Swiss Music Awards

«Ich lasse mich nicht in eine Ecke drängen»: Loco Escrito über seinen steinigen Weg zum Erfolg

Die Musik von Loco Escrito begeistert die Massen. Sein Erfolgsrezept? Authentizität und gute Laune.

Die Musik von Loco Escrito begeistert die Massen. Sein Erfolgsrezept? Authentizität und gute Laune.

Der Reggaeton-Sänger Loco Escrito will an den Swiss Music Awards erneut triumphieren und endlich auch international durchstarten. Der Zürcher lässt sich nicht in eine bestimmte Schublade stecken - und hat keine Angst vor grossen Träumen.

Nein, den schweizerischen Einschlag sucht man in seinen Werken vergeblich. Wenn Loco Escrito singt, wähnt man sich mitten in der kalten Heimat im Sommerurlaub, weit weg vom Alltag. Ebenfalls erfrischend anders fiel seine Rede an den letztjährigen Swiss Music Award aus. Einmal mehr dürfte er an der heute in Luzern stattfindenden Veranstaltung mit seinem Auftritt für Abwechslung sorgen. Seine Songs klingen international, sind gross aufgezogen – und doch ist Loco Escrito alles andere als ein Senkrechtstarter. Seit knapp fünfzehn Jahren existiert der Künstler, doppelt so alt ist die Person dahinter.

Nicolas Herzig wurde vor dreissig Jahren in Kolumbien geboren, ist in der Schweiz aufgewachsen und zum Musiker gereift. Während Herzig langsam in den Hintergrund gerückt ist, hat Loco Escrito mittlerweile tausende Fans – und seit Anfang Februar nun auch ein Nummer–eins-Album. Mit dem Ende des letzten Monats veröffentlichten «Estoy Bien» ist ihm der ganz grosse Coup gelungen. Und doch fühlte sich Herzig schon lange davor gesegnet. «Für mich ist es das grösste Geschenk, dass ich schon immer gewusst habe, was ich im Leben erreichen will», sagt er.

Sein allem die Krone aufsetzender Erfolg ist Teil eines langen und gut durchdachten Karrierewegs. Herzig verschrieb sich früh der Musik, startete fast zehn Jahre lang mit der Hip Hop-Combo LDDC durch. «Tunicolo» heisst deren bekanntester Song, erreicht hat er auf YouTube über hunderttausend Aufrufe. Für Schweizer Verhältnisse ist das an sich schon eine beeindruckende Zahl - wenn da nicht die sechs Millionen Klicks wären, die Loco Escrito mit «Sin Ti» erreicht hat. Doch um werden zu können, was er heute darstellt, musste Herzig fast alles aus dieser Zeit abstreifen. Aus Rap wurde irgendwann Reggaeton. Das Genre, das seine Wurzeln in der lateinischen und karibischen Musik hat, stand auf einmal im Mittelpunkt. Herzig feilte genauestens an seiner neuen Karriere. «Ich hatte am Anfang wenig Vertrauen in meine Stimme. Entscheidend war, dass ich sie immer mehr als Instrument entdeckt habe. Zusätzlich habe ich bemerkt, wie viel Gefühl man mit  Melodien vermitteln kann.»

Bevor er zum Star wurde, musste er leiden

Seither liess der Erfolg nicht auf sich warten. Die weiten Kapuzenpullover sind Designeranzügen gewichen, die kleine Konzertbühnen grossen Hallen, die Zeiten ohne Perspektive einer vielversprechenden Zukunft. Geblieben ist der Name. Die Liebe zur Ehrlichkeit und Freude - aber auch zur Tapferkeit. Bevor Loco Escrito zum Star reifen konnte, musste er leiden. Drei Jahre vor seinem ersten Solo-Mixtape verunglückte seine Bandkollege tödlich. Herzig fiel in ein tiefes Loch.

Als es aufwärts zu gehen schien und er mit einem Auftritt bei die grössten Schweizer Talente begeistern konnte, prallte er wenig später seinerseits mit seinem Motorrad in ein Auto. Wäre damals nicht ein halbes Jahr später seine heute vierjährige Tochter zu Welt gekommen, hätte er wohl nie die Kraft gefunden, weiterzumachen. Doch Herzig kämpfte sich zurück, veröffentlichte 2016 sein zweites Album. Seither könnte es besser wohl nicht laufen. Die Schicksalsschläge hat der gläubige Herzig trotzdem nicht vergessen. Er ist dankbar für die gemachten Erfahrungen, dafür, dass er sich seine Karriere Stück für Stück aufbauen musste.

