Literatur
«Ich bin im Herbst, der Winter ist nah» – Helge Timmerberg über das Altwerden

Früher schrieb er wilde Reisereportagen, jetzt ein Buch über das Altwerden. Schriftsteller Helge Timmerberg über drohende Vergreisung, den Schweizer Qualitätswald und warum er vom Kiffen nicht loskommt.

Interview: Julia Nehmiz
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Seit 2003 wohnt Helge Timmerberg in St. Gallen: «Langweilig, aber lebenswert.»

Seit 2003 wohnt Helge Timmerberg in St. Gallen: «Langweilig, aber lebenswert.»

Reto Martin

Es ist sein 17. Buch, und er hat es seinem Zahnarzt gewidmet. Schriftsteller Helge Timmerberg holte in den 80er-Jahren den New Journalism aus den USA nach Deutschland, schrieb legendäre Reportagen über seine Abenteuer am Amazonas, in Kathmandu oder Marrakesch. Zu seinem 70. Geburtstag hat Timmerberg ein Buch übers Altwerden verfasst. Reisen war coronabedingt nicht möglich, also unternahm er eine Reise durchs eigene Alter – Potenzprobleme inklusive.

«Lecko Mio» – Sie haben ein ziemlich offenherziges Buch übers Alter geschrieben. Macht es Spass, vor aller Welt auszuposaunen, wie sich Altwerden anfühlt?

Ich hatte nie ein Problem damit, dass ich alt werde. Ich wollte das auch nie verheimlichen. Der Kampf jung zu bleiben, das ist gegen Windmühlenflügel, nicht befriedigend, den kannst du nicht gewinnen. Viele Männer scheinen sich zu schämen, wenn sie mitkriegen, jetzt lässt auch langsam die Potenz nach. Das hatte ich nicht. Ich konnte da einfach so drüber reden.

Woher kommt diese Offenheit?

Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, wenn du jede Altersstufe in deinem Leben adäquat ausgelebt hast, dann vermisst du sie nachher nicht. Du vermisst es nur, wenn du meinst, du hast vieles verpasst, und du kannst es jetzt auch nicht mehr nachholen. Und ich habe wirklich genug Sex gehabt. Es ist nicht so, dass ich jetzt irgendwas vermisse. Ich habe ja noch Sex. Aber es ist kein grosses Thema mehr.

Aber Altwerden ist ja nicht nur leicht.

Es ist organisch, harmonisch, du wirst ja nicht von heute auf ­morgen alt, sondern das geht irre schleichend. Gehör wird schlechter, Augen werden schlechter, Zähne werden schlechter, aber das ist schleichend. Und die Gegenmassnahmen, die man trifft, die laufen synchron dazu schleichend. Du wachst nicht morgens auf und sagst oh, ich bin 70, ach du Scheisse. Man gewöhnt sich komplett dran. Die Aussicht auf die Zukunft, das war die einzige Schwere, die sich einschlich.

Wie meinen Sie das?

Als ich darüber nachdachte, wie mein Vater gestorben ist mit 87, sein halbes Jahr Sterben und wie er sich verändert hat – die Vergreisung meines Vaters ging so mit 85 los. Ich bin jetzt 70, das sind nur 15 Jahre in der Zukunft. Wenn ich Fotos von mir sehe, so mit 50, da schaue ich schon ein bisschen traurig drauf: Da warst du noch echt gut dabei. Aber diese 20 Jahre in die Zukunft gesehen, da habe ich mich erschrocken.

Worüber?

Wie nahe diese Phase des Lebens ist, die Vergreisung. Mit 80 ist ein Bruch, da fängt der Winter an. Und jetzt bin ich im Herbst, weiss nicht, Frühherbst, Mittelherbst. Der Winter ist nah. Goethe hat immer gesagt, du musst Zehnjahrespläne machen. In zehn Jahren bin ich 80. Was will ich und was muss ich in dieser Zeit noch schaffen?

Sie werden sicher weiterhin schreiben?

Ich bin immer am Arbeiten, das liegt an meiner finanziellen Situation. Die Bücher verkaufen sich gut, aber ich habe jetzt nie so den Durchbruch, dass ich sagen kann, so das war’s jetzt finanziell. Dadurch muss ich arbeiten. Und ich will das auch, denn in den Phasen, in denen ich nicht schreibe, geht’s mir am schlechtesten.

