Der diskrete Präsident der Kellerbühne ist ein Theaterfan

Hinter dem «Mister Kellerbühne» Matthias Peter steht ein ehrenamtlicher Vorstand. Dessen Präsident Martin Wettstein ist seit Jugendjahren ein grosser Theaterfan. Beim Programm des St. Galler Kleintheaters redet er Matthias Peter nie drein.

Hansruedi Kugler
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Kellerbühne-Leiter Matthias Peter (hinten) mit seinem Präsidenten Martin Wettstein. (Bild: Benjamin Manser)

Kellerbühne-Leiter Matthias Peter (hinten) mit seinem Präsidenten Martin Wettstein. (Bild: Benjamin Manser)

Als Jugendlicher hat er Programmhefte im Theater St. Gallen verkauft, später als Lehrer an der Verkehrsschule nebenher Theaterkritiken für die «Ostschweiz» geschrieben, bei der Kabarettgruppe Sälewie Texte beigesteuert. Er war viele Jahre in St. Gallen als Schnitzelbänkler aktiv und besucht in Berlin und Paris viele Theateraufführungen. Die Rede ist nicht von Matthias Peter, seit 14 Jahren «Mister Kellerbühne», sondern von dessen diskretem Präsidenten, dem 75-jährigen Martin Wettstein. Denn dass hinter Matthias Peter, der das Programm der St. Galler Kleinkunstbühne bestimmt und selbst immer wieder auf der Bühne steht, ein Verein mit aktuell 591 Mitgliedern und ein Vorstand Peters Arbeit «überwacht», ist weniger bekannt.

«Schlechtwetterversicherung», das sei die Funktion des Kellerbühne-Vorstands. Die süffisante Definition aus dem Jahr 1987 von Heinz Christen, der neben seinem Amt als Stadtpräsident auch den Verein Kellerbühne führte, hat bis heute seine Gültigkeit – sagen Matthias Peter und Martin Wettstein. Seit 2010 ist er Vereinspräsident. Und wenn man mit dem heiteren älteren Herrn spricht, so ist von Schlechtwetter weit und breit keine Spur zu sehen.

Auslastung liegt bei 68 Prozent

Die Zahlen stimmen, es gab keine Defizite und unter der Leitung von Matthias Peter haben sich die Zuschauerzahlen verdoppelt. In der Saison 17/18 kamen 14047 Besucher zu den 147 Vorstellungen, was einer Auslastung von 68 Prozent entspricht. Das Programm ist nach Wettsteins Geschmack – in der ganzen Breite von Sprechtheater über Kabarett bis Comedy: «Manchmal kenne ich keinen im Publikum», sagt Wettstein. Seinen theater­kritischen Blick hat er bewahrt, schwärmt von einer Pariser Aufführung von Yasmina Rezas «Kunst» («das Stück braucht grossartige Schauspieler»), war ein Fan von Frank Castorfs Volksbühne in Berlin, bezeichnet Milo Raus «Lenin» als missglückt.

Dass er Matthias Peter bei der Programmgestaltung nie dreinredet, ist eine eiserne Statuten­regel, die er einhält, selbst aber vor 30 Jahren brechen wollte. Seit 1978 im Kellerbühne-Vorstand, wünschte Wettstein, damals Beisitzer, im Jahr 1987 Einfluss auf den Spielplan: Mehr Avantgarde zeigen und ausserhalb des Kellers an die Öffentlichkeit treten, lauteten seine Forderungen. Worauf der damalige Präsident Heinz Christen die Aufgabenteilung klarstellte: Administration beim Vorstand, Programmgestaltung beim Leiter.

Seitenhieb auf Klamauk und Karikierung auf Bühnen

Wichtigste und richtungsbestimmende Aufgabe des Vereins ist die Wahl des Leiters der Kellerbühne. Im Herbst steht die Wiederwahl an, was wohl eine reine Formsache ist. Denn Wettstein sagt: «Ich finde es toll und richtig, dass Matthias Peter gewagte Stücke zeigt, da muss nicht immer volles Haus sein.» Und Peter selbst ergänzt: «Ich spüre vom Vorstand einen grossen Rückhalt für mein Programm.» In der Tat: Spricht man mit beiden über ihre Theatervorlieben, so liegen diese nahe beieinander. Werktreues Sprechtheater – das liegt ihnen am Herzen. Auf dem Flyer für die neue Saison steht ein provokativer Satz: «Im Zusammenhang mit der in den letzten zwei Jahren in den Medien immer wieder aufgegriffenen Diskussion, wie viel Klamauk und Karikierung das Sprechtheater erträgt, ist es dem künstlerischen Leiter ein besonderes Anliegen, darauf hinzuweisen, dass in der Kellerbühne in der Sparte Schauspiel Wert auf leise, eindringliche, ehrliche und lang nachhallende Töne gelegt wird.» Ein Seitenhieb auf das Theater St. Gallen? Matthias ­Peter will es eher als Reaktion auf eine weit verbreitete Entwicklung auf vielen Theaterbühnen verstanden wissen.

Highlights der kommenden Saison

Am 12. September beginnt die Saison in der Kellerbühne. Im neuen Saisonüberblick stechen hervor: Das Theater für den Kanton Zürich zeigt als Gastspiel «Gift» von Lok Vekemans. Matthias Peter wird in einem Solo Dostojewskis Erzählung «Der Traum eines lächerlichen Menschen» und Hanspeter Müller-Drossaart im März «Der Trafikant» von Robert Seethaler auf die Bühne bringen. Beim Kabarett sind unter anderem Uta Köbernick und nochmals Mike Müller mit «Heute Gemeindeversammlung» zu sehen. Neue Programme zeigen Knuth und Tucek, Simon Enzler und Joachim Rittmeyer. (hak)