Interview
Büne Huber lässt sich nicht stoppen vom Virus: «Wir stehen doch erst am Anfang»

Der Frontmann und seine Band Patent Ochsner werden bei den Swiss Music Awards für ihr Lebenswerk geehrt und planen ein geheimes Projekt.

Stefan Künzli
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Büne Huber, Sänger und Bandleader von Patent Ochsner.

Büne Huber, Sänger und Bandleader von Patent Ochsner.

Bild: Mario Heller

Einen Tag vor Ihrem 59. Geburtstag erhalten Sie bei den «Swiss Music Awards» den «Lifetime Achievement Award» für Ihr Lebenswerk. Sind Sie nicht ein wenig jung dazu?

Büne Huber: Es stimmt, das klingt ein bisschen nach Karriereende. Aber mein Lebensentwurf funktioniert nicht so. Ich habe zwei kleine Kinder, und meine Pensionierung liegt in weiter Ferne. Ich bin bereit für weitere Taten und verspüre keine Lust, zurückzuschauen. Natürlich nehme ich meine Geschichten aus der Vergangenheit mit, ich stehe aber im Hier und Jetzt und gehe mit Plänen in die Zukunft. Überhaupt: Wir stehen doch erst am Anfang. Bisher haben wir erst rumdilettiert.

Was haben Sie denn geplant?

Wir haben eben mit den Proben begonnen. Es wird ein grosses, umfassendes Projekt, das unabhängig von der Entwicklung coronatechnisch umsetzbar sein wird. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, dass es in diesem Jahr noch keinen Festivalsommer geben wird. Das ist ärgerlich. Deshalb wollen wir einen Plan entwickeln, um uns trotzdem etwas Gutes zu tun. Das heisst: Es wird Konzerte geben, die auch unter schwierigen Bedingungen vertretbar sind.

Büne Huber

Keystone

Der Berner Frontmann Büne Huber und seine Band Patent Ochsner haben seit ihrer Gründung vor 31 Jahren ein einzigartiges Werk und einen unverkennbaren Sound geschaffen. Sechs Swiss Music Awards hat die Band inzwischen gewonnen. Zuletzt für das beste Album «Cut Up» und als «Best Group». In diesem Jahr folgt nun ein weiterer Pflasterstein, die Krönung mit dem «Outstanding Achievement Award» für das Lebenswerk. (sk)

Ihre Blausee-Konzerte haben bewiesen, dass Grosskonzerte unter Pandemiebedingungen funktionieren. Knüpft das geheime Projekt an diese Erfahrung an?

In einem gewissen Sinn. Wir werden im Sommer wieder Konzerte zu geben versuchen. Beim neuen Projekt geht es aber um eine Serie von Konzerten in der Wintersaison.

Und wie sieht es mit einem neuen Album aus?

Das wird ein Teil sein dieses Projektes … ich will nicht zickig tun und würde gern mehr dazu sagen, aber es ist leider rechtlich noch nicht alles geklärt.

Ihr Song «Für immer uf di» ist so etwas wie die Coronahymne geworden. Gefällt Ihnen das?

Als Reto von Gunten auf SRF3 ihn als Coronasong lancierte, hat mich das sehr gerührt. Ich konnte das nachvollziehen, weil der Song gleichzeitig Melancholie und Zuversicht ausstrahlt. Für mich ist der Song aber tiefer als auf eine Pandemie angelegt. Mein Lebensgeist steckt in diesem Song. Er beschreibt mein Wesen und meine Welt.

Wie sieht es finanziell bei Ihnen aus? Wie gross waren die Ausfälle?

Wir hatten das Glück, dass wir von Oktober bis 12. März 2020 auf Tour waren. Musikerkollegen, die ihr Programm im März beginnen wollten, hat es besonders hart getroffen. Dazu haben wir bei den Blausee-Konzerten etwas verdient. So konnten wir das Jahr überstehen, aber auch wir mussten den Gürtel enger schnallen.

Haben Sie Ausfallentschädigung erhalten?

Ja, aber das ist ein kleiner Teil von dem, was wir hätten verdienen können.

Hat sich Ihre Einstellung zu Corona im Laufe der Monate verändert?

Meine Einstellung hat sich mit der Pandemie entwickelt. Am Anfang wussten wir ja noch kaum etwas, weshalb ich etwas Trotziges mit mir rumschleppte. Der Lockdown hat mich und meine Band im gestreckten Galopp erwischt. Das hat mir anfänglich sehr zugesetzt. Im Frühling aber, als es schön und so warm war, konnte ich sogar positive Aspekte erkennen. Ich konnte meine Familie geniessen. Eine angenehme Gelassenheit und Ruhe kehrte ein. Auf der Terrasse sah ich auf einmal Vögel, die ich noch nie gesehen hatte.

Und wie war’s im Sommer?

Ich versuchte mich zu arrangieren. Die Blausee-Konzerte im September haben uns sehr beflügelt. Wir genossen es, dass wir beieinander sein durften. Aber nach sechs Konzerten war Schluss. Wir fühlten uns wie Hunde, denen man den Speck durchs Maul gezogen hat. Es hätte einfach weitergehen dürfen. Dann setzte der Corona-Blues ein. Stillstand, Ungewissheit, das ewige Hin und Her hat uns zu schaffen gemacht. Gegen Ende Jahr geriet ich sogar in eine Art depressive, lethargische Stimmung. Ich liebe es, dass mein Leben so viele Facetten hat, als Musiker, Maler und Hausmann. Doch Corona hat meine Balance gestört. Plötzlich wurde die Hausmannsarbeit zu einer Belastung und ging an meine Substanz.

