Literatur
Der «Magier der deutschen Sprache» gesteht: «Ich bin nur ein halber Schweizer»

In Frankreich gilt er als der «Magier der deutschen Sprache». Paul Nizon reiht sich selber nirgends ein, ausser in der Literatur, und dort weit über Max Frisch. Eine Begegnung.

Julian Schütt
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Besuch beim Autor Paul Nizon: «Man muss sich ein schönes Leben erfinden.»

Besuch beim Autor Paul Nizon: «Man muss sich ein schönes Leben erfinden.»

Peter Schneider / KEYSTONE

Politisch überkorrekte Rezensentinnen und Rezensenten sehen in ihm einen toxischen Cocktail: Er ist weiss. Er ist alt (vor wenigen Tagen 92 geworden). Er ist ein Mann durch und durch: ein notorischer «Frauenjäger», wie er gern eingesteht. Und er schreibt vor allem über eines: über sich. In diesem Herbst ist sein jüngstes Journal der Jahre 2011-2020 mit dem Titel «Der Nagel im Kopf» erschienen.

Für einige Tage hat er Paris, seine Heimat seit über 50 Jahren, verlassen und wohnt bei seiner Tochter in Baden. Da empfängt er zum Gespräch.

Zu unserer moralisierenden Zeit möchte er nicht gehören

Er scheint einen merkwürdigen Vertrag mit der Zeit abgeschlossen zu haben: Sie lässt ihn in Ruhe, verschont ihn von allzu deprimierend sichtbaren Spuren des Alters. Er wiederum lässt die Zeit in Ruhe. Darauf kommt er gleich zu sprechen.

Seine Kunst und sein Kunstverständnis seien völlig anachronistisch. Er sei ein Schrift­steller aus einer anderen Zeit. Zu unserer «moralisierenden» Epoche möchte er nicht gehören. Er gehöre ohnehin nirgends dazu, in seinem Journal erzählt er persönlicher als je zuvor von seiner «verdammten Niemandszugehörigkeit».

Nizon geht noch weiter. Seine wirkliche Zeit, sein wirkliches Leben habe ihn nie besonders beschäftigt, vielleicht mit Ausnahme der Frauenwelt. «Man muss sich ein schönes Leben erfinden, um das wirkliche aushalten zu können.» Nizon in Reinkultur.

Verstümmeltes Berner Familiendasein

Er umkreist in seinem jüngsten Journal die eigene Herkunft, sein «verstümmeltes Berner Familiendasein», die Tatsache, «dass ich nur ein halber Schweizer bin». Er habe «keine richtige Abstammung, sei Vaterwaise». Daher seine Verunsicherung und der Drang, sich immer aufs Neue zu erforschen, sagt er im Gespräch.

Paul Nizon: Der Nagel im Kopf. Journal 2011-2020, Suhrkamp, 264 Seiten.

Paul Nizon:
Der Nagel im Kopf. Journal 2011-2020, Suhrkamp, 264 Seiten.

Bild: zvg

Sein Vater Max Nizon war ein Jude aus Witebsk in Weissrussland. Er migrierte in die Schweiz, arbeitete als Chemiker und Erfinder. Lange vor der Geburt seines Sohnes konvertierte er zum evangelischen Glauben. In der Familie war er kaum präsent, weil er früh an Multipler Sklerose erkrankte, gelähmt in seinem Bett lag. Er starb 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg. Der Sohn Paul war damals erst zwölf und führt eine gewisse «Bodenlosigkeit», auf diesen frühen Tod des Vaters zurück.

Nizon ahnt schon, welchen Lauf das Gespräch nehmen könnte, und das gefällt ihm nicht. Er wolle jetzt nicht in diese Ecke gedrängt werden, als habe «ich wahnsinnig unter meiner Herkunft gelitten». Das Interesse an der Vatergeschichte sei erst im Alter erwacht.

«Ich habe mich gern geprügelt, vor niemandem Angst gehabt»

Zudem sei er immer eine «kämpferische Natur» gewesen. «Ich habe mich gern geprügelt, vor niemandem Angst gehabt.» Im Berner Keller des grossen Charly Bühler habe er Box-Stunden genommen. Ein guter Kampf sei für ihn noch heute ein ästhetischer Genuss.

Nein, bei Literaturkritikern oder Schriftstellerkollegen habe er nie die Fäuste sprechen lassen. Zumindest an Max Frisch, der ihn früh förderte und «adoptieren» wollte, habe er aber schon einen kleinen «Vatermord» begangen, gesteht Nizon.

«Ich bin ein Schwein!»

Tatsächlich hat er sich in seinen Werken immer wieder an Frisch abgearbeitet, aus ihm Kleinholz gemacht. «Ich habe ihn einfach nie als grossen Autor gesehen». So einen wollte er nicht als Ersatzvater haben.

Als Frischs Frau Marianne ihn viel später einmal auf sein Verhalten ansprach, antwortete Nizon: «Ich bin eben ein Schwein!» - er grinst dabei, steht gern etwas verruchter und fieser da, als er ist.

«Ich bin elitär - das merkt man schon, oder?»

Paul Nizon fasziniert, was auf dem Trottoir passiert. Ihn ziehen Orte des Alltags und seiner Zufälle an. Insofern ist er mit dem Leben verbunden. Nizon hat aber auch eine andere Seite: «In meinem Schreiben bin ich elitär, das merkt man schon, oder?» Er habe eine «ganz unzeitgemässe Kunstbesessenheit, es gibt fast nichts, was mich mehr bewegt».

Schönheit ist für ihn alles. In seinem Alter gebe es für ihn keinen höheren Genuss, als «grosse Kunst zu kontemplieren».

Ich habe Impfgegner im engsten Familienkreis

Damit lenkt er sich nicht zuletzt von Widrigkeiten ab, die das Leben in der Pandemie mit sich bringt. «Ich habe auch lernen müssen, wie es ist mit Impfgegnern im Familienkreis zu leben.»

Ausgerechnet eine frühere Lebenspartnerin und einer seiner Söhne verweigern sich der Impfung, während Nizon längst dreimal geimpft ist. Diese engsten Angehörigen würden mit ihm nicht einmal mehr über das Thema reden, was schmerze. Sie hätten es aufgegeben, ihn bekehren zu wollen.

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