Jahreskalender

Kinder-Kalender 2020: Schläft ein Lied in vielen Sprachen

Sprach- und Welterfahrung im besten Sinn: der «Kinder Kalender».

Sprach- und Welterfahrung im besten Sinn: der «Kinder Kalender».

Besser als Chinesischkurse für Knirpse: Der «Kinder Kalender 2020» bringt 52 Gedichte aus aller Welt ins Schul- oder Kinderzimmer.

Manche hassen ihn, den Montagmorgen. Gerade bei Schulkindern ist er oft mit gemischten Gefühlen verbunden: Der Stundenplan gibt wieder den Rhythmus vor, die Gspänli haben mehr und Besseres erlebt an den freien Tagen; der Kopf soll frisch, frei und lernbereit sein. Dann ist es ein Aufsteller, wenn die Woche bunt und überraschend anfängt: mit Sprachmusik, verspielten Worten, ein wenig Hintersinn und Witz.

Genau das sind die Kernkompetenzen des von der Internationalen Jugendbibliothek München herausgegebenen Kinderkalenders; dafür hätte er verdient, in jedem Primarschulzimmer an der Wand zu hängen – nicht nur, um Montagsmuffel wach zu machen. Der im Herbst für das kommende Jahr erschienene wurde an der Frankfurter Buchmesse mit dem Kalenderpreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, weil er, so die Jury, «Sprachförderung und Welterfahrung im besten Sinne» leiste.

Hat er erst einmal zu Hause Einzug gehalten, kauft man ihn auch noch, wenn die Kinder längst meinen, zu gross dafür zu sein.

Feines Gespür für Wort und Bild

Jahr für Jahr werden für den «Kinder Kalender» 52 Gedichte und Illustrationen von Lyrikern und bildenden Künstlern aus aller Welt ausgewählt und ins Deutsche übersetzt. Sie stammen aus Anthologien, die «Cielo bambino» heissen oder «Le zoo poétique», «All the wild wonders», «Haiku» oder «Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht»: Sammlungen, die hierzulande oft nur in Spezialbibliotheken zu finden sind, nicht im Buchladen um die Ecke.

Jedes Blatt ist ein Blickfang, ein Hingucker: Seit es den Kalender gibt, gestaltet ihn der Grafiker Max Bartholl mit feinem Gespür für die Wechselwirkung von Wort und Bild. Wer nicht nur flüchtig schaut und liest, hat mehr davon – so wie die Schnecken im Gedicht von Michael Hammerschmid, die dem Lärm und der Bilderflut des Alltags trotzen und auf ihre bedächtige Art «schlau bleiben».

Für Kinder im Dauerfeuer digitaler Medien kann es Balsam sein, einmal wöchentlich das Blatt zu wenden und staunend zu verweilen: bei Sommerwonnen und Winterfreuden, witzigen Miniaturgeschichten wie der vom «Sumpfnilpferd», bei Nonsens, Geistesblitzen und weiser Weltbetrachtung in abzählbar wenigen Worten.

Immer aber zweisprachig – es sei denn, die Dichterin oder der Dichter schreibt ohnehin auf Deutsch. Wer lesend oder lauschend (in multinationalen Klassen eine schöne Möglichkeit, voneinander zu lernen) eintaucht in Italienisch, Russisch, Portugiesisch oder Serbisch, Französisch, Niederländisch oder Koreanisch, findet schöne Wörter, entdeckt Spielereien mit Lauten und Buchstaben und kann dem Übersetzer über die Schulter blicken: Hat er das Spiel pariert? Sich einen eigenen Reim auf das Gedicht gemacht?

Die Illustrationen zeigen, wie bunt und vielfältig die Kunst für Kleine weltweit ist und dass auch Bilder «Gedichte» sein können: dass sie sinnlich dicht erzählen oder Gefühle und Stimmungen einfangen. Zu entdecken ist der Zauber alltäglicher Dinge, etwa im Loblied auf den Regenschirm oder der Betrachtung eines verlassenen Spinnennetzes.

Wirklichkeitssplitter und Traumgespinste wechseln sich in den Texten und Illustrationen ab. Zu sehen ist, wie Kinder in anderen Ländern spielen und aufwachsen, wovon sie träumen, in welchem Klima sie gedeihen: buchstäblich und im weiteren Wortsinn. Das alles ohne Belehrung, ohne Lärm und Tamtam. Aber so bunt wie das Leben – und so zeitlos, wie es in den besten Jahren sein sollte.

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