Interview
«Vielleicht haben wir dem Wallis ein neues Image verpasst»: Die Macher von «Tschugger» sprechen über die zweite Staffel der Erfolgsserie

Die neuen Folgen in Walliser Mundart laufen nun auf Sky an, im Winter folgt der Start bei SRF. Wir haben die Produzentin Sophie Toth und David Constantin, Hauptdarsteller und Regisseur, getroffen.

Tobias Sedlmaier
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Regisseur und Hauptdarsteller David Constantin dreht als Bax wieder auf.

Regisseur und Hauptdarsteller David Constantin dreht als Bax wieder auf.

Dominic Steinmann / SRF

Die erste Staffel «Tschugger» kam in der Schweiz sehr gut an. Sind Sie beide zum Start der neuen Folgen nervös, ob Sie den Erfolg wiederholen können?

Constantin: Für mich steht mehr die Freude im Vordergrund, dass endlich die zweite Staffel erscheint, an der wir so lange gearbeitet haben. Ich habe ein gutes Gefühl!

Toth: Der Erwartungsdruck ist wirklich nicht ohne. Ich bin gespannt, wie es beim Publikum ankommt. Es ist wie eine Geburt, bei der du auch nicht genau weisst, ob es gut kommt. Klar ist: Man kann das Rad in der zweiten Staffel nicht komplett neu erfinden, aber wir hoffen, wir können die Leute noch mal überraschen.

In den ersten fünf Folgen ist Bax ganz schön unter die Räder gekommen. Ihm wurde ein Loch durch die Hand geschossen, er ist vom Kran gestürzt, hat sich das Ohr eingerissen ... Auch wenn wir nicht viel über die Handlung verraten dürfen: Mit welchen Leiden muss er sich diesmal herumschlagen?

Constantin: Eine Tanne macht ihm auf jeden Fall sehr zu schaffen, die hat mir selbst beim Dreh das Gesicht etwas verunstaltet. Und vielleicht kriegt er noch eine oder zwei Kugeln ab, das liegt nahe als Polizist der auf «Beverly Hills Cop» macht. So viel kann ich sagen: Bax kämpft gegen alle vier Elemente.

Wie würden Sie Staffel Zwei in vier Schlagworten auf Walliserdeutsch beschreiben?

Constantin (überlegt lange): Schwimmflügeli, Saaser Bärgvärsi, Gimmu di butzi! Fuckfuckfuck! (lacht)

Haben Sie den Eindruck, dass sich durch «Tschugger» das Verständnis innerhalb der Schweiz für den Dialekt, für die Kultur und die Eigenheiten des Kantons verändert hat?

Constantin: Es wäre natürlich wunderschön, wenn das passieren sollte. Ich würde mich freuen, wenn man dem Kanton offener gegenüber tritt und ihn nicht nur als Ort mit Weisswein-trinkenden Wolfsjägern oder schwerreichen Fussball-Monarchen sieht. Natürlich spielen auch wir mit Klischees, aber das Wallis ist viel mehr als das.

Toth: Vielleicht haben wir dem Wallis ein neues Image verpasst. In den Medien werden eher die negativen Aspekte des Kantons thematisiert, das trägt nicht gerade zu einer guten Wahrnehmung bei. Wenn wir ein positives Bild vermitteln könnten, wäre das mega-cool.

Was sind die positiven Seiten des Wallis, die Sie mit der Serie vermitteln wollen?

Toth: Bromance und Teamwork!

Constantin: Ja, sicherlich Freundschaft. Und – ich hoffe, das kommt in der Geschichte trotz aller Konflikte auch raus – Toleranz und Offenheit anderen Menschen gegenüber.

Bekommen Sie mit, wie die Serie im Wallis ankommt?

Constantin: In meinem Fall sind die Rückmeldungen stark durch mein Walliser Umfeld gefiltert, die mir sicher nicht alles, was sie denken, um die Ohren werfen. Aber eigentlich erhalte ich nur positives Feedback. Bis auf meine Tante, die findet, dass wir etwas viel fluchen.

Toth: Die Leute sind stolz drauf und finden es lustig! In der ersten Staffel gab es lediglich Beschwerden wegen der Untertitel für die ganze Schweiz, aber das war auch kein Drama für uns.

«Ähnlichkeiten mit realen Personen sind nicht immer rein zufällig» heisst es im Vorspann. Ist schon mal jemand auf Sie zugekommen und hat gesagt: «Hey, das bin doch ich»?

Constantin: Nein, das nicht. Eher «Hey das bist doch du!» Sicher gab es Leute, die sich in den Figuren wiedererkannt haben, aber die stehen nicht öffentlich dazu. Wenn man sich das Wallis genauer anschaut, findet man wirklich Geschichten, bei denen man merkt, dass «Tschugger» zum Teil überhaupt nicht überspitzt ist. In der Realität würde der Bauunternehmer Fricker wohl zusätzlich noch Präsident eines Fussballklubs oder der Fifa sein. Auch Milliardenkonzerne, die in dem Tal Dörfer komplett auf den Kopf stellen, sind Realität. Ab und zu denk ich nur noch: Hey, was läuft? Wir haben noch gar nicht aus dem Vollen geschöpft.

