Kolumne
«Glamour, mon amour»: Unsere Quartier-Queen

Kolumnistin Simone Meier schreibt diese Woche über Begegnungen mit einer ganz speziellen Lady, die sich als schamlose Egozentrikerin gibt.

Simone Meier
Simone Meier
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So royal angezogen ist die Quartier-Queen unserer Autorin nicht. Doch sie macht das mit eleganten Sprüngen und Bewegungen wett.

So royal angezogen ist die Quartier-Queen unserer Autorin nicht. Doch sie macht das mit eleganten Sprüngen und Bewegungen wett.

Bild: Keystone

Mögen Sie Katzen? Oder anders gefragt: Gibt es Menschen, die Katzen nicht mögen? Ja, natürlich gibt es die, sie sind felinophob, so wie ich arachnophob bin, weil ich Angst vor Spinnen habe. Ich traue Spinnen nicht. Ich projiziere völlig irrationale Ängste auf sie, von denen ich weiss, dass sie grundlos sind, aber ich habe sie trotzdem, wahrscheinlich, weil ich zu oft «Die schwarze Spinne» gelesen habe.

Felinophobe haben für ihre Angst mehr Grund als ich, schliesslich können sich Katzen in wilde und sadistische Quälgeister verwandeln. Doch die meisten Menschen lieben Katzen. Sie – also die Katzen, weniger die Menschen – sind hübsch, intelligent, fühlen sich gut an und sind bei alledem schamlose Egozentrikerinnen.

Die grösste mir bekannte Diva unter den Katzen ist die sogenannte «kleine Katze». Wir nennen sie so, weil sie zwar erwachsen ist, aber für immer aussieht wie eine junge, sportliche Katze. Sie ist schwarz-weiss-rot gefleckt, tollkühn und betrachtet uns alle als ihren Hofstaat. Die Strasse ist ihr Laufsteg, egal, wie viele Autos gerade kommen, nur manchmal wartet sie an der Signalanlage, bis jemand mit ihr rübergeht, sie dabei streichelt und immerzu ausruft: «Jöh, du Härzigs!»

Vor wenigen Tagen hat sie es geschafft, dass ihr die Bauarbeiter auf dem Baustellengerüst vor unserem Fenster aus einem Stück filzigem Verpackungsmaterial ein kleines Nest gebaut haben. Kaum sind die Arbeiter abends weg, legt sie sich hinein und schaut herablassend auf die Welt und ihr Gekröse hinunter.

Nachts geht sie jagen oder spielen, aber am Morgen liegt sie wieder so lange in ihrem Nest, bis die Arbeiter zurückkommen und sie alle einmal herzig gefunden haben. Danach übt sie ihre Stunts auf Bäumen, Dächern und an Hauswänden und wartet auf lebendige Kleinigkeiten, die sich in einen Snack verwandeln lassen. Einmal hat sie beinahe unsere Haustür aufgestemmt, und die ist schwer. Sie überwindet jedes Hindernis. Bezwingt, überlistet, betört, tötet.

Neulich haben wir erfahren, dass zwei andere Katzen, zwei schöne, scheue Tiere, die sich am liebsten unter Rosenbüschen verstecken, so, dass keine zärtlich gemeinte Hand zu ihnen durchdringen kann, die Kinder der kleinen Katze sind. Sie distanzieren sich radikal von ihrer Mutter, es scheint da ein massiver Graben mitten durch die Familie zu gehen. Wahrscheinlich befinden sich die jungen Katzen gerade in der Pubertät und die Mutter, die sich für eine Mischung aus Queen und Superheldin hält, ist ihnen total peinlich.

Möglicherweise schimpfen sie ihre Mutter im Rosenbusch-Versteck eine Berufsjugendliche. Die drei erinnern mich jedenfalls an dieses österreichische Mutter-und-Tochter-Paar, das gerade in «Germany’s Next Topmodel» mitmacht, da ist die Mutter auch so eine expressionistische Rampen-Diva und die Tochter eher impressionistisch zurückhaltend. Aber das ist nun eine ganz andere Baustelle. Und garantiert eine ohne Katzen-Nestchen.