Literatur zur Ukraine
Dieser Miniroman zerzaust das Konzept des zivilen Widerstands

Der ukrainische Autor Ilya Kaminsky hat mit «Republik der Taubheit» eine aktuelle und beklemmende Parabel zur Ukraine geschrieben. Die Bewohner einer besetzten Stadt wehren sich, indem sie sich taub stellen.

Hansruedi Kugler
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Ilya Kaminsky.

Ilya Kaminsky.

Bild: Dimitrios Kambouris/Getty Images

Bucha, Mariupol. Man kann gar nicht anders, als beim Lesen dieses so poetischen wie brutalen Buches unentwegt an diese beiden Städte zu denken. Und an die unglaublichen Bilder von unbewaffneten Zivilisten, die Panzer zurückdrängen und auf die russischen Besatzer einreden. Ziviler Widerstand: Krönung der Tapferkeit, der Würde, der Angst und der Ohnmacht.

Ilya Kaminisky hat dafür bereits vor drei Jahren in Form eines Langgedichts, das man auch als Miniroman lesen kann, eine erschütternde Parabel geschrieben. Ziviler Widerstand ist hier zuerst hoffnungsvoll, am Ende resigniert, angefeindet und zermalmt. Man liest das Buch wohl noch lange atemlos. Es hat in den USA, wo der Autor seit 1993 lebt, viele Preise erhalten und hat das Zeug zum Klassiker.

Die Stadt in «Republik der Taubheit» heisst nicht Mariupol, sondern Vasenka, ein erfundener Name. Hier wird gleich zu Beginn der taubstumme Junge Petya erschossen, der einem Soldaten der Besatzungsarmee ins Gesicht gespuckt hat.

Der tote Junge auf dem Asphalt als universales Bild

Petya hat wie viele andere dem von den Besatzern verbotenen Puppentheater zugeschaut, Ort der Subversion und des Vergnügens. Der Protest der Bewohner gegen den Terror ist gleichzeitig Erinnerung an den Toten. Sie stellen sich taub und erfinden eine Gebärdensprache, mit der sie sich untereinander verständigen. Im Buch sind einige Handzeichen denn auch abgebildet.

Die Rache der Besatzer lässt allerdings nicht lange auf sich warten. Willkürliche Hinrichtungen werden allmählich den Widerstand auslöschen. «Der Körper des Jungen liegt auf dem Asphalt wie eine Büroklammer.» Ein verwegenes, unerwartetes Bild dieses verrenkten Jungen. Ein Bild jedoch, das Kaminsky universell verstanden haben will.

Er habe einen realen Toten vor Augen gehabt, als er diese Szene schrieb: den 18-jährigen schwarzen Jugendlichen Michael Brown, der 2014 in Ferguson von einem Polizisten getötet wurde, was in den USA zu heftigen Protesten geführt hat.

Der Liebe schaut Kaminsky trotz allem genau zu

Diese Parallelisierung ist natürlich verwegen, weist aber auf die ohnmächtige Perspektive des westlichen Zuschauers mitsamt seiner Selbstgerechtigkeit und Distanzierung hin.

Kaminsky reflektiert dies im Prolog seines Miniromans: «Und als sie die Häuser der anderen zerbombten, protestierten wir, aber nicht genug. Ich lag in meinem Bett, um mein Bett ging Amerika zugrunde. Ich stellte einen Stuhl hinaus und betrachtete die Sonne. Im sechsten Monat lebten wir (vergib uns) glücklich während des Krieges.»

Die Parallele zur Ukraine ist frappant. Der Zynismus der russischen Besatzer ist derselbe wie in Vasenka, wohin die Soldaten entsandt wurden, um «unsere Freiheit zu verteidigen». Erzählt wird aus zwei Perspektiven. Im ersten Teil ist es ein junges Paar, die Puppenspielerin Sonya und ihr Mann Alfonso. Nach Sonyas Verschleppung und Tod übernimmt die Lebefrau Galya sowohl Sonyas Baby wie die Erzählerinnenrolle.

Fulminant bringt Ilya Kaminsky Hoffnung, Auflehnung und Ohnmacht in Sprachbilder, die man nicht mehr vergisst. Etwa die Fingernägel: Wie Sonya sich stumm die Haut aufkratzt oder wie es später zu viele Tote gibt, um der ermordeten Galya den letzten Dienst zu erweisen und vor der Grablegung noch ihre Fingernägel zu schneiden.

Wenn Kaminsky privates Glück und Schreckensregime gegenüberstellt, wendet er dezent den Blick weg vom Töten, schaut aber der Liebe genau zu: «In einer ausgebombten Strasse bewegt der Wind die Lippen eines Politikers auf einem Plakat. Drinnen trinkt das Kind, dem Sonya den Namen Anuschka gab. Kaum wach, berührt Alfonso die Brustwarze seiner Frau, führt eine Milchperle an seine Lippen.»

Was für eine zarte, traurige Heldengeschichte, über welche der Weltenlauf hinwegrollt, dass es einen fröstelt: «Unser Land hat kapituliert. Jahre später werden einige sagen, nichts von alledem habe sich zugetragen.»

Ilya Kaminsky: Republik der Taubheit. Aus dem Englischen von Anja Kampmann. Hanser, 100 Seiten.