«Tschugger» Staffel 2: Der erste Eindruck

Die Fortsetzung des letztjährigen Überraschungserfolgs schliesst nahtlos an die fünfte Folge an. Wir sind wieder mit Bax im Klassenzimmer, der den Schulkindern und damit uns erzählt, wie es weitergeht: mit dem lispelnden Praktikanten Smetterling im Krankenhaus. Mit der angehenden Rapperin Valmira, auf die eine böse Überraschung lauert. Und natürlich mit seinem eigenen Leben, das einen ganz schönen Knacks bekommen hat seit seinem Rauswurf bei den Tschuggern.

Die ersten beiden Folgen, die der Presse zur Verfügung gestellt wurden, wirken etwas weniger poppig als die erste Staffel. Ganz so unbeschwert albern wie beim Radarfest geht es bislang noch nicht zu. Das liegt wohl auch daran, dass man die Figuren und ihre Eigenheiten bereits kennt, nun können sie etwas vertieft werden.

Allerdings wird es rasant, Verfolgungsjagd reiht sich an Entführung und Mord. «Tschugger» bleibt brutal – und sehr lustig wegen des treffenden Humor-Timings. Etwa wenn Pirmin, der treudoofe Kollege von Bax, versehentlich Drogen inhaliert. Und im Hintergrund wartet die Welt- oder zumindest die Wallis-Verschwörung in Gestalt einer seltsamen Sekte. Es wird noch sehr abgedreht werden, versprechen Sophie Toth und David Constantin im Gespräch und lachen.

Was waren die schwarzhumorigen Vorbilder bei der Konzeption von «Tschugger»?

Constantin: Was uns sicher sehr inspiriert hat, war die österreichische Serie «Braunschlag», darin fand ich vor allem die Figuren toll. Sonst haben mich «It’s Always Sunny in Philadelphia», «Lilyhammer» oder die Serien von Ricky Gervais sehr geprägt. Und was man halt sonst alles im Gepäck hat, wenn man in den 80er-Jahren geboren ist. Da gibt’s viel lustiges zwischen «A-Team» und «Fascht e Familie».

Frau Toth, für die Produktion von «Tschugger» kooperieren Sie mit dem SRF und Sky Schweiz. Ist ein solcher Prozess schwieriger mit zwei so grossen Partnern?

Toth: Nein, gar nicht. Wir haben grosse Freiheiten und erhalten viel Unterstützung. Und wenn mal Kritik kommt, fordert uns das immer konstruktiv im Sinne der Serie heraus.

Im Mai ist das Gesetz zur Änderung der Filmförderung, die sogenannte «Lex Netflix», vom Stimmvolk angenommen worden. Damit werden Pflichtabgaben erhoben, die Streaming-Plattformen in die Produktion von Schweizer Filmen und Serien investieren müssen. Spüren Sie bereits Auswirkungen davon?

Toth: Finanziell noch gar nicht, das rollt jetzt erst an. Wir Produzentinnen und Produzenten diskutieren gerade unsere Möglichkeiten. Die Streamingdienste haben jeweils ihre eigenen Bedingungen, auf die man eingehen sollte, wenn man mit ihnen zusammenarbeiten will. Ein grosses Anliegen ist uns, dass wir guten Nachwuchs haben, seitens der Autorinnen und der Autoren und der Regie, vor allem aber für die Crew. Es gibt Positionen wie beispielsweise Produktionsleitung oder Aufnahmeleitung, bei denen kann man die guten Leute nicht mal an drei Fingern abzählen, viele wandern auch ab. Wenn mehr produziert wird, muss man fast Leute aus dem Ausland holen, was ja nicht unser Ziel ist. Und wir müssen am Image vom Schweizer Film arbeiten, das könnte bei der Bevölkerung besser sein.

Die Schweiz scheint mir gegenüber dem einheimischen Filmschaffen manchmal selbstkritischer zu sein, als sie eigentlich bräuchte ...

Toth: Das hat auch mit dem Charakter der Schweizerinnen und Schweizer zu tun, die ihr Licht gerne etwas unter den Schemel stellen. Man ist beruflich erst stolz auf etwas, wenn es im Ausland erfolgreich ist. Vielleicht müssen wir international jetzt mal ein paar Erfolge feiern, dann werden diese hierzulande auch wahrgenommen.

Wie geht es mit «Tschugger» weiter? Wird es eine dritte Staffel geben?

Beide: Wir haben ganz viele coole Ideen, aber mehr dürfen wir nicht verraten.

«Tschugger», Staffel 2: Ab 15. September auf Sky Schweiz und ab dem 18. Dezember auf SRF und Play Suisse.