Fasnacht

Guggenmusik: Das müssen Sie über die Geschichte des schrägen Exportschlagers wissen

Guggenmusik ist längst eine eigenständige Subkultur geworden, die sich von Basel weit entfernt hat.

Guggenmusik ist längst eine eigenständige Subkultur geworden, die sich von Basel weit entfernt hat.

Vom «Schmutzigen Donnerstag» an regiert in vielen Fasnachts-Gegenden die Kakophonie. Die Basler haben sie erfunden, aber inzwischen gibt es über 800 Guggen in halb Europa.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, die Basler haben die Guggenmusik Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden. Der ewige Streit zwischen Basel und Luzern, wer die Guggen in der Fasnacht etabliert habe, lässt sich durch einen Abstand von etwa vier Jahrzehnten eindeutig entscheiden. Dafür hat Luzern heute Basel den Rang als Trendsetter abgelaufen. Im dritten Jahrtausend ist die Guggenmusik längst eine eigenständige Subkultur geworden, die sich von Basel weit entfernt hat und auch immer öfter ausserhalb der Fasnacht auftaucht.

Nur kurz nach dem Guggen-Export von Basel nach Luzern 1948 entstanden die ersten Guggenmusiken in Deutschland, natürlich in den Basler Nachbarstädten: In Lörrach die «Gugge ‹53», die ihr Gründungsjahr im Namen trägt, sowie in Weil am Rhein 1965 die «Zinke Waggis».

Ab den Achtzigern breiteten sich die Guggen von Basel gleichmässig im Kulturraum der schwäbisch-alemannischen Fasnacht aus, im Aargau, in der Zentral- und Ostschweiz bis nach Domat/Ems sowie im Süden von Baden-Württemberg, in Bayerisch-Schwaben und Vorarlberg. Auch die Welschen und Tessiner liessen sich anstecken und übernahmen sogar die Bezeichnung «la guggen(musik)».

Volle Kraft voraus: Der Sternmarsch der Guggen am Dienstagabend.

Volle Kraft voraus: Der Sternmarsch der Guggen am Basler Fasnachtsdienstag 2017.

Neue Zentren

Daneben gab es immer wieder «Exklaven», die weit weg von Basel gegründet wurden, wie 1983 die «Oschtalb-Ruassgugga» in Aalen, oder sogar ausserhalb der schwäbisch-alemannischen Fasnacht, wie 1997 die «Rasselbande» im sächsischen Meerane oder 2005 die «Nodequetscher» in Mainz. Die dortigen Guggengründer hatten direkten Kontakt zu Basel, Luzern oder Lörrach und wurden selbst zu neuen Zentren, in deren Umland sich wieder neue Guggen gründeten. Inzwischen gibt es über 800 Guggenmusiken in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Frankreich, Belgien, Holland, Tschechien, Grossbritannien und Neuseeland.

Dezibel-Test: Welche Fasnacht ist lauter?

Dezibel-Test: Wie laut ist die Fasnacht?

Tele M1 besuchte die Fasnachtsumzüge in Solothurn und Würenlingen und wollte wissen, wo es lauter zu- und herging. (Februar 2016)

Vielfach hat sich die Guggenmusik von ihrem Ursprung so weit weg entwickelt, dass es zu abstrusen Neuinterpretationen kommt: So schreibt eine schwäbische Gugge auf ihrer Homepage zum Beispiel zur Erklärung des Wortes «Guggenmusik», es handle sich dabei um eine «Musik zum (Zu-)Gucken».

Auch wenn die Hintergründe oft verloren gingen, die Guggenmusik bleibt der Basler Exportschlager: In der ganzen Schweiz muss man heute niemandem mehr erklären, was eine Gugge ist; und wo in Deutschland der Karneval herrscht wie in Mainz oder Ostdeutschland werden die heissen, kakophonischen Klänge begeistert aufgenommen. Vor allem im Schwarzwald, wo bereits eine schwäbisch-alemannische Fasnachtstradition existiert, werden die Guggen allerdings nicht überall gerne gesehen.

So wird von den Hütern des närrischen Brauchtums in den Fasnachtsverbänden teilweise moniert, dass die Guggenmusiken kein heimischer Bestandteil der jeweiligen Fasnachten seien und die traditionellen Musikformationen, die Katzenmusiken oder Lumpenkapellen, verdrängten.

