LIteratur
Arno Camenisch lässt seine Kindheit wieder erstehen

In seinem neuen Buch erzählt der Schweizer Schriftsteller von einem lange nachwirkenden Unglück

Charles Linsmayer
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Der Schweizer Schriftsteller Arno Camenisch.

Der Schweizer Schriftsteller Arno Camenisch.

Janosch Abel

2012 hat der Erzähler an der «Ustrinkata» im «Restorant Helvezia» in abgründiger Fröhlichkeit Abschied genommen vom Dorf, hinter dem sich das bündnerische Tavasana verbirgt. Nun stattet er seiner Kindheit nochmals einen Besuch ab, und zwar unter dem Stichwort «Der Schatten über dem Dorf».

Während er Zigaretten rauchend an den verwaisten Häusern seiner Kindheit vorbeiwandert, verfolgt ihn nämlich hartnäckig die Erinnerung an ein Ereignis, das vor seiner Geburt stattfand und lange «einen Hauch von Traurigkeit» über das Dorf legte.

Was genau geschah, enthüllt sich erst am Schluss, gleichsam als tragischer Endpunkt des Rundgangs durch das Dorf, bei dem kein lebender Mensch auftaucht, aber in lockeren Rückblenden anekdotenhaft die Kindheit des Erzählers wiederersteht. So erscheinen der Grossvater, ein selbstbewusster Schreiner und PTT-Chauffeur, und die Grossmutter, die schwere Zeiten mit Beten und Jassen überstand und bei letzterem so gut war, dass sie ungeschlagen in den Himmel einzog.

Der naturverbundene Vater und die fromme Mutter haben sich getrennt und dennoch geliebt, und am Ende dankt ihnen der Sohn für eine Kindheit, die ihm aller Kargheit zum Trotz «ein Universum» öffnete. Aber nicht nur die Kindheit, auch sein späteres Leben rückt der Erzähler ins Licht. Etwa wie ihm Jahre später, in Madrid, die Schreibleidenschaft «definitiv den Ärmel reinnahm», so dass es «ab dann kein Halten mehr gab».

Und das fatale Ereignis, das so lange weiterwirkte? Beim Brand einer Baumhütte kamen drei Kinder ums Leben und versetzten das Dorf in Schockstarre. Und sie sind es auch, die den Anlass für das Buch liefern, denn «es musste diese Geschichte erzählt werden, um ihnen eine Stimme zu geben.»

Wie ein langer innerer Monolog

Weshalb das schreckliche Unglück nicht nur präzis beschrieben, sondern auch ausgemalt wird, wie das so plötzlich abgebrochene Leben der drei Menschen hätte weitergehen können.

Die Erzählung kommt in Camenischs gewohnt eigenwillig-frischer Diktion daher und erscheint wie ein langer innerer Monolog, dem man wie unter Zwang folgt, obwohl er weder einen linearen Ablauf noch einen spannenden Plot kennt.

Anders als im letzten, ausgesprochen fröhlichen Buch, «Goldene Jahre», legen sich hier allerdings, hervorgerufen durch die Begegnung mit dem mehr oder weniger toten Dorf, vor allem aber durch die beschwörend repetierten Anspielungen an den tödlichen Unfall, Wehmut und Trauer über das Erzählte.

Was für eine betörende Empathie Camenisch mit seinen Figuren, seiner nur scheinbar nachlässigen, intensiven Erzählweise und seiner liebevollen Sicht auf Leben und Tod in einem auslöst, ja auslösen möchte, deutet er selbst an, wenn er gegen Ende der Erzählung von einem Roman Paul Austers sagt, dieser habe «so einen ungemein feinen, sensiblen und respektvollen Ton, als würde er einem die Seele berühren».

Arno Camenisch: «Der Schatten über dem Dorf». Engeler. Schupfart 2021, 104 S.

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