Zur Person

Helge Timmerberg, 1952 im hessischen Dorfitter geboren, ist Abenteurer, Reporter, Schriftsteller. Als 17-Jähriger trampte er nach Indien, wo ihm in einem Ashram eine Stimme befahl, er soll nach Hause gehen und Journalist werden. Er wurde Lokalredakteur bei der «Neuen Westfälischen Zeitung» und schrieb bald Reportagen für grosse Magazine wie «Tempo», «Bunte», «Playboy», «Stern». Er verfasste mehrere Bestseller. Timmerberg lebt in St. Gallen und Wien. (miz)
Reto Martin
Helge Timmerberg, 1952 im hessischen Dorfitter geboren, ist Abenteurer, Reporter, Schriftsteller. Als 17-Jähriger trampte er nach Indien, wo ihm in einem Ashram eine Stimme befahl, er soll nach Hause gehen und Journalist werden. Er wurde Lokalredakteur bei der «Neuen Westfälischen Zeitung» und schrieb bald Reportagen für grosse Magazine wie «Tempo», «Bunte», «Playboy», «Stern». Er verfasste mehrere Bestseller. Timmerberg lebt in St. Gallen und Wien. (miz)

Und zum Schreiben kommen Sie in die Ostschweiz?

St.Gallen ist ein superguter Klausurort, hier kann ich viel schreiben. Alles drumherum ist gesund und langweilig. Gesund ist gut, damit ich in Form bleibe zum Schreiben, und langweilig ist gut, damit ich nicht abgelenkt werde.

Langweilig, das werden die St.Gallerinnen und St.Galler nicht gerne hören.

Lebenswert. Langweilig, aber lebenswert. Mit 30 oder auch mit 40 hätte ich nicht in St.Gallen wohnen können. Da musste es Hamburg, Berlin, Marrakesch, Havanna oder New York sein. Aber das brauche ich nicht mehr. So ab 60 und jetzt mit 70, nutze ich, was diese riesigen Städte bieten, sowieso nicht mehr. Spazieren im Schweizer Qualitätswald. Mal ins Café, bei Starbucks draussen sitzen und die Mädchen betrachten, das Kundenprofil von Starbucks ist für einen alten Herrn ja supernett zum Angucken.

Schweizer Qualitätswald?

Ja, der kommt mir irgendwie gepflegter vor als die Wälder in Österreich. Hier findest du in den letzten Ecken im Unterholz noch eine hübsch platzierte Bank, und auch die Bank ist gepflegt. Auch die Bäume machen einen Schweizer Eindruck, es duftet da so schweizerisch. Das ist der positive Eindruck, wenn ich von Wien zurückkomme.

Und der negative?

Wenn ich essen gehe im Restaurant, dann fällt mir bei der ersten Rechnung wieder ein, ouh, ich bin ja in der Schweiz. Ich habe eigentlich bis zu meinem 50. Lebensjahr nur in der Gastronomie gegessen. In der Schweiz habe ich kochen gelernt, weil Restaurants zu teuer sind.

Sie gehen nicht nur mit den Alterserscheinungen offen um, sondern auch mit Ihrem Drogenkonsum: Zum Schreiben müssen Sie kiffen. Jeder Drogenberater, jede Therapeutin würde das Gegenteil sagen.

Klar sagen die das, alle sagen das. Bis auf die, die mit mir zusammengearbeitet haben. Ich habe Verlegern und Verlagen immer mal wieder nüchtern geschriebene Kapitel oder Reportagen abgegeben, weil ich irgendwo war, wo es kein Dope gab, oder weil ich mal wieder aufhören wollte mit Kiffen. Und es war immer dasselbe: «Äh Helge, ja ist ganz gut, aber da fehlt was, bist du krank?» Franz Josef Wagner bei der «Bunten» hat einen Schreikrampf bekommen, «geh sofort zu deinem Dealer! Sofort!» Also wer mit mir zusammengearbeitet hat, sieht wirklich den Unterschied.

Woran machen Sie den Unterschied fest?

