Bührle-Affäre
Philipp Hildebrands neue Mission: Kusche(l)n im Kunsthaus – Schluss damit!

Der Ex-Banker Philipp Hildebrand und das in der Kritik stehende Kunsthaus Zürich starten eine Charmeoffensive. Die Performance der neuen Direktorin Ann Demeester an ihrem ersten öffentlichen Aufritt negiert Alt-Zürcher Männerbünde: Tatsächlich?

Daniele Musiconico
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Das neue Traumpaar der Kunstwelt: Philipp Hildebrand, Präsident der Kunstgesellschaft und Ann Demeester, ab .1. Oktober Kunsthaus-Direktorin.

Das neue Traumpaar der Kunstwelt: Philipp Hildebrand, Präsident der Kunstgesellschaft und Ann Demeester, ab .1. Oktober Kunsthaus-Direktorin.

Erfolgreiche Menschen brauchen wenig Schlaf. Die Sage erhielt am Montagmorgen Bestätigung: Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand stellt sich in seinem neuen Amt als Präsident des Zürcher Kunstvereins erstmals den Medien. Mit dabei die neue Direktorin des Kunsthauses, ab 1. Oktober in der Pflicht, Ann Demeester. Punkt 7.30 Uhr soll man zur Stelle sein, der frühe Vogel fängt den Wurm.

Und man war zur Stelle, ein Medienaufmarsch sonder Zahl – Herkunft nicht nur die Schweiz. Das Bedürfnis, Klarheit zu erhalten über die Fortschritte in der Aufarbeitung der Bührle-Sammlung, ist enorm. Zudem haben Stadt und Kanton Zürich, die Subventionsgeber des Museums, in der Zwischenzeit angekündigt, dass man zwei Untersuchungen in Auftrag geben wird.

Waffenhändler Bührle, profitierte er von Zwangsarbeit?

Es geht dabei um die Rolle von E.G. Bührle als Profiteur von Zwangsarbeit. In einem Fall betroffen sollen die Frauen des KZ Ravensbrück gewesen sein, zum anderen Mitarbeitende der Spinnerei im toggenburgischen Dietfurt. Beide Tathergänge waren nicht vom Kunsthaus, sondern von unabhängigen Medien ans Licht geholt worden.

Grund genug für das Kunsthaus, die Medien von der neuen Glaubwürdigkeit zu überzeugen, die vom künftigen Dream-Team Demeester/Hildebrand erwartet wird. Man startete eine Charmeoffensive, nannte sie «Medienfrühstück» und versprach zudem «lockeres Kennenlernen». Der neue Tag sollte ein erfolgreicher sein.

Denn Erfolg ist am Heimplatz längst ein rares Gut: Durch die umstrittene Aufarbeitung der Sammlung Bührle hat das Haus seinen Ruf umfassend und weiträumig beschädigt. Im Raum steht der Vorwurf, dass das Museum vor der Stiftung Bührle zu lange gekuscht und somit die Provenienzforschung der Bührle-Sammlung nicht unabhängig genug betrieben habe.

Alle Kraft für die Provenienzforschung

Laufsteg der Gastgeber war die intimste Ecke, die der neue Chipperfield-Bau zu bieten hat, die Bar. Sie ist lang, sie ist exklusiv, sie hat den Geruch von Elite. Die Inszenierung, die in den folgenden 90 Minuten stattfand, war symptomatisch: Am einen Ende der Persönlichkeitsskala stand und sprach der Ökonom Philipp Hildebrand, Stratege vom Scheitel bis zur Sohle, unangreifbar, lavierend zwischen Due Diligence (wenn er über das Geschäft redete) und Begriffen wie Humanismen (wenn er über Kunst sprach und ihre einigende, gesellschaftliche Funktion). Seine Botschaft las er vom Blatt und enthielt das Erwartbare an Inhalt: Provenienzforschung soll in Zürich der Weg der Zukunft sein. Sprachs, und sein Blick suchte das Weite.

Am anderen Ende in der Typologie der Führungsfiguren stand und erklärte die Belgierin Ann Demeester. Auftritt einer Frau, die sich traut: Sie trug Fuchsia, knallendes Pink, und zwar von oben bis unten. Ganz unten dann, schwarze High Heels mit weissen Punkten. Ihre Botschaft war wortlos so laut, dass alle sie hören mussten: Beamtin bin ich nicht, eine Funktionärin noch weniger.

Mit Demeester, das insinuierte ihre Performance, wird der alt-verzürcherte Kreis der Kunstgesellschaft, Betreiberin des Museums und Eigentümerin der Sammlung, von einer unabhängigen neuen Direktorin freigesprengt. Der Verein, mit Hildebrand ab 1. Juli an der Spitze, mag sich in den Jahren seiner bald 250-jährigen Geschichte auf die Tradition von Verschwiegenheit und freisinniger Brüderschaft berufen haben. Man ist ja schliesslich der Öffentlichkeit auch rechtlich nur bedingt zur Transparenz verpflichtet. Doch Zeitgenossin Demeester wird dafür sorgen, dass diese Vergangenheit auch in Zukunft kritisch überprüft wird.

Restitution? Darüber entscheidet eine externe, unabhängige Kommission

Was war überdies das Neue und Überraschende des Anlasses? Wenig bis nichts gab es zu berichten, das nicht bereits bekannt gewesen wäre. Ann Demeester wird erst ab 2024 für das künstlerische Programm verantwortlich zeichnen, wiewohl Christoph Becker bereits Ende September Abschied nimmt, und zwar mit der Ausstellung Niki de Saint Phalle. Der abtretende Direktor würdigt eine Künstlerin des 20. Jahrhunderts, ein schöner Zug. Ähnliches hielt er in seiner 22-jährigen Amtszeit jedenfalls kaum für notwendig.

«Ist Restitution denkbar, wenn sich im Zuge neuer und endlich unabhängiger Untersuchungen zeigt, dass Bilder der Sammlung Bührle doch zu Unrecht im Kunsthaus zu hängen?» Es war diese Frage der Journalisten und Journalistinnen, an der sich entscheidet, ob das Museum von seinen Fehlern lernt.

Die Antwort der Gastgeber war gekonnt: «Wenn eine externe Kommission ein eindeutiges Urteil fällt, werden wir darauf reagieren.» So weit, so unklar. - Die Kaffeemaschinen beginnt zu lärmen, die Croissants knuspern, und die offenen Fragen werden in den Sommer vertagt. Dann bezieht die Stadt Zürich Stellung.