Bucherscheinung
Faszinierende Comic-Zeichnungen eines Luzerners zeigen Musik und Lichter in den Nächten Kairos

Der Luzerner Lorenz Rieser hat einen Atelier-Aufenthalt in Kairo zu einem feinen Buch-Comic verarbeitet.

Pirmin Bossart
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In die kleinen Bilder, die Storys erzählen, hat Lorenz Rieser auch immer wieder grossformatige Impressionen zu Kairo eingestreut.

In die kleinen Bilder, die Storys erzählen, hat Lorenz Rieser auch immer wieder grossformatige Impressionen zu Kairo eingestreut.

Bild: PD

«Heavy Cairo Traffic» heisst ein Album von Koch-Schütz-Studer, auf dem das Schweizer Trio 1997 seinen Austausch mit ägyptischen Musikern in ein wuchtiges Sound-Dokument umgesetzt hat. 20 Jahre später hat der Luzerner Illustrator und Konzepter Lorenz Rieser die ägyptische Metropole besucht und seine musikalischen Erlebnisse während eines halbjährigen Atelier-Aufenthaltes zeichnerisch umgesetzt. Entstanden ist eine atmosphärisch dichte Graphic Novel, in der wir mit ägyptischen Musikerinnen und Musikern in den Sound der Stadt eintauchen.

Lorenz Rieser.

Lorenz Rieser.

Bild: PD

Zunächst noch etwas verloren in der Metropole, findet sich Rieser dank Kontakten schnell zurecht. Er erkundet die Stadt, lässt sich treiben, besucht Cafés und Bars mit Live-Musik. Mit dabei hat er Tusch-Stifte in diversen Helligkeitsstufen und den Skizzenblock. Das schlägt sofort Brücken zu Menschen, die ihm über die Schulter schauen, sich mit ihm unterhalten, ihn einladen. Nach seinen Streifzügen entwickelt er im Atelier aus Skizzen grössere Zeichnungen oder thematische Sequenzen und macht Notizen zu den Musikern und seinen Erlebnissen.

Musik und Lebensgefühl

«Ich nahm mir vor, Musiker aufzusuchen und die Leute beim Musik machen zu zeichnen», sagt Lorenz Rieser. «Das war mein Eintrittsticket in die musikalische Welt von Kairo, die ich sonst kaum so nah kennengelernt hätte.» Rieser liebt Musik, ist offen für verschiedene Sparten, findet darin Inspiration, ein Lebensgefühl. Bei seinen Streifzügen durch Kairo hat er sich nicht auf bestimmte Szenen festgelegt.

«Ich wollte das heutige musikalische Schaffen kennenlernen, erfahren, wie die aktuelle Musik klingt und was für Menschen dahinter sind.»

Die Zuger Musikerin Patricia Draeger, die jüngst mit ägyptischen und schweizerischen Musikern ein Album veröffentlichte (Ala Fekra), hatte ihm zwei Kontakte vermittelt. Der Violinist Amr erwies sich als wichtiger Türöffner. «Er ist ständig unterwegs, kennt extrem viele Leute und hat Freude am Austausch.» Amr fuhr mit ihm an Konzerte, stellte ihn anderen Musikern und Musikerinnen vor, und der Künstler aus der Schweiz fühlte sich sofort aufgenommen. «Ich habe die Menschen in Kairo als offenherzig und erlebt. Das hat mir die Arbeit sehr erleichtert.»

Tusch-Texturen mit Farbakzenten

Das 208-seitige Buch hat einen feinen Flow und ist sehr zugänglich. «Kairo im Ohr» erzählt vom Lebensgefühl, sich in einer fremden Grossstadt mit ihrem muslimisch-kulturellen Hintergrund auf Klänge und ihre Menschen einzulassen. Dabei werden politisch-gesellschaftliche Realitäten und Lebenswelten mitgeliefert, die man sonst nur aus den Nachrichten kennt. Unterschiedliche Zeichnungsformate, die grau-schwarzen Tusch-Aquarell-Texturen mit punktuellen Farbakzenten, die Dialoge und Erzählblöcke, der feine Humor sowie der Flow der einzelnen Erzählstränge führen unmittelbar ins Geschehen.

Rieser hat das Buch nach den Musikern gegliedert, mit denen er am kulturellen und sozialen Leben teilnimmt. Mit Nancy trifft er auch eine Musikerin, die jeweils nachts ihre Aufnahmen macht, weil die Stadt dann ruhiger ist. Sie interessiert sich für Mikrotöne und ist Mitbegründerin einer Metal-Band. «Würdest du Musik machen, wenn du der Einzige auf der Welt wärst, der sie hören könnte?», fragte der Zeichner die Musiker ab und zu. «Eine schöne Frage», meinte Nancy. «Ja, auf jeden Fall!».

Neben den zeichnerischen Ausflügen entwickelte Rieser in Kairo ein erstes Storyboard, um die Erzählstränge zu bündeln. Montage und Verfeinerung erfolgten in der Schweiz. «Ich suchte die passenden Bilder, erweiterte gewisse Passagen oder entwarf eine neue Handlung, um eine bestimmte Situation zu zeigen.» Als weitere, reizvolle Erzählebene schaltete er Traumsequenzen dazwischen, die mit der Drift des Unbewussten auf die Realität der Kairoer Hektik reagieren und ein persönliches Energiereservoir werden.

Skizzen und Gesichtsausdrücke

Vieles spielt sich im nächtlichen Kairo ab. Oft habe er keine Ahnung gehabt, was ihn erwarten würde, wenn er mit Musikern unterwegs gewesen sei:

«Manchmal kehrte ich erst um 6 Uhr früh ins Atelier zurück.»

Das Blinken und Leuchten überall hat den Zeichner fasziniert, der auch sonst die Lichtstimmungen der nächtlichen Städte liebt.

Davon zeugen grossformatige Bilder, die er in die reportagehaften Unterwegs-Sequenzen eingestreut hat. Neben elaborierteren Tuschzeichnungen finden sich auch Skizzen, wie sie Rieser vor Ort gemacht hatte. Manchmal sprechen Gesichtsausdrücke, manchmal genügt das Fragmenthafte oder Verschwommene einer Szenerie, um eine Atmosphäre zu schaffen.

Philipp Scholkmann, Nahost-Korrespondent von Radio SRF, hat ein stimmiges Nachwort über die «Kairoer Klangwelten» geschrieben. Man kann sie nachhören in zwei seiner Audio-Collagen, die Rieser auf Soundcloud gestellt hat (Link/QR-Code im Buch). Dort finden sich auch Stücke jener Musikerinnen und Musiker, denen er auf den Touren durch Kairo begegnet ist. «Oooh lebendige Nächte! Ihr seid so schön in meiner Erinnerung...»

Lorenz Rieser: Kairo im Ohr, Editions Laurier, 208 Seiten.Erhältlich in Buchhandlungen oder über www.kairoimohr.ch