Kultur

Die Freiheit der jungen Dirigenten

Wer Objektivität sucht, ist in seinen Konzerten falsch: Omer Meir Wellber ist expressiv aus Überzeugung.

Wer Objektivität sucht, ist in seinen Konzerten falsch: Omer Meir Wellber ist expressiv aus Überzeugung.

Die neue Generation ist mit Social Media und historischer Aufführungspraxis aufgewachsen – und geht ihren eigenen Weg.

«Dzz», «Dzz», wummern die Technobeats aus dem Orchester. Während ein Stroboskop die Opern-Bühne in flimmerndes Blitzlicht taucht. Technoparty in der Oper? Fehlanzeige. Dahinter steckt Verdis klassische Oper «Sizilianische Vesper».

Und dahinter steckt auch Dirigent Omer Meir Wellber. Für den 38-jährigen Israeli mit Wohnort rund um die Welt («Ich bin jährlich nur etwa drei Wochen in Israel») steht fest:

Er erklärt: «Die Ballett-Einlagen in den Opern waren zu Verdis Zeit Unterhaltung, während der man ein Glas Alkohol getrunken hat.» Das Synonym heute? Party.

Ideen wie diese machen den Dirigenten zu einem der international gefragtesten seines Fachs. Von 2008–2010 Assistent bei Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper «Unter den Linden» sowie an der Mailänder Scala, hat Omer Meir Wellber den Sprung auf die ganz grossen Bühnen geschafft.

Und diesen August noch höher hinauf. Genauer: auf 1050 Meter über Meer, ans Menuhin Festival Gstaad.

Sie haben trotz ihres Alters eine eigene Handschrift:

Dort wird seit 2015 mit dem Projekt Gstaad Conducting Academy gezielt Dirigentennachwuchs gefördert. Diesen Sommer geht das Festival einen Schritt weiter, indem es gleich mehrere junge Dirigenten einlädt, bei denen es den Zusatz «zukünftig» oder «Hoffnung» nicht mehr braucht, damit die Ohren auf «Aufmerksamkeit» schalten.

Neben Omer Meir Wellber sind das: Lahav Shani (30), designierter Leiter der Israel Philharmonic. Gergely Madaras (35), der als Bub seine Laufbahn in einer Volksmusik-Band begann und nun designierter Leiter des Orchestre Philharmonique Royal de Liège ist. Oder der Finne Mikko Franck, seit 2015 Chefdirigent des Orchestre Philharmonique de Radio France – und mit seinen 40 Jahren der älteste der vier Dirigenten.

Ganz allgemein gelten Dirigenten als Spätblüher unter den Musikern. Nicht ganz zufällig, wie auch Omer Meir Wellber erzählt: «Man kann Talent haben, und trotzdem bleibt es sehr schwierig. Weil Üben für uns Dirigenten erst mit einem Orchester und Publikum funktioniert. Darum dauert dieser Prozess ein bisschen. Ich beginne erst in den letzten zwei Jahren, meinen eigenen Weg zu finden.»

Ein ungeschriebenes Gesetz der Klassik: Die Alten können länger

Ist man allerdings Dirigent, bleibt man es. Auf Lebenszeit. Die berühmten Maestri Simon Rattle (64), Daniel Barenboim (76) oder Mariss Jansons (76) sind sämtlich im Rentenalter. Zubin Mehta (83), Herbert Blomstedt (92), und Bernard Haitink (90) würden sogar als Greise durchgehen, wenn sie nicht Abend für Abend auf der Bühne Funken sprühend ihr eigenes Alter Lügen straften. Kein Wunder, ist eines der ungeschriebenen Gesetze der Klassik: Die Alten können es länger – und oft auch besser.

Ein Gesetz, an dem heute immer mehr junge Dirigenten zu rütteln beginnen. Nicht die blutjungen Talente, welche der Klassikmarkt ab und zu aus dem Hut zaubert, um sie ebenso schnell wieder fallen zu lassen. Sondern die Generation der 35- bis 40-Jährigen, bei denen sich der Fokus von «jung» in Richtung «Talent» verlagert. Es ist eine Generation, die ebenso mit den Klängen historisch informierter Aufführungen, wie jenen von Bernstein und Karajan aufgewachsen ist; die eine von CDs geprägte Perfektion kennt und sich bewusst für das Risiko im Moment entscheidet. Und auch eine, die sich eher als Kammermusiker mit Dirigierstab versteht, denn als Chef eines Orchesters. Lahav Shani formuliert es so: «Mein Job ist nicht, das Orchester alles zu lehren, ihm vorzuschreiben, wie es sein soll.»

Mit dem Kopf grosser Dirigenten denken gelernt

Hat die junge Dirigenten-Generation mehr Freiheiten? Omer Meir Wellber verneint: «Es ist falsch zu sagen, man habe Freiheiten. Man muss sie sich nehmen. Wir haben heute die Möglichkeit zu einer modernen und kritischen Haltung, können Dinge wirklich anders lesen. Eine Partitur nur zu realisieren ist nicht mehr genug. Es braucht Persönlichkeit und Individualität.»

Dabei führt der Weg zur Individualität oft über den Verzicht auf diese. Schon die heutigen Maestri waren einst Assistenten damaliger Altmeister: Riccardo Chailly bei Claudio Abbado, Christian Thielemann bei Herbert von Karajan. Auch Omer Meir Wellber hat drei Jahre bei Daniel Barenboim assistiert:

Die Jahre in Barenboims Kopf waren die Initialzündung zur eigenen Persönlichkeit des jungen Dirigenten: «Als Künstler ist es falsch, Autodidakt zu sein. Das ist der Grund, weshalb ich finde: Wagner ist gut, Richard Strauss ist besser. Strauss habe mit exzellenten Künstlern wie Hugo von Hoffmansthal zusammen gearbeitet. Wenn ich Wagner dirigiere, merke ich oft, dass seine Werke autozentrisch entstanden sind. Manchmal sind sie grossartig, manchmal kamen sie aber nicht über eine gewisse Grenze hinaus. Ihnen fehlt der befruchtende Funke von aussen.»

Der befruchtende Funke spielt auch für sein Dirigieren eine Rolle: «Für mich sind Partituren wie Spiegel. Ein Teil von mir spiegelt sich in ihnen.» Dabei sei er ein fanatischer Expressionist. «Für mich besteht die Musik und das Leben ganz aus Ausdruck. Wenn jemand auf der Suche nach Objektivität ist, muss er oder sie nicht in mein Konzert kommen.»

Vielleicht braucht es für eine solche Radikalität, ein solches Zugeständnis an den einzelnen Augenblick, tatsächlich eine junge Generation von Dirigenten, welche die Digitalisierung, Social Media und das Internet, das gespeicherte Informationen in ihrer schieren Masse bedeutungslos werden lässt, als Alltag erfahren.

«Musik ist eine Gegenwelt zu unserem Alltag», ist sich Omer Meir Wellber sicher. «Das Schöne an ihr ist, dass sie kaum je existiert. Nicht, wenn Mozart sie schreibt, nicht, wenn ich die Partitur studiere, noch nicht einmal, wenn das Orchester am Stimmen ist. Sie existiert nur im Moment, wenn wir sie spielen. Und in diesen 45 oder 60 Minuten passiert etwas mit uns.»

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Autorin

Anna Kardos

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