«Mittlerweile bin ich sehr froh über meinen späten Durchbruch. Ich bin erst jetzt in der richtigen Verfassung, um mit dem Erfolg und der auf mich zukommenden Arbeit überhaupt umgehen zu können», sagt er. Seine Erfahrungen haben ihn demütig machen lassen. Was im Leben wirklich wichtig ist, hat er längst gelernt. «Wenn du irgendwann auf dem Sterbebett liegst, erinnerst du dich nicht an deine Autos, die Konten und deine Uhren. Sondern an die Dinge, die du geleistet hast und an die Menschen, die du kennenlernen durftest, die Sachen, die du bewegt hast», sagt er.

Ein grosses Ziel - und ein vermeintlicher Widerspruch

Nicht erst seit er im Scheinwerferlicht steht, hat er die Nähe zu seiner Familie und dem engsten Freundeskreis schätzen gelernt. Seine Teilnahme bei «Sing meinen Song – Das Schweizer Tauschkonzert» hat ihn bestärkt, weiter an seiner Lebenseinstellung festzuhalten. «Ich habe menschlich fast mehr gelernt als musikalisch», sagt er. «Zum Teil begreifen normale Menschen gar nicht, warum man so viel leistet. Die Liebe zur Musik verstehen nur andere Musiker.»

Seit seinem Umfall arbeitet Herzig härter denn je. Er will hoch hinaus, am liebsten der grösste Latin-Star der Welt werden. Gleichwohl spricht er davon, dass die beste Musik in den ärmsten Ländern entsteht. Ein Widerspruch? Herzig sieht dies anders. Seine Mentalität will er sich weiterhin bewahren, seine Wurzeln nie vergessen. «Arme Menschen können sich besser auf ihr Herz konzentrieren, weil sonst nicht viel um sie herum ist», so Herzig.

Überhaupt sei es wichtig, auf sein Herz zu hören, es zu verstehen. «Wenn dein Herz Chinesisch redet, dann musst du halt Chinesisch lernen.» Oder in seinem Fall eben Spanisch, die Sprache in der er sich noch immer am liebsten ausdrückt. Die, in der er Hits wie «Adiós», «Mi Culpa» oder «Punto» erschaffen hat - letzteres ist an den heute stattfindenden Swiss Music Awards in der Kategorie «Best Hit» nominiert. Bereits im letzten Jahr durfte er dank «Adiós» in dieser Kategorie triumphieren.

In keine Schublade passend

Nicht nur die vierzehn Songs seines neuen Albums klingen nach einem Sommer, den wir hier in der Schweiz nie haben werden. Mal trieft seine Stimme vor Schmerz, mal versprüht sie pure Euphorie. Dass seine Arbeit hierzulande so gut ankommt, dafür hat er eine genaue Erklärung. «Einerseits will der Mensch positive Gefühle haben. Wir haben in der Schweiz schon genug lange Winter und genügend frustrierte Menschen. Zum anderen bin ich authentisch, das spüren die Leute», sagt er.

Verbiegen lassen will sich Herzig keineswegs. Wenn er weite Kleidung gegen massgeschneiderte Anzüge tauscht, dann tut er das, weil er es eben so will. Authentizität ist für ihn ein hohes Gut, wenn ihm etwas nicht passt kommuniziert er dies. Herzig kann gar nicht anders. Berater, die ihm etwas aufschwatzen wollen oder Medien, die ihn zur Veröffentlichung von Fotos seiner Tochter drängen wollen, beissen bei ihm auf Granit. 

«Das Wichtigste ist, dass einem bewusst wird, was man will und wer man ist. Das weiss ich beides sehr gut. Darum kann mir keiner so schnell etwas vormachen. Ich lasse mich nicht in eine Ecke drängen», sagt Herzig. Eine für ihn reservierte Schublade existiert in dieser Welt nicht. Nicht nur musikalisch sprengt er die Grenzen. Loco Escrito trägt zwar das Verrückte in seinem Namen, lässt es privat aber ruhig angehen. Er singt über Frauen, lässt diese als hübsches Beiwerk durch seine Videos huschen und ist doch keiner, der sich nur Oberflächlichkeit widmet. Nachdem Herzig die Wichtigkeit seiner Plattform angesprochen hat, landet das Gespräch auf einmal beim Thema Nachhaltigkeit. Der 30-Jährige betont, dass ihm der grösstmögliche Verzicht auf Plastik und ein bewusster Konsum am Herzen liegen.

«Wenn wir ehrlich zu uns sein würden, dann würden wir bemerken, dass ein Wandel stattfindet. Ich bin Vater, deswegen nehme ich das Ganze noch ein bisschen ernster», sagt er. Gleichzeitigt nervt er sich über Menschen, die Wasser predigen und Wein trinken und sich als Moralapostel aufspielen. Nicht nur deswegen wird man von ihm so schnell keinen kritischen Song zu hören bekommen. Loco Escrito soll für schöne und starke Gefühle stehen, Kritik lehnt er ab. Seine Devise, mit der er auch bald weltweit begeistern will? «Man muss immer probieren, die Welt mit positiven Gefühlen und Vibes zu verändern.»

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