Wenn ich nüchtern schreibe, bin ich doppelt so schnell. Wumm, ich knall da einfach durch. Aber es fehlen die ungewöhnlichen Wege. Nüchtern schreibe ich erwartungsgemässer. Ich weiss nicht warum, aber es ist so, bekifft schreibe ich poetischer, die Sprache wird schöner. Therapeuten, was willst du mit Therapeuten, die haben keine Ahnung von Kreativität.

Und was ist mit den Nachteilen des Kiffens?

Für das Haschischbuch, an dem ich gerade arbeite, habe ich einen Monat nicht gekifft, weil ich der Meinung war, wenn ich über Haschisch schreibe, muss ich erst mal schreiben, wie der Entzug ist. Und wenn ich über lange Zeit nicht kiffe, geht’s mir viel besser. Das Leben ist leichter, ich habe viel weniger Ängste, dafür mehr Energie, bin viel kommunikativer, ich gehe mehr auf Menschen zu, ich ziehe mich nicht so zurück. Mein gesamtes Lebensgefühl ist, ohne zu kiffen, viel besser. Und ich würde sofort aufhören, wenn ich nicht mehr schreiben müsste.

Wenn Sie zurückblicken: Gibt es heute aus der Rückschau Dinge, die Sie lieber nicht gemacht hätten?

Auf das Koksen hätte ich gerne verzichtet.

Helge Timmerbergs neues Buch «Lecko mio».

Helge Timmerbergs neues Buch «Lecko mio».

Reto Martin

Weshalb?

Alle Sachen, für die ich mich heute innerlich schäme, sind auf Koks passiert. Oder auf der Kombination von Koks und Alkohol. Das waren zwei Jahre in meinem Leben, hauptsächlich in Kuba, weil da alle gekokst haben. Koks macht sehr egozentrisch, sehr egoistisch, sehr gierig, man will immer mehr, es dreht sich nur um dich, nur um dein Ego. Was ich in diesen Exzessen getrieben habe, da hätte ich gerne drauf verzichtet. Aber das erzähle ich nicht.

Sie sind offen, erzählen aber doch nicht alles.

Ich erzähle mehr, als man gewohnt ist, aber nicht alles. Ich rede ja auch nicht über meine Kinder. Über meine Eltern habe ich erst angefangen zu schreiben, als sie tot waren. Vorher wollte ich das nicht, das hätte nur Missverständnisse gegeben. Dann schreibe ich schon lieber einfach nur über mich.

Auch Ihre Art zu Reisen hat sich verändert. Früher Abenteuer im Amazonas mit Goldsuchern, heute Ferienwohnung auf Mallorca.

Klassischen Urlaub, nach Ibiza fahren, nach Mallorca fahren, das fand ich lächerlich. Jetzt geniesse ich das, ich gehe mit meiner Freundin auf der Strandpromenade auf und ab, abends wird dann schön gegessen, ein schönes Weinchen getrunken – das ist neu für mich. Die Abenteuerlust ist immer noch da, aber sie misst sich natürlich an meinen Kräften. Oft kommt die Abenteuerlust so reingeschossen und dann will ich irgendwas Irres machen, mit Papas Benz an den Ganges fahren oder jetzt mal schnell zu den Russen in die Ukraine. Sobald ich darüber nachdenke, wird mir klar, du hast die Power nicht mehr. Reisen mit dem Benz, durch Italien, nach Palermo, das finde ich jetzt supernett.

Und das ist dann Abenteuer genug.

Abenteuer ist das überhaupt nicht mehr. Das ist jetzt wirklich geniessen. Schönen Balkon, schöne Aussicht. Meine Freundin war mit bei den letzten Lesungen in Deutschland, da waren wir in Weinheim in einer Ferienwohnung. Der Balkon war direkt zum Vollmond, davor eine Burg auf einem Berg. Und unter mir dieses Zentrum von Weinheim, ein Fachwerkorgasmus, wahnsinnig schön. Das Leben selbst ist eine Reise. Und zwar eine abenteuerliche. Du kannst versuchen, alles abzusichern, dass es kein Abenteuer wird, aber es ist ein Abenteuer.

Helge Timmerberg: Lecko Mio: Siebzig werden, Piper Verlag München 2022, 192 S.