Kino
Ein Schengen-Visum? Kein Problem, wird auf den Rücken tätowiert!

Die Tunesierin Kaouther Ben Hania stellt in «The Man Who Sold His Skin» die Dekadenz des Kunstmarkts an den Pranger. Tatsächlich aber zielt ihre Geschichte um eine «unstatthafte» Liebesbeziehung auf das moralische Dilemma der heutigen Welt.

Irene Genhart
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Versteigerung mit lebendem Objekt.

Versteigerung mit lebendem Objekt.

Zvg / Aargauer Zeitung

Und dann kommt in «The Man Who Sold His Skin» bei einer Kunstauktion, Tinte auf Haut, ein Schengen-Visum unter den Hammer. Die Haut stammt vom Rücken des Syriers Sam Ali. Die Geschichte, welche die Tuneserin Kaouther Ben Hania darum herum erzählt, führt in die Kunstszene, zielt im Kern aber auf eine politische Lage, in der Warenströme problemlos fliessen, nicht alle Menschen aber frei um die Welt reisen dürfen.

Der Pakt, der hinter dieser Story steckt, ist teuflisch, der Ursprung der Geschichte aber fusst in der Liebe. Einer Liebe, die nicht sein darf, weil Sam Ali aus bescheideneren Verhältnissen stammt als die von ihm geliebte Abeer. Ihre Eltern haben sie einem schnieken Diplomaten versprochen, der sie mit nach Brüssel nehmen wird. Sam Ali und Abeer aber schwören sich während einer Zugfahrt in Syrien spontan ewige Liebe, wobei Sam Ali in seinem Überschwang laut die von der Revolution versprochene Freiheit preist. Das bringt ihn unter Verdacht. Mit Hilfe von Verwandten setzt er sich in den Libanon ab, wo er sich in einer Geflügelfabrik verdingt.

Doch Sam Ali will weiter nach Brüssel. Auf einer Vernissage begegnet er dem Tattoo-Artisten Jeffrey Godfrey, von dem es heisst, er sei der giftigste, provokanteste und teuerste Künstler der Welt. Godfrey bietet Sam Ali einen Deal an: Wenn dieser ihm seinen Rücken für ein Kunstwerk zu Verfügung stellt, beschafft Godfrey ihm die Papiere, die es braucht, damit dieses weltweit ausgestellt werden kann.

Dass Godfrey Sam Ali ein Schengen-Visum auf den Rücken tätowiert und Sam Ali sich für Godfrey und dessen Managerin allzeit zur Verfügung halten muss, steht auf einem anderen Blatt. Dort steht auch, dass Sam Ali fortan endlose Tage in Museen verbringen wird. Und dass es ein Streit mit ihrem Mann ist, welche die inzwischen verheiratete Abeer in Brüssel zu Sam Ali ins Museum führt.

«The man who sold his skin» ist Drama, Satire, Tragödie und Komödie.

«The man who sold his skin» ist Drama, Satire, Tragödie und Komödie.

Zvg / Aargauer Zeitung

«The Man Who Sold His Skin» erzählt um die Ecke gedacht die Geschichte einer unverbrüchlichen Liebe, ist zugleich aber auch ein politisches Manifest, das Versatzstücke von Drama, Satire, Tragödie und Komödie souverän zusammenbringt. Kaouther Ben Hania hat sich bisher vor allem im Dokumentarischen profiliert und 2017 mit «La belle et la meute» einen lose auf wahren Ereignissen beruhenden, ersten Spielfilm vorgestellt. Sie liess sich auch diesmal von Fakten inspirieren: 2006 hat der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoy dem Schweizer Tim Steiner auf den Rücken ein Bild tätowiert, dieses versteigert und damit das erste lebendige Kunstwerk der Welt geschaffen.

Kaouther Ben Hania hat diese Geschichte fiktionalisiert und verquickt das Schicksal eines staaten- und statuslosen Flüchtlings unmittelbar mit dem Funktionieren des internationalen Kunstmarkts. Dabei entblösst sie nicht nur die Käuflichkeit der Menschen, sondern zeigt auch, wie Skrupellosigkeit die Welt regiert.

Der Belgier Koen the Bow spielt Godfrey mit mephistophelischem Charisma, Yahya Mahayni überzeugt in der Rolle Sam Alis durch ein breites Gefühlsspektrum, Dea Liane – sie hat die faszinierendsten blauen Augen der Welt – überzeugt in ihrer ersten Filmrolle als eine Frau, die sich ihrem Schicksal ergibt, davon aber nicht brechen lässt. Und wenn «The Man Who Sold His Skin», der im Tonfall manchmal ziemlich sarkastisch ist und dessen Humor des Zynismus nicht entbehrt, gegen Schluss nochmals eine Reihe überraschender Wendungen nimmt und schliesslich in kitschiger Romanze gipfelt, ist man als Zuschauer nicht nur irritiert, sondern auch ein bisschen empört. Das aber dürfte Absicht sein.

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