Kultur

Kunstnomaden sitzen diesen Sommer fest – doch die Kunsthalle Zürich hat eine geniale, Corona-konforme Idee

Munterer Blickfang: Die Skulptur «Untitled» von Caterina de Nicola.

Munterer Blickfang: Die Skulptur «Untitled» von Caterina de Nicola.

Die Kuratoren zeigen etappenweise die Werke von 42 Schweizer Künstlern. Dabei zeigt sich eine überraschend grosse Vielfalt.

Wie viele Künstlerinnen und Künstler arbeiten und wohnen in Zürich? Wie viele sind gerade da? Wer weiss das schon? Wer kennt sie alle? Wohl niemand. Nun hat der globale Lockdown die internationalen Kunstnomaden gestoppt. Die Karawane sitzt in der Oase Zürich fest. Doch für viele hängen die Datteln sehr hoch. Oder wie Daniel Baumann, der Leiter der Kunsthalle Zürich, sagt:

Er habe sich im März gefragt, wie er helfen und wie sein abgesagtes, internationales Programm ersetzen könne. «Da war die Idee naheliegend: Wir machen eine Ausstellung mit den Künstlerinnen und Künstlern von hier – und jeder bekommt für die Lieferung einer Arbeit 1000 Franken.»

Damit sich weder Künstlerinnen noch Besucher drängeln, wurden Aufbau wie Eröffnung etappiert. Schön dem Titel folgend «Sommer des Zögerns». Seit dem 26. Mai bauen jeweils dienstags, donnerstags und samstags je zwei Kunstschaffende ihre Arbeit auf, um 18 Uhr wird angestossen – quasi eine Vernissage in 21 Folgen.

Ein wilder, aber treffender Mix

42 Künstlerinnen und Künstler haben Daniel Baumann und sein Mitkurator Matthew Hanson eingeladen. Ältere und jüngere, die Hälfte sind Frauen und ein Grossteil von irgendwo zugezogen. «Ich denke, die Auswahl spiegelt die Zürcher Szene ziemlich gut», so Baumann.

Nach sechzehn Aufbautagen hat sich die grosse Halle diese Woche schon recht gut gefüllt. Unglaublich vielfältig kommt diese Kunst daher. Doch was ist von wem? Auf einem Grundrissschema kann man die Namen auf Klebern entziffern.

Ein Blatt verrät Titel, trotzdem bleibt einem oft nur zu rätseln. Aber was soll’s – man kann ja schauen! Gross steht die rosarote Blüte von Caterina de Nicola auf einem als Sockel umgedeuteten Kleiderständer, da passen die Turnschuhe, die Jack Pryce daneben platziert hat. Auf einem altertümlichen Fernseher läuft das Video «Menschen in Baracken» von O Library zu 50 Jahre Schwarzenbach-Initiative.

Gekonnt wie eh und je präsentiert sich der Fotograf Walter Pfeiffer als Porträtist. Für einen unheimlichen Hingucker – Knöchelchen unter grün beleuchteter Plastikplane – sorgt Pamela Rosenkranz. In einem verzerrten Bleistiftgesicht hat Sabian Baumann einen düsteren «Erinnerungsgarten» angelegt und daneben proklamiert Bea Schlingelhoff: «Art ist Anti-Agression».

Von der Decke purzelt alle paar Minuten ein Ball, hüpft durch den Raum und wird wieder hochgezogen. Sollen wir an Sisyphus oder unbeschwertes Spielen denken? Ins Bedrohliche kippt die Schau, wenn alle halbe Stunde ein F/A-18-Kampfflugzeug durch die Kunsthalle donnert. Die Soundinstallation von Gabriele Garavaglia erinnert daran, dass wir in unsicheren Zeiten leben.

Die Mini-Vernissagen haben sich zu Treffpunkten entwickelt. 50 bis 60 Leute kommen jeweils, bei Performances bis 200. Dann führe man Listen und danach böten die Halle und die grosse Terrasse genug Raum, betont Baumann. Für den Rest des Jahres ist er am Umplanen. «Vielleicht organisieren wir wieder ein Experiment.» Doch um ein solches zu planen, sei es zu früh.

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