedoch nicht wegen irgendwelchen Drogen- oder Partyexzessen, sondern weil er am Abend vorher hinter dem Ohr genäht werden musste. Er war in Zürich unterwegs gewesen und geriet aus noch ungeklärten Gründen in eine Schlägerei mit einer Gruppe von Asiaten.

Wie ein zahmer Kater

Am Mitttwochabend bewies er allen das Gegenteil: Er lebt noch und er ist wieder gut drauf. Ohne viele Worte rockte er über die Bühne und suchte dabei immer wieder den Kontakt zu den Fans. Als wolle er die Aussetzer der letzten Jahre wieder gut machen, schüttelte er ständig Hände aus der Menge oder gab seinen ganzen Oberkörper zum Anfassen frei. Einige Glückspilze hatten sogar die Ehre, ihm über das Gesicht zu streichen. Wie ein zahmer Kater liess er sich streicheln und feiern.

Zwischendurch trank er das eine oder andere Bier, jedoch nichts Hochprozentiges wie sonst eigentlich. Eine Flasche zertrümmerte er und schnitt sich damit den Hals und die Hand auf. Auch das heraustropfende Blut teilte er mit seinen Fans, die vor Freude kreischten. Solche blutigen Angelegenheiten erinnerten an die alten Zeiten des Sängers, als er bei seinen Shows einfach viel Blut, eine „obligatorische“ Verbrennung der Bibel und verdammt gute Musik bot. Ohne übertriebene Special Effects, die über seine angeschlagene Stimme hinweg sehen liessen.

Zahnschmerzen verschwunden

Am Mittwochabend fühlte man sich in die guten, alten Zeiten zurückversetzt, als die Musik und ihre Aussage wichtig waren. Keine übertriebenen Shows, keine Lichteffekte, sondern einfach der alte Marilyn Manson, den seine Fans verehren. Sein Mikrophon hatte Mal die Form eines riesigen Fleischermessers und Mal die Form eines Schlagrings, einmal zog er sich um und er verbrannte eben die „obligatorische“ Bibel. Vielleicht findet er zu den Wurzeln zurück, vielleicht ist er auch nur alt geworden.

Die junge Frau mit den Zahnschmerzen vor dem Konzert hatte nach dem Konzert plötzlich keine mehr. Vielleicht ist Marilyn Manson auch ein Schamane. Egal was er ist, er soll noch einige Jahre so gute Musik machen.

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