Haben Sie künstlerisch während dieser Zeit denn nichts gemacht?

Das war relativ lang Ödland. Ich war nicht in der Stimmung, allein an den Flügel zu sitzen und Songs zu schreiben. Ich konnte mich nicht in diese einsame Welt begeben. Dazu gingen mir die inflationären Küchenbands, die ihre Songs online präsentierten, auf den Keks. Das ist unfair diesen Musikern gegenüber, ich weiss. Die Abneigung hatte mehr mit meinem eigenen Unbehagen zu tun. Erst im Spätsommer konnte ich mich aufraffen.

Und die Malerei?

Ich habe viel gemalt, gezeichnet. Storys für Kinderbücher entwickelt, meinen Kindern Blödsinn erzählt und Instagram mit Quatsch gefüttert. Ich habe mich dort ausgelebt und versucht, den Spass für die Kreation zu erhalten.

Das klingt nicht sehr zielgerichtet. Eher nach Lustprinzip.

Das ist ohnehin meine Arbeitstechnik. Ich mäandere, taste mich durchs Dickicht meiner inneren Welt, ich trample herum, ich suche nicht, ich finde. Ich habe einen Modus extrovertiert – das sind die Konzerte, und einen Modus introvertiert – die Kreation in der Einsamkeit. Die Umstände haben mich in den introvertierten Modus gezwungen. Aber ich war nicht bereit dazu. Ich habe ja nichts erlebt, ich hatte nicht genug Stoff gesammelt. Ich kann und will nicht Songs über Corona schreiben, über das kleine Leben im Lockdown von Niederweningen oder was weiss ich. Ich hatte absolut keinen Bock, Songs über ein Scheissleben im Wartezustand zu schreiben. Nein, ich mag Corona, dieser Saumore, kein Terrain geben. Dieses Virus hat keinen Song verdient.

Wie sieht die Situation heute aus?

Inzwischen habe ich wieder einiges erlebt. Warten Sie nur, die Songs kommen schon. Ich bin daran, meine Balance wiederherzustellen. Wir haben im kleineren Rahmen mit Proben begonnen und setzen uns intensiv mit dem neuen Projekt auseinander. Das fühlt sich gut an. Das macht Spass.

Haben Sie einen Fixpunkt, auf den Sie sich besonders freuen?

Wir spielen Ende Mai im Rahmen von «Unique Moments» Konzerte im Landesmuseum Zürich. Das ist garantiert worden. Es ist coronatauglich angelegt.

Darf ein Konzertveranstalter einen Impf- und Immunitätsausweis zur Zulassung voraussetzen?

Die Veranstalter haben das Recht, die Spielregeln für ihr Festival zu bestimmen. Daran gibt’s nichts zu rütteln. Wenn sie nur geimpfte Leute hereinlassen wollen, dann ist das halt so.

Wie stehen Sie zur Impfung?

Ich werde mich ganz bestimmt impfen lassen. Wir Musiker sind während einer Tournee allen möglichen Viren in höchstem Mass ausgesetzt.

Sie sind heute so populär wie einst Polo Hofer. Er war aber viel präsenter, hat gern und oft seine Meinung gesagt. Sie sind zurückhaltender. Ein bewusster Entscheid?

Relativ bewusst. Wenn man als Person in der Öffentlichkeit steht wie ich, dann gibt es kaum eine Abstimmung, in der ich nicht angefragt werde, ob ich das eine oder andere unterstützen würde. Ich habe in den meisten Fällen eine Meinung und finde politisches Engagement wichtig und richtig. Gleichzeitig empfinde ich es manchmal als bemühend, wenn Popmusikanten sich als Gewissen der Nation aufspielen und ihren Senf zu allem und jedem geben.

Meine Wahrnehmung ist anders. Vor allem junge Musiker sind weitgehend politabstinent und wagen es kaum jemals, ihre Meinung zu sagen. Nicht einmal, wenn es um ihre Belange geht. Das finde ich schade.

Ich teile Ihre Wahrnehmung nicht unbedingt. Ich sehe sehr viele junge Menschen, die sich politisch engagieren und ihre Meinung dezidiert kundtun. Das Problem scheint mir aber, dass sich die politische Kultur in diesem Land in den letzten Jahren stark gewandelt hat. In den sozialen Medien feuern Hinz und Kunz ohne jede Hemmung unter die Gürtellinie. Mag sein, dass das ein 60-Jähriger vielleicht besser erträgt als ein 20-Jähriger. Aber ich selbst lasse mir das inzwischen nicht mehr gefallen und gehe die Leute, die ausfällig werden, direkt an. Meistens ziehen sie dann den Schwanz ein und entschuldigen sich sofort.

Sind Sie auf Facebook?

Nein, genau aus diesem Grund. Aber auch aus Selbstschutz. Ich fürchte, ich könnte mich darin verlieren. Ich will mich dem nicht aussetzen.

Hinweis:
Swiss Music Awards, am 26.  Februar im Hallenstadion Zürich. TV-Show auf 3+.

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