Kunsthaus-Neubau
Gross und festlich: In Zürich steht nun der schönste Kunstbunker der Schweiz

Das Kunsthaus Zürich öffnet seinen Neubau. Einen Monat lang kann man nun den Chipperfield-Bau leer erkunden. Und wähnt sich fast in der Kirche.

Sabine Altorfer
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Die zentrale Halle wirkt eine gedeckte Piazza. Boden und Treppe glänzen mit Marmor, die Nische mit Messing.

Die zentrale Halle wirkt eine gedeckte Piazza. Boden und Treppe glänzen mit Marmor, die Nische mit Messing.

© Juliet Haller, Amt für Städtebau, Zürich

Wer in den Neubau will, muss im Altbau des Zürcher Kunsthauses starten. Nach einem Tunnel aus Marmor und Licht taucht man ennet des Heimplatzes in einer Halle auf, marmorgepflästert und riesig wie eine Piazza. Ein guter Treffpunkt, denkt man, verloren fühlt man sich nicht, allenfalls etwas klein inmitten der hohen Betonwände mit ihrer hellen unaufdringlichen Tönung. 21 Meter hoch ist das Gebäude! Grosse Fenster zum Platz, Tageslicht von oben und eine breite, einladende Treppe stellen eine klare Ordnung her.

Wieviel Messing braucht ein Bau?

Goldig glänzende Details und ganze Nischenwände aus Messing bringen eine betont festliche Note – zu nüchtern solls ja auch nicht sein. Keine Säule verstellt den Blick, alle Last tragen die – sehr dicken – Wände, die schmalen Gänge des Obergeschosses schwingen sich als Brücken darüber.

Wieviel Messing braucht ein Bau?

Wieviel Messing braucht ein Bau?

© Juliet Haller, Amt für Städtebau, Zürich

Glocken läuten die neue Ära ein

Also hinauf! Beschwingt von Glockenklängen. Zur Vorbesichtigung des noch leeren Neubaus von David Chipperfield hat das Kunsthaus den Choreografen William Forsythe eingeladen, das Haus an sich zu inszenieren. Die ausgedienten Kirchenglocken mit unterschiedlicher Stärke und Tonhöhen klingen aus allen Richtungen, füllen das Haus mit Leben, Assoziationen, und ja, sie zaubern eine Sonntagsstimmung.

Eine der Glocken-Installationen von William Forsythe.

Eine der Glocken-Installationen von William Forsythe.

Kunsthaus Zürich

Viel Platz für viel Publikum und sehr viel Kunst

Beengt fühlt man sich nirgends, selbst dann nicht, wenn man auf dem ersten Treppenabsatz stehen bleibt. Magisch zieht es den Blick hinaus in den Garten: gekiest das zentrale Rondell, braunlaubig noch die Buchenhecken, versteckt darin eine runde Betonbar.

Platz braucht es, rechnet das Kunsthaus doch mit 300000 bis 400000 Besuchern im Jahr. Im Treppenhaus sind mit goldener Schrift die Donatoren aufgeführt: Zuoberst die Bevölkerung von Stadt und Kanton Zürich. 206 Millionen Franken hat die Kiste gekostet, einen Drittel hat die Stadt bezahlt, einen Drittel die Kunstgesellschaft und 30 Millionen der Kanton.

Viel Tageslicht

Im ersten Stock führen Brücken und Gassen um den offenen Hof und in die Raumfluchten der Kunst. «Sammlung Merzbacher» und «Sammlung» liest man auf den etwas überkandidelt wirkenden Anzeigen an der Wand oder dünn und schwer leserlich in der Luft hängend. Grosszügig wirken die Säle und überraschend hell, dank der raumhohen, schlitzartigen Fenster. Im Kunsthaus ist man stolz auf das viele Tageslicht, verzichtet während des Vorbesichtigungsmonats gar auf alles künstliche Licht.

Keine Säule stört und die Höhe ist imposant.

Keine Säule stört und die Höhe ist imposant.

© Juliet Haller, Amt für Städtebau, Zürich

Versteckte Technik und betonte Details

So erlebt man als Besucherin unterschiedliche Stimmungen: Seitenlichträume mit wechselndem Ausblick, im zweiten Stock auch schöne, klassische Oberlichtsäle und gegen innen kleinere, fensterlose Zimmer für Videokunst oder lichtempfindliche Papierarbeiten.

