Literatur
Franz Kafkas weggesperrte Zeichnungen sind erstmals zugänglich – dank dem Einsatz eines Schweizer Professors

Die Skizzen des weltberühmten Schriftstellers lagen jahrelang in einem Safe der UBS, völlig unzugänglich für die Fachwelt und das Publikum. Jetzt kann das Publikum sämtliche Zeichnungen perfekt kommentiert bestaunen.

Julian Schütt
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Die Zeichnungen von Franz Kafka sind heute pro Skizzenblatt bis zu 100’000 Franken wert.

Die Zeichnungen von Franz Kafka sind heute pro Skizzenblatt bis zu 100’000 Franken wert.

Bild: Ardon Bar Hama / National Library of Israel

Wie soll man es nennen? Da erscheint ein Prachtband mit Zeichnungen Franz Kafkas, die bis 2019 streng verschlossen in der Schweiz lagen, in einem Safe der UBS, völlig unzugänglich für die Fachwelt und das Publikum. Nur zwei Jahre später können wir nun sämtliche Zeichnungen perfekt kommentiert bestaunen, die Mehrzahl in Originalgrösse.

Der Mann, dem wir das zu verdanken haben, ist Andreas Kilcher, Literaturprofessor an der Zürcher ETH, einer der führenden Kafka-Spezialisten weltweit. Er hat den Band mit Kafkas Zeichnungen herausgegeben, und überall jubelt die Kritik über diese «Sensation», überall bereichert der Band das kulturelle Tischgespräch. Überall? Nur in der Schweiz nicht oder nur vereinzelt, obwohl das Buch über den Zeichner Kafka hier entstanden ist. Wie soll man das anders nennen als kafkaesk?

Auch Andreas Kilcher ist die verhaltene Aufnahme seines Kafka-Buchs im eigenen Land aufgefallen. Eine Erklärung dafür hat er nicht. Nur wenige Schweizer Medien haben bis jetzt berichtet, und wenn man das Thema in die Runde wirft, antworten manche Leute eher abgelöscht: «Kafkas Zeichnungen? Ach, die halten doch keinem Vergleich mit seinem literarischen Werk stand.» - «Das sind doch nur unbedeutende Kritzeleien.» - «Diese Figürchen bringt auch ein Fünfjähriger zustande.» - «Da haben wir in Dürrenmatt eine wesentlich grössere Doppelbegabung hervorgebracht, der als Schriftsteller wie als Maler überzeugt.»

Bei Kafka ist selbst das Testament ironisch gemeint

Die Kostverächter des zeichnenden Kafkas können sich sogar auf ihn selbst beziehen. Er bat einst seinen besten Freund Max Brod, sämtliche «Schmierereien», wie er sich ausdrückte, zu vernichten. Gleiches hat er allerdings über seinen literarischen Nachlass gesagt. Im Testament forderte er, neben dem Gezeichneten sei auch das Geschriebene «restlos und ungelesen zu verbrennen». Diese Aussage ist jedoch wie fast alles bei Kafka ironisch zu verstehen. Nicht einmal sein Testament ist ironiefrei. Andreas Kilcher ist überzeugt, Kafka habe genau gewusst, wie sehr er sich auf seinen grössten Förderer und Agenten Max Brod verlassen konnte.

«Brod hätte es nie über sich gebracht, den Nachlass zu vernichten. Denn er ist es gewesen, der die Papiere Kafkas überhaupt erst gesammelt und manchmal sogar aus dem Papierkorb gerettet hat.»
Andreas Kilcher Literaturprofessor an der ETH

Andreas Kilcher
Literaturprofessor an der ETH

Bild: zvg

Heute schätzt Kilcher den Wert jedes Skizzenblattes auf 50’000-100’000 Franken.

Für Kafkas Zeichnungen nimmt sich Kilcher auch am Wochenende Zeit. Er empfängt in seinem Büro an der Clausiusstrasse in Zürich. Eine kleine Party vom Vorabend hat im Nebenzimmer Spuren hinterlassen. Auf dem Tisch, umgeben von Flaschen, Snacks und Abfällen, ruht ein Band von Kafkas Zeichnungen, den Kilcher nicht pietätlos dort liegen lassen will, sondern schnell noch versorgt.

Der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Zehn Jahre lang, sagt Kilcher, habe er sich nebenamtlich als eine Art Prozessbeobachter betätigt, aber nicht von Kafkas Roman «Der Process». Es ging vielmehr um den Prozess über Rechte- und Besitzverhältnisse beim Nachlass des Dichters. Der 1924 verstorbene Kafka überliess seine Papiere dem Freund Max Brod, der die Werke herausgab und den Nachlass vor dem Zugriff der Nazis rettete, indem er ihn 1939 in seinen Koffer packte und nach Palästina flüchtete. Da Brod keine Erben hatte und seine langjährige Sekretärin Ilse Ester Hoffe nie für ihre Arbeiten bezahlen konnte, schenkte er ihr dann seinen und Kafkas Nachlass, verhielt sich aber weiter so, als sei eigentlich er der Besitzer der Manuskripte und Zeichnungen.

