Literatur
US-Autorin Hilary Leichter hat sich von Job zu Job gehangelt und einen Roman darüber geschrieben

«Die Hauptsache» wurde als satirischer Roman über neoliberale US-Teilzeitjobs angekündigt. Er ist mehr: Eine tolldreiste Groteske.

Hansruedi Kugler
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Die amerikanische Autorin Hilary Leichter.

Die amerikanische Autorin Hilary Leichter.

Bild: Sylvie Rosokoff

Da hat man eine schrille, satirische Sozialreportage erwartet, aber schon nach wenigen Seiten hat die 35-jährige New Yorker Schriftstellerin Hilary Leichter einem den Kopf schwindlig geschrieben – spätestens dann, wenn sich ihre Heldin in einem ihrer grotesken Aushilfsjobs an der Felsküste in eine Seepocke verwandelt.

Hilary Leichter: Die Hauptsache. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Runge. Arche Verlag, 256 S.

Hilary Leichter: Die Hauptsache. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Runge. Arche Verlag, 256 S.

Vielleicht kann so was Verrücktes nur Literatur – wenn man mal «Monty Python» ausnimmt, die mit ihrem makabren, absurden Humor grossen Spass am Roman «Die Hauptsache» hätten. Denn Leichter, die kreatives Schreiben unterrichtet, ist nicht nur im Hang zum Absurden eine Geistesverwandte der britischen Komikertruppe. Auch die im Nonsens versteckte düstere Sicht auf die Gegenwart hat sie mit «Monty Python» gemeinsam.

Die reale Groteske zwinge sie zum surrealen Erzählen

Jahrelang habe sie sich selbst «von Job zu Job gehangelt» und sich dabei als Versagerin gefühlt, berichtet Hilary Leichter in einem Interview. «Ich konnte spüren, wie meine Jobs meine Identität aufspalteten.» Der einzig vernünftige Weg, von dieser Erfahrung zu erzählen, sei für sie das Surreale. So lässt sie ihre Hauptfigur, eine junge New Yorkerin, sich in einem wilden Karussell von Aushilfsjob zu Aushilfsjob vermitteln – immerzu mit der naiven, unterwürfigen Hoffnung auf die «Entfristung», also auf eine Festanstellung.

So absurd und makaber ihre Aushilfsjobs auf den ersten Blick auch sein mögen, so ist man verführt, sie als beunruhigendes Spiegelbild von Leerlauf, Fetischismus, Skrupellosigkeit und Selbstverleugnung in dieser Arbeitswelt zu lesen: Sie organisiert bei einer einsamen Dame deren riesige Sammlung an Schuhen, die nie getragen werden; auf einem Piratenschiff, das Jagd auf Investoren macht, soll sie einer Verräterin den Arm abhacken; später ist sie Assistentin eines Auftragskillers und stürzt aus einem Bombenwerfer-Luftschiff durch die Wolken wieder auf die Erde. Mit seinem übersprudelnd fabulierenden Erzählen und seinem lakonisch-naiven Sound wird dieser Roman zur irrwitzigen Lese-Herausforderung. Dass hier das menschliche Dasein generell als Aushilfsjob geschildert wird, gibt ihm philosophische Tiefe.