Kunst Aargau
Bittersüsser Farbrausch: Nici Jost macht aus dem Kunstraum Baden eine chinesische Shopping Mall

Von der Farbe Pink heisst es, sie sei zu hübsch für die Kunst. Trotzdem gelingt der Aargauer Künstlerin Nici Jost damit eine vielschichtige Ausstellung.

Anna Raymann
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Nici Jost mit ihren Fundstücken aus Shanghai

Nici Jost mit ihren Fundstücken aus Shanghai

Sandra Ardizzone

Pink polarisiert. Die Farbe wirkt auf ihre Betrachter mal kitschig, mal vulgär oder – traut man Gefängnisarchitekten – gar beruhigend. «Pink hat viele Facetten», sagt die Multimedia-Künstlerin Nici Jost. Seit über fünfzehn Jahren beschäftigt sie sich mit der Farbe, von der man sagt, sie sei zu hübsch für die Kunst.

Den Kunstraum Baden macht Jost mit ihrer Einzelausstellung ab Samstag zur chinesischen Shopping Mall «Land of Peach Blossom» – das Land der Pfirsichblüten. Den grossen Raum unterteilt sie in einen Korridor, den vier «Läden» säumen. «Made in China» – meist ein Stempel unter Plastikspielzeug – heisst bei ihr, dass sie das Material während eines Atelieraufenthalts 2018 in Shanghai gesammelt hat.

Pink ist eine Farbe mit vielen Untertönen

Wie man es von einer Shopping Mall erwarten darf, fährt hinter jeder Wand neues Sortiment auf. Es beginnt im schrillen, oberflächlichen Konsumrausch: Chipstüten, Haarspray und die monoton schaukelnde Katze, die dem Wohlstand zuwinkt. Das pinke Sammelsurium offenbart so viel Klischee, dass es zunächst verführt, bevor es sich in seiner Opulenz selbst überführt.

In Mandarin, so stellte Nici Jost fest, fehlt eine direkte Übersetzung für «Pink». Die verschiedenen Nuancen heissen zeichnend Pfirsich oder Kirschblüte.

Bei Jost heissen die Farbstufen «Bloc Pink» oder «Rococo Pink». Ihr eigens entwickeltes «Pink Color System» kategorisiert die Nuancen über ihre Anwendungsbereiche: Protest, Sexualisierung, Rassifizierung, Kommerzialisierung. Von ihrem Aufenthalt in China brachte sie zwei neue Nuancen «Silent» und «Peach Pink» mit: «Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich tatsächlich neue Pinktöne entdecken würde.»

Klingeln bei Pipilotti Rist

Gelernt hat Nici Jost bei einer Frau, die bunt nicht scheut. Ein Praktikum bei der Videokünstlerin Pipilotti Rist ergatterte sie, indem sie einfach an deren Ateliertür klingelte. «Ich konnte sehr frei bei ihr arbeiten», erzählt Jost, «Ich habe gelernt, die Welt durch andere Augen zu sehen.» Seither arbeitet sie an der Bändigung der widerspenstigen Farbe, unterstützt auch durch das Aargauer Kuratorium.

«Bei Pipilotti Rist konnte ich sehr frei arbeiten. Ich habe gelernt, die Welt durch andere Augen zu sehen.»

Zurück in der «Shopping Mall» springen einem auf grossformatigen Fotografien Frösche entgegen, ein Vogel schaut ruhig in die Linse. Die ehemalige Badener Stadtfotografin dokumentier den Tiermarkt «Birds and Flower Market», 2018, zwei Jahre bevor irgendjemand von einem Virus gesprochen hat. Die Berichterstattung während der Pandemie hat Jost verdeutlicht: «China ist derart präsent in den Medien und dennoch wissen wir hier nichts über das Land.» Um sich ein eigenes Bild zu machen, hatte sie sich auf die Residenz im Swatch Art Peace Hotel in Shanghai beworben.

Shanghai ist zur Planstadtgeworden mit über 26 Millionen Einwohnern. Die Altstadthäuser werden systematisch durch Wohnblöcke, Hochhäuser, ersetzt. Auch das fängt Nici Jost ein. Sie zeigt reizende Bilder, die sich als Details einer Müllhalde entpuppen. Zurückgelassenes der Vertriebenen.

Wo Kirschblüten und Kunstmarkt blühen

International bekannte Künstler wie Ai Weiwei sparen nicht an Kritik an der chinesischen Regierung und ihre Einschränkungen der Kunstfreiheit. Dennoch: Zeitgenössische Kunst boomt in China. Das Land macht hinter den USA und neben Grossbritannien den zweitgrössten Absatz auf dem globalen Kunstmarkt. «Die Künstler beginnen, freier zu arbeiten, es sprudelt überall», beobachtete Nici Jost in Shanghai, «über Zensur wird nicht viel gesprochen, aber es ist klar, dass nicht alles ausgestellt werden kann.»

«Wenn man zu kritische Fragen stellt, werden die Antworten zurückhaltend.»

Um den Austausch unter den Stipendiaten im Residenzprogramm anzuregen, initiierte Jost Atelierbesuche. Darüber fanden auch Begegnungen mit der lokalen Kunstszene statt. Doch: «Wenn man zu kritische Fragen stellt, werden die Antworten zurückhaltend», erzählt Jost. Die enge Zusammenarbeit mit Künstler Kahn Yuan Chongyin aus Shanghai ermöglichte ihr dennoch einen ehrlichen, ungefilterten Blick auf die Stadt.

Kunst wird zur selfietauglichen Ganzkörpererfahrung

Zu sehen und zu hören ist dieser Künstler in Baden in einer Videoarbeit. Ein rosa Wald versperrt zunächst die Sicht auf den Bildschirm. Tritt man näher, haucht der Luftzug den vermeintlich statischen Säulen Bewegung ein: Es sind Duschvorhänge, die für eine Generation junger Chinesen Kindheitserinnerung sind. Im Video erzählt der Künstler, wie eine Schale kochendes Wasser die flatternde Duschkabine zum Dampfbad macht. Wo heute Tech und Wirtschaft florieren, wuchs er noch ohne feste Sanitäranlagen auf.

Nici Jost macht Kunst zur Ganzkörpererfahrung. Jedes Werk ist eine begehbare Installation. In China muss Kunst heute massen- und selfietauglich sein. Vernissagen sind berauschende Events mit lauter Musik. Auch im Kunstraum Baden dominiert zuerst der schöne Schein. Eine Kulisse, die ihre Besucher zu Kunstfiguren macht. Wer die Reizüberflutung aber überwindet, vermag Nici Josts undogmatische Beobachtungen zu entziffern.

Land of Peach Blossom. Kunstraum Baden. 24.4.-27.6.

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