Das Oberste Gericht Israels entschied schliesslich, dass Max Brods Teil von Kafkas Nachlass der israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem zu übergeben sei. Im Juli 2019 hat auch das Bezirksgericht Zürich grünes Licht gegeben: Der Inhalt der UBS-Banksafes mit den unbekannten Zeichnungen durfte nach Jerusalem überführt werden. Andreas Kilcher ist nun genau der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Er hat als Professor schon öfter in Israel gelehrt, kennt alle Streitparteien, ohne selber Partei zu sein. Zudem ist er in der Lage, die Edition der Zeichnungen möglichst schnell voranzutreiben.

Es ist für Kilcher ein bewegender Moment, zum ersten Mal alle Skizzen Kafkas vor sich zu haben. Zu sehen sind fragile menschliche Figuren oder Mischwesen, meist unbeeindruckt von Gravitationsgesetzen, mit überproportional langen Beinen, aber ohne Boden. «Sie kippen vom Realistischen ins Phantastische, manchmal ins Groteske oder ins Unheimliche», sagt Kilcher.

Zeichnungen von Franz Kafka. The Literary Estate of Max Brod, National Library of Israel, Jerusalem. Fotos: Ardon Bar Hama.

Zeichnungen von Franz Kafka. The Literary Estate of Max Brod, National Library of Israel, Jerusalem. Fotos: Ardon Bar Hama.

Bild: Ardon Bar Hama / National Library of Israel

Sein Zeichnen hat Kafka «mehr befriedigt als irgendetwas»

Fest steht, dass Kafkas Zeichnungen nicht nur Zufalls- oder Gelegenheitsprodukte sind. Seiner Verlobten Felice Bauer schreibt er im Februar 1913 ohne falsche Bescheidenheit, er sei «einmal ein grosser Zeichner» gewesen. Sein Zeichnen hätten ihn einst «mehr befriedigt als irgendetwas». Gegen «wie Kerzenlicht auszublasende Kunsttheorien» hat er zwar Vorbehalte, dennoch nimmt er einiges auf, was damals vor allem in der Prager Künstlergruppe der «Acht» wichtig ist: das Skizzenhafte, der Hang zu karikaturesken und grotesken Körperfigurationen. Kafkas Zeichnungen bleiben im zeichnerischen Aufwand, wie Andreas Kilcher meint, oft «minimalistisch, wie dahingeworfen, auf wenige Striche und Züge reduziert, fragmentarisch, bewusst unfertig». Dennoch seien es nicht bloss Entwürfe, Kafka behaupte das Skizzenhafte vielmehr als «eigenständige Kunstform».

Franz Kafka Weltberühmter Schriftsteller

Franz Kafka
Weltberühmter Schriftsteller

Bild: Keystone

Die rätselhaft unerklärlichen Gleichnisse des Autors Franz Kafka verleiten dazu, seine Zeichnungen nachgelagert als Illustrationen der Dichtungen aufzufassen. Doch sein zeichnerisches Werk speist sich kaum je aus den Texten. Es ist weitgehend autonom. Oder zumindest ist die Beziehung zwischen Zeichnungen und Texten «disharmonisch», sagt Kilcher. Wo Kafka als Zeichner scheitert, weiss er als Autor oft weiter. Das gilt auch umgekehrt. Wenn er etwas literarisch nicht ausdrücken kann, beginnt er zu zeichnen. Jedenfalls in der frühen Zeit.

Körper, die sich in Striche auflösen

Ein Abend im Literaturhaus Zürich. Andreas Kilcher stellt sein Buch über den Zeichner Kafka vor. Das Publikum erscheint zahlreich und ist erstaunlich jung. Kafka hat also doch seine Gemeinde in der Schweiz. Plötzlich baut Kilcher am Laptop eine Verbindung nach Kalifornien auf. Auf Grossleinwand begrüsst uns Judith Butler, amerikanische Stardenkerin und Pionierin in feministischer und Queer-Theorie.

Butler erzählt, wie sie an einem Kongress in Prag erstmals Zeichnungen Kafkas auf Postkarten gesehen habe, die für sie keine Übersetzungen des Literarischen sind, sondern «Bilder, die sich von der Schrift befreit haben». Darin würden die Körper aus ihrer eigenen zweckmässigen Form fliehen, ihre «Auflösung in Linie, Bewegung und Luft» suchen. In den Zeichnungen sei immer etwas beweglich und könne nicht festgehalten werden.

Kafka gilt als Diät- und Ernährungsfreak. Wenn in seinen Werken die Körper sich zur Zeile oder zum Strich reduzieren, reduziere dies vielleicht auch die Bedürfnisse nach Nahrung, Unterkunft und Schutz vor den mörderischen Taten anderer, sagt Judith Butler und gönnt sich einen weiteren Schluck ihres Morgenkaffees. Und während sie sich weiter höchst angeregt mit Andreas Kilcher über die Zeichnungen Kafkas unterhält, werden die Stimmen plötzlich verzerrt und ungestümen Echo-Turbulenzen ausgesetzt, als experimentiere Franz Kafka persönlich an irgendeinem geheimen Regler.

Franz Kafka: Die Zeichnungen. Herausgegeben von Andreas Kilcher. Verlag C.H. Beck, 368 Seiten.

Franz Kafka: Die Zeichnungen. Herausgegeben von Andreas Kilcher. Verlag C.H. Beck, 368 Seiten.

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