Licht und Logik sind zentrale Kriterien für die Qualität eines Museums. Für ein Kunstmuseum ist es zudem der Boden. Ist er neutral genug, währschaft, kann man Kabel, Stecker, Lüftung führen? In Zürich wollte man ursprünglich einen Terrazzo giessen, doch bei den Raumgrössen und den Doppelböden wären Risse vorprogrammiert. Nun liegen schöne, regelmässige Eichenriemen, störend sind allerdings die breiten Teiler. Hängt Kunst nur an den Wänden, spielt das keine Rolle, bei Skulpturen oder Installationen aber sehr wohl.

Die Eichenriemenböden in den Ausstellungssälen sind schön, aber die Teiler zu breit und auffällig.

Die Eichenriemenböden in den Ausstellungssälen sind schön, aber die Teiler zu breit und auffällig.

Sabine Altorfer

Das grösste Kunstmuseum der Schweiz

Fast raumhoch sind die Türen, manche Durchgänge wirken tunnelartig, verbergen sich zwischen den Wänden doch Räume für Technik, Steigzonen oder gar Fluchttreppenhäuser. Als Besucherin zählt man anfangs die Räume, lässt das aber bald bleiben. Mit dem Gefühl: Sie reichen. 5040 Quadratmeter bekommt die Kunst im Chipperfield-Bau. Zusammen mit den Moser-, Müller- und Bührle-Altbauten wird das Kunsthaus Zürich mit 11500 Quadratmetern Ausstellungsfläche zum grössten Kunstmuseum der Schweiz.

Gut 80 Prozent der Neubaufläche ist für die Sammlungen reserviert: für zeitgenössische Kunst, Klassische Moderne, die Impressionisten sowie die Werke der Sammlung Bührle. Diese kommt in den zweiten Stock, anschreiben müsste man das nicht, spürt man es doch an der Materialisierung der Räume. Die Wände sind elegant dunkelgrau gestrichen, die Hängefläche in der Höhe reduziert und mit einem Messingbändchen abgetrennt. Messing lässt auch die Türöffnungen glänzen.

Edles grau und auffälliger Messing in den Räumen für die Bührlesammlung.

Edles grau und auffälliger Messing in den Räumen für die Bührlesammlung.

© Juliet Haller, Amt für Städtebau, Zürich

Dass David Chipperfield klassizistische Architekturdetails liebt und praktiziert, wissen wir. In Zürich hat er sich vom ursprünglichen neoklassizistischen Moserbau inspirieren lassen. Den Anstoss gegeben habe Mosers eleganter Messinghandlauf, sagt uns Projekt-Manager Dag Vierfuss. Mit Neo-Neoklassizismus könnte man den Stil der äusserlich schlichten Kiste umschreiben.

Doch sehen Sie selber. Einen virtuellen Rundgang ermöglicht dieses Video.

Ein Rundgang

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Eigentlich ist der Bau ein Bunker. Der schönste Kunstbunker der Schweiz. Die tragenden Aussenwände sind fast einen Meter dick, 40 Zentimeter Aussenisolation wurde verbaut. Die letzten drei Monate hätten wirklich gute und konstante klimatische Werte gezeigt, sagt Vierfuss. Für unser Gefühlsklima würden wir zum Schluss des Besuches gerne im Shop stöbern (doch der ist noch leer) und uns in die mit grünem Samt tapezierte Bar setzen (doch die ist noch zu). Eröffnung mit Drinks – und Kunst – ist im Oktober.

Die Bar im neuen Kunsthaus. Sie soll ab Oktober auch über die Öffnungszeiten des Museums hinaus Treffpunkt sein.

Die Bar im neuen Kunsthaus. Sie soll ab Oktober auch über die Öffnungszeiten des Museums hinaus Treffpunkt sein.

Pipilotti Rist sorgt für Farbe

Nun stehen wir also wieder auf dem Platz, der irgendwie keiner sein will und kann. Trams und Bus und Autos flitzen vorbei. Und mitten drin als Wahrzeichen für Altbau und Neubau des Zürcher Kunsthauses steht der poppig fröhliche «Lichtmast» von Pipilotti Rist. Tagsüber leuchtet er selber knallig gelb und pink, nachts wirft er farbiges Licht auf die Fassaden. Poetisch.

Pipilotti Rist erklärt, wie tricky die Entstehung des Lichtmastes war.

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Kunsthaus Zürich. Preview des Neubaus und William Forsythe: 23. April bis 24. Mai. Tickets (ohne Zeitfenster) an der Kasse oder online.