Literatur
Ukrainischer Autor: erst spitalreif geprügelt, jetzt Friedenspreisträger

Serhij Zhadan kommt aus dem Donbass, der umkämpftesten Gegend im Ukraine-Krieg, und schreibt wie kein Zweiter darüber. Jetzt erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Julian Schütt
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Der Autor und diesjährige Friedenspreisträger Serhij Zhadan harrt weiter im umkämpften Donbass aus.

Der Autor und diesjährige Friedenspreisträger Serhij Zhadan harrt weiter im umkämpften Donbass aus.

Eigentlich konnte der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in diesem Jahr nur an eine Persönlichkeit aus der Ukraine gehen. Und tatsächlich zeichnet die Jury mit dem 47-jährigen Serhij Zhadan einen herausragenden Schriftsteller des Landes aus.Zhadan ist in der Gegend von Luhansk aufgewachsen, also in einem Gebiet, das zurzeit vom russischen Angriffskrieg besonders brutal heimgesucht wird.

Er führt uns vor Augen, was wir nicht sehen wollten

Die Jury würdigt ihn als Schriftsteller und Musiker, der eindringlich davon erzählt, wie Krieg und Zerstörung die Menschen erschüttern. Dabei finde er «eine eigene Sprache, die uns differenziert vor Augen führt, was viele lange nicht sehen wollten.» Nachdenklich und zuhörend, in poetischem und radikalem Ton, so die Jury weiter, erkunde Zhadan, «wie die Menschen in der Ukraine trotz aller Gewalt versuchen, ein unabhängiges, von Frieden und Freiheit bestimmtes Leben zu führen».

Vor Serhij Zhadan erhielten so bedeutende Geistesgrössen wie Susan Sontag, Swetlana Alexijewitsch, Margaret Atwood, Jürgen Habermas, Max Frisch und Albert Schweitzer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Wer aber ist Serhij Zhadan?

Er setzt sich für Kinder und Jugendliche im Frontgebiet ein

Als Romancier, Lyriker und Musiker und Übersetzer hat er stets viel am Laufen, als hätte sein Tag 48 Stunden. Entsprechend schnell spricht er, aber doch mit erstaunlich ruhiger Stimme. In der Ukraine ist er ein Star, nicht nur weil seine Romane weltweit übersetzt sind. Er ist zudem in zwei Bands als Sänger und Komponist erfolgreich, tritt auch öfter vor Truppen an der Front auf.

Daneben hat er die «Serhij Zhadan Charitable Foundation» ins Leben gerufen und unterstützt viele humanitäre Projekte im Donbass, vor allem, um Kindern und Jugendlichen das Leben im Frontgebiet erträglicher zu machen. Für sie, sagte mir Zhadan in einem unserer Gespräche, sei der Krieg besonders schwer. «Sie bekommen von den Erwachsenen keine Antworten darauf und wissen nicht, wie sie mit der Kriegssituation umgehen sollen.»

Zhadan hat vieles vorausgesagt, was jetzt eingetroffen ist

Serhij Zhadan lebt heute meist in Charkiw, wo auch schon schwere Bombardements stattgefunden haben, aber noch ist die Stadt in ukrainischer Hand. Er hat selbst schon mehrere Erfahrungen im Krieg gemacht. Bereits 2014 wurde er einmal von prorussischen Separatisten spitalreif geprügelt.

Erschreckend vieles, was jetzt im Osten der Ukraine geschieht, hat Zhadan in seinem aufwühlenden Meisterwerk «Internat» (Suhrkamp-Verlag) beschrieben. Der Held oder eher Antiheld ist ein Lehrer, der sich am liebsten aus allem heraushalten möchte. Er interessiert sich nicht für den Krieg, aber der Krieg interessiert sich immer mehr für ihn. Das ist der Ausgangspunkt von Zhadans Schreiben: Er nähert sich immer den Zivilpersonen, die dem Krieg ausgesetzt sind. Auch die Soldaten interessieren ihn primär als Menschen.

Ein Bild für die Ukraine, die sich selbst überlassen bleibt

Seine Hauptfigur muss durch die besetzte Stadt gehen, um einen 13-jährigen Neffen aus dem Internat zu holen. Das Internat ist keine luxuriöse Privatschule, sondern ein Ort, wo die Kinder sich selbst überlassen bleiben. Das Internat ist eine Metapher für die sich selbst überlassene Ukraine, in der die Menschen nach ihrer Identität suchen.

Bleibt zu hoffen, dass Serhij Zhadans Wohnort Charkiw noch nicht von Putins Truppen völlig zerstört und besetzt sein wird, wenn er im Herbst in Frankfurt den Friedenspreis in Empfang nehmen kann.