Montagsinterview
Knackeboul provoziert, um die Welt zu verbessern: «Das Volk ist manipulierbar»

Knackeboul machte sich mit der Band «Mundartisten», als Solokünstler und als Moderator verschiedener TV-Shows einen Namen. Im Montagsinterview mit der «Nordwestschweiz» spricht er über die Kunst der Provokation, über Politik und den Neid der Kollegen.

Christian Dorer und Antonio Fumagalli
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Vorhang auf für Knackeboul! Der Rapper vor dem Interview im Berner Lokal «Le Beizli».

Vorhang auf für Knackeboul! Der Rapper vor dem Interview im Berner Lokal «Le Beizli».

Mischa Christen

Ist Knackeboul ein anderer Mensch als David Kohler?

Knackeboul: Nein. Vielleicht habe ich gerade deshalb Erfolg – ich kann als Rapper gleich gut mit dem Grosi interagieren, wie ich es auch als Bürger auf der Strasse könnte.

Aus Ihren Texten erfährt man, wie Ihr Vater die junge Familie verliess und die Mutter litt, dass Sie dick waren und in der Schule verspottet wurden. Weshalb geben Sie so viel von sich preis?

Ich will halt erzählen, wie die Welt für mich ist, und keine Show machen. Bei meinen ersten persönlichen Texten dachte ich noch nicht daran, dass sich plötzlich das halbe Land dafür interessiert. Aber ja, die Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre macht mir zunehmend zu schaffen.

Worüber reden Sie nicht?

Beziehungsintimitäten werden Sie von mir nicht erfahren.

Dafür kennen wir seit den viel beachteten Youtube-Videos Ihre politischen Ansichten umso besser. Sie plädieren pointiert für eine weniger repressive Asylpolitik.

Ich hätte auch nicht gedacht, dass das solche Wellen schlagen würde. Schliesslich hatte es auf meinen CDs schon immer sozialkritische Songs.

Sie tönen darin wie ein jugendlicher Revoluzzer. Wäre es nicht an der Zeit, erwachsen zu werden?

Ich wäre manchmal froh, wenn Kinder Politik machen würden – sie entscheiden oft weiser. Aber im Ernst: Gegen die menschenverachtende Politik gewisser Parteien wehre ich mich entschieden. Erst kürzlich wurde ich ins Bundeshaus eingeladen und habe mich mit mehreren SVP-Parlamentariern unterhalten. Sie geben an, ihre Politik auch für Ausländer zu machen, und hauen sie gleichzeitig ständig in die Pfanne. Das ist gefährlich.

Die SVP ist die erfolgreichste Partei und gewinnt gerade mit Ausländerfragen regelmässig Volksabstimmungen.

Ja, indem sie die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt und die Stimmung dann skrupellos ausnützt. Ich sehe nirgends an der Grenze Tausende Asylbewerber, die unser Land stürmen wollen. Die meisten, die aus ihrem Land flüchten, gehen in ihre Nachbarländer. Meines Erachtens sollte es überhaupt keine Grenzen geben.

Dann ginge es uns in der Schweiz massiv schlechter.

Das ist das Schwierige daran, ich weiss. Aber wir leben doch in einer globalisierten Welt, Güter und Kapital kennen längst kaum mehr Grenzen. Und für Menschen werden die Zäune immer höher? Das geht doch nicht auf.

Wären Sie denn persönlich bereit, einen Teil Ihres Wohlstands für eine bessere Welt aufzugeben?

Ich behaupte nicht, dass ich ein selbstloser Gutmensch bin. Auch ich möchte ein schönes Leben führen. Aber ich will ein gutes Gefühl dabei haben.

Sie weichen aus.

Wenn man mir ein konkretes Angebot machen würde, wäre ich bereit, einen Asylbewerber bei mir aufzunehmen. Aber ich verlange das von niemandem. In erster Linie soll der Staat dafür sorgen, dass es den Menschen, die es nötig haben, gut geht.

Ihr Weltbild tönt zwar schön – aber es ist auch reichlich naiv.

Das darf man schon so nennen. Ich bin auch so naiv zu denken, dass die Welt besser wäre ohne Waffen.

Sie wären der perfekte Vertreter einer linken Partei.

Alle denken immer, ich sei links. Ich sehe mich selbst aber nicht so.

Sie wollen die Armee abschaffen, haben bei «1:12» Ja gestimmt. Was sind Sie dann, wenn nicht ein Linker?

Ich will mich nicht schubladisieren lassen. Die Begriffe links und rechts sollte man neu definieren. Es gibt Einstellungen, die gefährlich sind – und die darf man dann nicht einfach damit legitimieren, dass sie halt «rechts» sind. Es gibt so etwas wie eine Grundvernunft, die jeder Mensch haben sollte.

