Superstar der Surrealistinnen: Gleich in zwei Schauen wird Meret Oppenheim gezeigt

Kunst
Superstar der Surrealistinnen: Gleich in zwei Schauen wird Meret Oppenheim gezeigt

Bild: Albin Dahlström © 2021, ProLitteris, Zurich / «Ma gouvernante – my nurse – mein Kindermädchen» (1936)

Ikone der Surrealisten, Wegbereiterin und Poetin − zwei grosse Ausstellungen in Bern und Solothurn widmen sich Meret Oppenheim und zeigen: Die Künstlerin ist vieles. Vor allem aber ist sie eine Wucht.

Anna Raymann
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Das Buffet ist angerichtet. Das Brathühnchen spreizt kokett die weissen Schenkel, der Bierkrug rollt seinen bauschigen Eichhörnchenschwanz, und das Teeservice schmiegt sich im feinsten Pelzmantel. Das Frühstück im Pelz («Déjeuner en fourrure», 1936) gehört zu Meret Oppenheims bekanntesten Arbeiten und wurde zum struppigen Symbol des Surrealismus.

Meret Oppenheims berühmte Pelztasse wird dieses Jahr 85.

Meret Oppenheims berühmte Pelztasse wird dieses Jahr 85.

Bild: Getty

Wer meint, damit sei das Buffet erschöpft, irrt. Die rund 50-jährige Schaffenszeit von Meret Oppenheim reicht für Üppigeres: Pelz und Porzellan, Objekt und Skizze, Buntes und Monochromes kommen in Oppenheims Händen zusammen. Diese ungebändigte Vielfalt ist Ausgangspunkt der grossen Retrospektive, die das Kunstmuseum Bern zusammen mit dem Museum of Modern Art (MoMA) und der Menil Collection in Houston aufgestellt hat. «Mon exposition» ist dafür der bescheidene Titel, der jedoch doppelt unterstreicht, wer das Sagen hat. Die Ausstellung orientiert sich nah an der Berner Retrospektive von 1984, die Oppenheim, ein Jahr vor ihrem Tod, noch selbst begleitet hat.

Nun steht man in Bern erneut vor ihr. In Öl gemalt, legt sie den kahlen Kopf leicht zurück, die Haltung ist kerzengerade. Oder: Bis auf die Knochen enthüllt im Röntgenbild mit grossen Kreolen. Beides ist Meret Oppenheim – nicht wie sie Man Ray zur Ikone des Surrealismus gemacht hat – sondern wie sie sich selbst gesehen, verstanden und gezeigt hat. Wollen wir uns also einlassen auf diese Künstlerin. Das Kunstmuseum Bern schickt uns ihrer Biografie entlang, legt Pfade von Paris über Basel bis nach Bern, nicht ohne die eine oder andere Kapriole einzuschlagen. Welches Künstlerinnenleben verläuft schon gradlinig?

Meret Oppenheim förderte die Kunst der Frauen, ohne eine Frauenkünstlerin zu sein. Vor ihr stehen: «Sechs Wolken auf einer Brücke» (1975).

Meret Oppenheim förderte die Kunst der Frauen, ohne eine Frauenkünstlerin zu sein. Vor ihr stehen: «Sechs Wolken auf einer Brücke» (1975).

Bild: Margrit Baumann

Die Freiheit, die man sich nimmt, muss man auch ausfüllen

Die Reise beginn in den 30er-Jahren in Paris. Meret Oppenheim ist noch keine 20 Jahre alt, als sie im Montparnasse ankommt. Sie begegnet Alberto Giacometti, Max Ernst, dem sie nach einer Liebelei das Herz bricht, Sophie Taeuber-Arp, André Breton und eben Man Ray. Kuratorin Nina Zimmer:

«Egal wo – wenn Meret Oppenheim aus dem Zug stieg, dauerte es nur Sekunden, bis sie mittendrin war in der lokalen Kunstszene.»
Nina Zimmer Kunsthistorikerin

Nina Zimmer
Kunsthistorikerin

Bild: Keystone

Hier in Paris ist sie glücklich und befreit, doch ihre Werke sind schaurig düster. Als 1937 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kommen, beginnen für die Künstlerin mit dem jüdischen Nachnamen «Krisenjahre». Oppenheim kehrt zurück nach Basel, schreibt sich ein an der Kunstgewerbeschule, spinnt ihre Netzwerke weiter bis zur modernistischen «Gruppe 33». Erst fast 20 Jahre später, mit dem Umzug nach Bern, sieht sie diese Krisenzeit durchbrochen. Der Erfolg gibt ihr recht, wichtige Kunstpreise ehren sie.

Wir lernen eine Künstlerin kennen, die sich neugierig in der Welt umsieht und sich an ihr bedient. Hier finden sich Traumwelten, dort Anlehnungen an den Psychiater C. G. Jung. Wir begegnen der Mondlandung und gleichzeitig mythologisch-sakralen Figuren wie der armlosen Genoveva oder der Urzeit-Venus ohne Kopf.

Die Urzeit-Venus wird gerade im Kunstmuseum in Bern gezeigt.

Die Urzeit-Venus wird gerade im Kunstmuseum in Bern gezeigt.

Bild: Keystone

Meret Oppenheim ist eine Zeitgenossin, deren Arbeiten mit erfrischendem Blick stets Aktualität bewahren. Damalige Kritiker taten sich hingegen schwer mit ihrer Kunst, nur widerstrebend lässt sich dieser «Gwunderfitz» in Genres und Sparten einordnen. Ihre Erfolgsgeschichte, so viel wird im Rundgang klar, folgt keiner gleichmässigen Bewegung von A nach B. «Freiheit», so sagte Oppenheim eigensinnig, «wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen.» Dieser Freiheit lässt das Kunstmuseum Bern auf zwei Etagen viel Raum.

Die parallele Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn zu den grafischen Arbeiten erweitert diesen Raum und fügt dem Kaleidoskop Oppenheim eine weitere Facette hinzu. Oft schlicht mit feinem Bleistift oder Tusche auf Papier trifft noch einmal radikale Einfachheit auf verdichtete, fantastische Szenerie. Man staunt ob des Spektrums, das sich laufend auszudehnen scheint. So auch Direktor Christoph Vögele:

«Ich habe grösste Mühe, Meret Oppenheims Blätter zu datieren, weil sie letztlich immer sich selbst bleibt.»

Eine Oppenheim ist nicht genug

Das Werk von Meret Oppenheim reicht von den 30er-Jahren bis in die 80er-Jahre. Das Kunstmuseum Bern zeigt vom 22.10.21– 13.2.22. die umfassende Retrospektive «Meret Oppenheim – mon exposition». Struppige Pelztassen zeigt das Kunstmuseum Solothurn nicht, dafür Zeichnungen, Aquarelle und Collagen: «Arbeiten auf Papier» vom 23.10.21–27.2.21. (ray)

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