Traditionalisten waren dagegen

Das war aber eigentlich schon von Anfang an so. Die erste Guggenmusik unter dieser Bezeichnung in der Basler Fasnacht, die kulturhistorisch zum Karneval zählt, wird 1906 erwähnt. Es sei eine Musik, die «Steine erweichen, Menschen rasend machen kann». Das passte schon damals den Traditionalisten nicht, die die Seele der Basler Fasnacht in den melancholischen Pfyffer und Drummler sahen.

Eindrücke vom Morgestraich 2017

Pfyffer und Drummler am Basler Morgestraich 2017.

Als die ersten frühen Guggenmusiken Anfang des 20. Jahrhunderts in Basel auftauchten, persiflierten sie mit ihren Schlag- und Blechblasinstrumenten die Marschmusik des zunehmenden preussischen Militarismus, der damals unter Ulrich Wille allerdings auch in der Schweizer Armee herrschte. Diese Geburt aus der Marschmusik ist bis heute in der Instrumentenwahl und der Laufformation der Guggenmusiken sichtbar.

Die Vorläufer

Doch bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts sind in Basel «improvisierte Musiken», «Katzenmusiken» oder «Charivari»-Gruppen belegt. Als erste Gugge, wie man sie sich heute vorstellt, gilt die «Jeisi-Migger-Guggemuusig», die 1926 gegründet wurde und noch heute aktiv ist. Der richtige Boom der Guggenmusiken setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein. 1946 waren schon sieben Musikgruppen unter dem Namen «Guggenmusik» beim Basler Fasnachts-Comité gemeldet, zwanzig Jahre später 24, Mitte der Achtziger 67, 1997 dann 78. Heute gibt es knapp 100 Guggenmusiken in der Basler Fasnacht, etwa ebenso viele wie in der Luzerner Fasnacht.

Das Engagement, das die Guggen von ihren Mitgliedern fordern, ist sowohl in musikalischer wie auch in finanzieller Hinsicht höchst unterschiedlich. Obwohl viele Musiker heute noch keine Noten lesen können, reicht das Niveau vieler Formationen inzwischen an jenes von Brass Bands heran. Vor allem die Luzerner Guggen mit ihren treibenden Samba-Rhythmen finden Nachahmer bei vielen jungen Guggen in Deutschland und der Schweiz, insbesondere im Aargau.

Die Zwäsi-Gugge an der Fasnachtseröffnung auf dem Neumarktplatz in Brugg

Die Zwäsi-Gugge an der Fasnachtseröffnung auf dem Neumarktplatz in Brugg

(2016)

Auch viele moderne Basler Guggen haben sich diesem Trend nicht verschlossen und erlauben vor allem dem Schlagwerk eine Kreativität, die über das übliche Repertoire von Marschmusik hinausgeht, während geschätzt die Hälfte der Basler Guggen den Rhythmus noch traditionell arrangieren und jedes Stück prinzipiell mit einem Trommelwirbel beginnen.

Die Musikgenres insgesamt reichen heute aber von Rock, Pop, über Filmmusik bis vereinzelt zu Techno und Hip-Hop. Während sich die meisten Guggen in Basel und Luzern jährlich ein neues Sujet und damit neue Kostüme zulegen (müssen), gibt es vor allem in der restlichen Schweiz auch andere Formationen, die sich spärlich mit einem Überzugskostüm und etwas Farbe im Gesicht zufriedengeben.

Trompeten, Posaunen und gute Stimmung am Guggen-Openair in Klingnau

Guggen-Openair in Klingnau

(Februar 2015)

Das ganze Jahr Guggenmusik

Diese Entwicklungen führen dazu, dass sich die Guggenmusik fast schon als unabhängige Musikgattung etabliert hat: Viele Guggen spielen das ganze Jahr über öffentlich, bei Geburtstagen, Strassenfesten oder gar Rockfestivals. Daneben ist die Reisefreudigkeit der Guggen extrem angestiegen: Tatsächlich sorgen heute eine Unmenge von regionalen und überregionalen Guggentreffen und -konzerte für einen regen Austausch unter den Musikgruppen, der nicht selten Reisen von 100 Kilometern und mehr mit sich bringt.

Die grössten regelmässigen Guggentreffen sind die Gugge-Explosion in Lörrach, das Guggen-Open-Air in Laufenburg sowie das Internationale Guggenmusiktreffen in Schwäbisch Gmünd und das Europäische Guggenmusik-Festival mit wechselnden Lokalitäten in ganz Europa.

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