Interview
Tom Jones: «Corona hat mir zwei Jahre gestohlen»

Der 80-jährige Tom Jones ist immer noch topfit, leidet aber unter Corona und seinem Witwerstatus. Er sehnt sich nach der Bühne.

Steffen Rüth
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Für den britischen Sänger Tom Jones ist es undenkbar, nicht mehr zu singen.

Für den britischen Sänger Tom Jones ist es undenkbar, nicht mehr zu singen.

Bild: Universal Music

«It’s Not Unusual», «Delilah», «Kiss» oder «Sex Bomb» – die grossen Hits des seit 1963 aktiven Ausnahmesängers aus Wales sind so legendär wie stilistisch vielfältig. Tom Jones, mittlerweile 80 Jahre alt, war nie ein Mann fürs musikalische Schubladendenken. Und so ist sein neues Album eine echte Wundertüte. Und Sir Tom singt mit der über die Jahre dunkler gewordenen Stimme eines Mannes, der alles gesehen hat.

Mr. Jones, Vermissen Sie das Reisen und die Bühne sehr?

Jones: Das ist der Mist mit diesem Virus. Ich lebe isoliert in meiner Londoner Wohnung. Das Haus verlasse ich selten. Wenigstens habe ich mir nichts eingefangen.

Sind Sie denn schon geimpft? Schon lange. Mit den Impfungen sind wir Briten wirklich auf Zack. Meine erste Impfung habe ich kurz vor Weihnachten bekommen, die zweite am 6. Januar. Das ist ein wundervolles Gefühl, wenn man weiss, man stirbt jetzt nicht mehr daran.

Ihr Album «Surrounded By Time», («Umgeben von der Zeit»). Haben Sie Angst, dass Ihnen die Zeit davonläuft?

An schlechten Tagen schon. Corona hat mir zwei Jahre gestohlen. Für einen 80-Jährigen ist das eine Ewigkeit.

Wie 80 sehen Sie beim besten Willen nicht aus.

Naja, ich bin schon deutlich langsamer als früher. Ich renne nicht mehr durch die Gegend, auch auf der Bühne nicht. Aber ich habe einen Fitnesstrainer. Der Kerl nimmt mich so richtig hart ran: Laufen, Velofahren und Boxen – immer was Neues.

Sie boxen?

Ja! Boxen ist mein Lieblingssport. Du merkst richtig, wie die Schläge deinen Puls und deine Herzfrequenz hochtreiben. Zusätzlich mache ich täglich Klappmesser und Liegestützen.

Auch Ihre Stimme ist prächtig im Schuss, oder?

Gott sei Dank. Mein Vibrato ist so stark wie eh und je. Meine Stimme ist immer noch bärenstark und lebendig. Die Pause konnte meinen gesanglichen Fähigkeiten nichts anhaben.

Hat sich Ihre Stimme mit den Jahren überhaupt verändert?

Sie ist tiefer geworden. Ich übe jeden Tag bei mir daheim. Ein Leben ohne Singen kann ich mir nicht vorstellen. Tina Turner sagte, dass sie nicht einmal mehr zuhause singen würde. Das kann ich nicht verstehen. Mensch, Tina. Wir kennen uns ganz gut. Vielleicht muss ich mal mit ihr sprechen. So eine Gabe kann man doch nicht einfach aufgeben. Für mich wäre es körperlich ein Ding der Unmöglichkeit, nicht mehr zu singen.

Wie reagierte ihre Frau auf ihre Überei?

Es war ihr lieber, wenn ich den Showman draussen liess. Wenn ich einen neuen Song lernte, musste ich ihn unzählige Male vor mich hinsingen. Sie meinte dann immer : «Tommy, kannst du das Mistding immer noch nicht auswendig?»

Sie nannte Sie Tommy?

Ja, immer. Sie hat dafür gesorgt, dass ich auf dem Boden blieb. Von ihr kam der Satz «Vergiss es, bei mir bist du nicht Tom Jones, sondern Tommy Woodward». Das Leben mit meiner Frau war wunderbar. Sie hat mir vieles erlaubt und einiges durchgehen lassen, aber sie hatte zwei Grundsätze: «Du musst mich immer respektieren» und «Ich komme immer zuerst». Ich habe ihr stets versichert, dass sie für alle Zeiten meine Nummer Eins sein würde. Und so war es auch.

Ihr seid mit 12 schon zusammen gewesen, richtig?

Ja, Als ich 12 war, hatte ich Tuberkulose. Das war ätzend. Ich sass zwei Jahre in Quarantäne in meinem Zimmer. Von dort sah ich meiner Linda beim Spielen zu. Ich litt wie ein kleiner Hund. Mir tat es im Herzen weh, nicht bei ihr sein zu können. Sie winkte mir immer zu.

Sie waren 57 Jahre lang, bis zu ihrem Tod 2016, mit Ihrer Frau Linda verheiratet.

Als meine Frau im Sterben lag, hat sie mich dazu genötigt, weiter zu singen. Ihre grosse Angst war es, dass ich an ihrem Sterben ebenfalls zu Grunde ging. Sie flehte mich an, an unsere schönen Zeiten zurückzudenken. Aber als ich sie verlor, schien es mir, als verlöre ich mit ihr auch meine eigene Stärke, meinen Lebensmut. Ich sah sie vor mir, wie sie mich anlächelte und «Du musst stark sein, Tommy» zu mir sagte. So gut es geht halte ich mich an ihre Worte.

Wie leben Sie als Witwer?

Einsam. Und es wird nicht besser durch die Pandemie. Unser Sohn schaut etwas nach mir.

Im Song «Talkin Reality Television Blues» üben Sie beissende Kritik an Donald Trump. Kennen Sie ihn?

Ja, sicher. Ich habe in drei seiner Hotels in Atlantic City gesungen. Donald hatte Spass in meinen Konzerten, das konnte ich von der Bühne aus sehen. Ich hielt ihn für eine Mischung aus Playboy und Geschäftsmann. Ich hätte alle ausgelacht, die gesagt hätten, dass der mal US- Präsident wird. Jeder wusste, dass er sich für Politik überhaupt nicht interessierte.

Trinken Sie heute keinen Alkohol mehr?

Doch. Aber nicht mehr so viel wie früher. Einen Cognac nach dem Abendessen. Dafür rauche ich mehr, glaube ich. Manchmal zünde ich mir jetzt schon nach dem Mittagessen eine Zigarre an und rauche sie abends auf.

Tom Jones: Surrounded By Time (Universal)

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