Wenn die Juso auf Sie zukämen, würden Sie dort mitmachen?

Ich hüte mich davor, ein Amt anzunehmen. Das Parteiengeplänkel widert mich an, ich will nur meine Meinung kundtun.

So können Sie munter draufloskritisieren, müssen aber nie Verantwortung übernehmen.

Eine Einstellung ist auch schon ein Lösungsansatz. Die richtigen Lösungen sind eben nicht plakativ und einfach. Ich will die Leute aufrütteln, die wegen Resignation passiv geworden sind. Das gelingt mir auch. Ich kriege regelmässig Mails von Leuten, die sagen, dass sie sich dank meinen Videobotschaften Gedanken zu politischen Themen machen.

Sie wissen genau: Provokative Videos machen Sie bekannt. Sind Sie einfach ein geschickter Stratege?

So skrupellos bin ich nicht. Es ist mir einfach wichtig, dass die Leute, die meine Musik hören, auch wissen, wie ich politisch ticke.

Ist die Welt so schwarz-weiss, wie Sie sie darstellen?

Ich überzeichne natürlich. Wir leben in einer Zeit von zusammenbrechenden Wirtschaftssystemen und der Schweiz geht es weiterhin gut. Da ist es natürlich einfach, zu sagen: Wegen uns ist das so! So lässt sich das Volk auf einfache Art instrumentalisieren.

In der Schweiz ist alles demokratisch legitimiert.

Wenn eine Initiative angenommen wird, dann heisst das nicht, dass die Idee dahinter gescheit ist.

Dann halten Sie das Volk also für dumm?

Nein, aber es ist manipulierbar. Besonders diejenigen Leute, die sich nicht eingehend informieren.

Sind Sie stolz, Schweizer zu sein?

Wie kann ich darauf stolz sein? Ich habe ja nur wenig dafür geleistet. Aber ich bin sehr wohl froh darüber, dass ich Schweizer sein darf.

Sie lebten als Kind in Portugal, Ihr Vater war dort Missionar. Wie prägend war diese Erfahrung für Ihre Ansichten?

Als wir zurückkamen, waren wir als Grossfamilie zeitweise sogar von der Sozialhilfe abhängig. Das prägt. Deswegen kann ich auch damit leben, dass es ein paar wenige gibt, die unser Sozialsystem ausnützen – die grosse Mehrheit verhält sich korrekt und ist wirklich darauf angewiesen.

Wie stark hat Ihnen die Musik bei der Verarbeitung dieser Erlebnisse geholfen?

Sehr. Im Alter zwischen 15 und 20 habe ich mit meinen Jungs nächtelang Musik gehört und bald schon auch selbst gemacht. Das war die Blütezeit des deutschen Hip-Hop, wir konnten mehrere Alben komplett auswendig. Das war dann auch das Konzept unseres ersten Konzerts mit 16 Jahren: Wir rappten einfach «Überfall» von den «Massiven Tönen» nach.

Wie wird man eigentlich ein guter Freestyler – dass man also spontan die richtigen Worte findet, die Sinn machen und sich reimen?

Das tönt jetzt eingebildet, aber das ist wirklich eine ziemlich hohe Kunst, weil man ja kaum Zeit zum Überlegen hat. Eine gute Grundeinstellung besteht darin, dass man auch das Scheitern zulässt.

Was passiert, wenn Ihnen mal einfach kein Reim einfällt?

Es gibt immer irgendeine Notlösung. Wenn man etwas Übung hat, muss man eher aufpassen, dass man nicht stets die gleichen Reime bringt. Auf «20 Minutä» kommt mir zum Beispiel immer «Bänklischutte» in den Sinn (lacht).

Offenbar schätzen nicht alle Ihre Kunst – auch innerhalb der Szene nicht. Bekannte Schweizer Rapper wie Dezmond Dez und Tommy Vercetti haben Sie als «Clown, der sich ans Fernsehen verkauft und den Hip-Hop verrät» bezeichnet.

Ich weiss. Und es fällt mir schwer, darauf zu reagieren. Ich habe das Gefühl, dass einem in der Schweiz der Erfolg weniger gegönnt wird als in anderen Ländern. Mir ist aber eigentlich ziemlich egal, was die Szene über mich sagt.

Unser Gespräch hat nun eine Stunde gedauert. Können Sie es zusammenfassen, sodass es sich reimt?

Ja, klar (beginnt zu rappen): Yeah, das isch für d’AZ, und das isch ja verruckt hier. Mis A (ug) z (winkeret), i nimm no e Schluck Bier ...

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