Ein Gestell mit 200 der Abertausenden Bally-Schuh-Kreationen würde einen in Versuchung führen, stünde es in einem Geschäft und nicht im Museum für Gestaltung im Toni-Areal in Zürich. So wecken die Schuhe allenfalls Gelüste – und verlocken zu einem Ratespiel: Von wann stammen sie? Die Stoff- und Brokat-Schühchen ordnet man (meist) richtig dem 19. Jahrhundert zu, aber der hippe Plateauschuh? 1941! Oder die beiden schlicht-eleganten Stiefeletten mit Raubtiermuster und lustigen Knüpf-Poppeln? Aha! Der beige stammt von 1939 der braune von 2017. Mode kommt, Mode geht ... heutzutage.

Bally hat eine lange Geschichte. Eingeleitet von einem Mann, wie es für Traditionsunternehmen üblich war: Carl Franz Bally. Der beschloss 1851 in Schönenwerd Schuhe künftig industriell zu fertigen. Ihm, dem mutigen, langjährigen und für seine Zeit sozialen Patron begegnen wir in der Ausstellung als imposante Gipsbüste im Headquarter der Firma. Zu seinen Füssen seine handschriftlichen Memoiren, hinter seinem Rücken gibt der aktuelle CEO Frédéric de Narp in einem Video-Interview Auskunft. Dazwischen liegt eine auch turbulente Firmengeschichte: Der Firmensitz wurde 1976 nach Caslano (Tessin) verlegt, gefertigt wird dort und in Florenz, entworfen in Mailand. 1976 wurde Bally verkauft, an Werner K. Rey, dann an die Firma Bührle. Heute gehört sie zum deutschen Luxuskonzern JAB, und einem chinesischen Investor im Hintergrund.

Vom Ballschuh zum Bergstiefel

Dazu erfährt man allerdings sehr wenig, zelebriert wird mit Zahlen, Fotos und Objekten lieber der steile Aufstieg dank Innovation und dem Einstieg ins internationale Geschäft. Mit eigenen Läden ab den 1920er-Jahren in Südamerika und Frankreich machte sich Bally von Grossisten unabhängig und kultivierte seinen Brand. 1916 fertigte Bally 3,9 Millionen Paar Schuhe, 60 Prozent für den Export. Heute arbeiten 1500 Menschen für die Firma, die Marke führt 154 Geschäfte.

Gabs eigentlich ein Schuhbedürfnis – abgesehen von Billig-Schlarpen –, das Bally nicht bediente? Über Arbeitsschuhe, verspielte Schnürstiefelchen, goldverbrämte Abendleichtigkeiten, farbige Sandalen, rahmengenähte Herren-Eleganz, Tennis-, Ski- und Wanderschuhe aus 150 Jahren schweift der Blick. Ja selbst einen Rentierstiefel für die Erstbesteigung des Mount Everest konnte das bestens bestückte Bally-Depot in Schönenwerd liefern. Dazu natürlich das ganze Drum und Dran eines Firmenarchivs: Muster- und Patentbücher mit Tausenden geschützter Modelle, Bildstrecken aus Modemagazinen, Mitarbeiterfotos, Dutzende Absatzmuster, Schuhsohlen, eine Lederprüfmaschine und die kultigen Plakate.

Seit 1976 fertigt Bally auch Accessoires und Mode: Ab Bildschirm sind wir auf den Laufstegen dabei, einige neueste Modelle stehen in der Schau. Auch bei der künftigen Kollektion würde man ohne Beschriftung wohl einige Jahrzehnte daneben tippen. Aber wie sagt doch einer der Entwerfer aus Mailand: «Unsere Hauptinspiration ist Bally. Wir gehen immer ins Archiv, bevor wir eine Kollektion beginnen».

Bally – Das Geschäft mit dem Schuh: Museum für Gestaltung Zürich, Toni- Areal. Bis 11. August.