Knausgårds neues Buch
In «Der Morgenstern» gehts um die Abkehr vom Irrationalen in einer von der Wissenschaft dominierten Welt

Karl Ove Knausgård kehrt mit seinem Roman «Der Morgenstern» zum fiktionalen Schreiben zurück und stellt darin die grossen Fragen.

Welf Grombacher
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Der beste Karl Ove Knausgård? Es geht um nichts weniger als um Leben und Tod.

Der beste Karl Ove Knausgård? Es geht um nichts weniger als um Leben und Tod.

Bild: Keystone

Auch wenn es sich um keinen Pandemie-Roman handelt, so ist die drückende Stimmung während des Lockdowns, den Knausgård mit Familie in London verbrachte, doch auf jeder der fast 900 Seiten spürbar. Es ist ein grosser Roman, vielleicht der beste von Karl Ove Knausgård, und das will was heissen.

Es geht um nichts weniger als um Leben und Tod, die Abkehr vom Irrationalen in einer von der Wissenschaft dominierten Welt und um die Leere, die der Abfall vom Glauben in einer säkularisierten Gesellschaft hinterlässt. Die Kraft, die diese zerfaserte moderne Welt im Inneren zusammenhält, existiert nur noch als grosse Sehnsucht in den Köpfen. Wer jetzt denkt: «harter Tobak», dem sei die Angst genommen. Erst auf den letzten 80 Seiten legt Knausgård dieses metaphysische Fundament. Davor erzählt er unterhaltsam und spannungsgeladen.

Nach Jahren der Nabelschau kehrt er mit «Der Morgenstern» zu seinen fiktionalen Anfängen zurück. Aus neun immer wieder wechselnden Perspektiven erzählt er die im norwegischen Bergen angesiedelte Geschichte. Aus jeder einzelnen hätte sich ein eigener Roman machen lassen.

Die vom Glauben abgefallene Pfarrerin Kathrine beschliesst nach einem Theologie-Kongress, nicht zur Familie zurückzukehren und nimmt sich stattdessen ein Zimmer im Hotel. Uniprofessor Arne macht mit seiner psychotischen Frau Tove Urlaub in einem Haus am Meer. So sehr er sich auch bemüht, den verständnisvollen Ehemann zu geben, wächst in ihm immer mehr der Unmut über Tove, die sich nicht mal mehr um die drei gemeinsamen Kinder kümmert.

Grosse Literatur

Karl Ove Knausgard: Der Morgenstern. Roman. Luchterhand, 896 S.

Karl Ove Knausgard:
Der Morgenstern. Roman. Luchterhand, 896 S.

Bild: zvg

Wie Knausgård mit wenigen Worten die Spannung zwischen den beiden Eheleuten spürbar macht, ist grosse Literatur, beweist ungemeines Einfühlvermögen. Emil dagegen jobbt in einem Kindergarten, bis ihm der kleine Liam beim Wickeln vom Tisch fällt. Obwohl das Kind danach apathisch im Sandkasten sitzt, erzählt Emil keinem davon und geht zur Probe seiner Band.

Zwei Tage begleitet Knausgård seine Protagonisten, jedem hat er Züge von sich selbst mitgegeben. Obwohl sie angesehene Berufe haben, Sommerhäuser und eine Familie wie aus dem Bilderbuch, fechten sie alle ihren ganz eigenen Kampf. Zusammengehalten werden die Handlungsfäden durch einen seltsamen Stern am Himmel, der die Tierwelt verrückt spielen lässt. Krebse wandern zu Hunderten über die Strasse. Füchse und Schlangen verlieren ihre Scheu. Das Szenario hat etwas Apokalyptisches.

So manchen Faden lässt Knausgård im existenzialistischen Roman ins Leere laufen. Vielleicht nimmt er ihn in der Fortsetzung wieder auf. Sonst wäre er ja nicht Knausgård.