Grosse Hitparade
Der Krise wird mit einer Flut an Neuaufnahmen getrotzt: Das sind die besten Songs von diesem Jahr

Sowohl für Rock- und Popfans als auch für Liebhaber des Jazz oder der Klassik hat das Jahr 2021 einiges zu bieten. Gekrönt wurde die Schweizer Hitparade mit starken weiblichen Persönlichkeiten und deren Songs.

Christian Berzins, Michael Graber, Stefan Künzli
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Das Beste aus der Klassik

Krise in der Klassik-Industrie? Klar, heute wird gestreamt, CD-Sammlungen im besten Fall ins Brockenhaus gebracht, im schlechteren gar entsorgt. Aber (fast) jede Klassikaufnahme gibt es nach wie vor auf CD. Und gewisse CD-Label wie etwa das in Zürich beheimatete «Prospero» sagen sich: Wenn schon CD, dann richtig und packen ihre Aufnahmen in wundervoll opulente, informationsreiche Booklets. Somit erstaunt es nicht, dass 2021 eine Flut an Klassik-Neuaufnahmen über die Welt zog. Wer es sich leisten kann, gibt seine sogar in einer Kleinauflage auf Vinyl heraus.

Ursula Sarnthein begeistert auf der Bratsche.

Ursula Sarnthein begeistert auf der Bratsche.

Toni Suter + Tanja Dorendorf

Die grossen Plattenfirmen versuchen nach wie vor, ihren Brahms und ihren Beethoven zu verkaufen, bieten noch und noch die Wiener Philharmoniker dafür auf. Gut so: Was jede Generation hören will, muss sich auch jede neu erarbeiten. Das «Wie» ist dann wieder eine andere Frage. Aber an den Rändern herrscht so viel Aufbruch, so viel Konkurrenz, dass der einstige Durchschnitt in der Provinz liegen bleibt.

Gewisse, auch berühmte, Orchester geben ihre Aufnahmen gleich beim eigenen Label heraus. Die weniger berühmten Orchester können dank Sponsoren und Subventionen in diesem Rennen mithalten: So entstehen immerhin schöne klingende Visitenkarten – und gewisse von ihnen spielen, wenn sie ein wenig vom Repertoire abweichen und toll gespielt sind, plötzlich bei den ganz Grossen mit. So geschah es mit der Aufnahme des Luzerner Sinfonieorchesters mit amerikanischer Musik zum Abschied von Chefdirigent James Gaffigan.

Top 10 Klassik 2021

  1.  Ursula Sarnthein Nicht ganz allein, Bratsche solo, Prospero
  2. Víkingur Olafsson Mozart & Contemporaires, DG
  3. Andris Nelsons Schostakowitsch: 1, 14 und 15, DG
  4.  Sebastian Bohren Mozart, Violinkonzerte 3 und 5, Avie
  5. Giovannni Antonini L’Addio, Haydn 2032, Alpha
  6. Zimerman/Rattle Beethoven, Klavierkonzerte, DG
  7. Paavo Järvi Tschaikowsky: Sinfonien, Tonhalle, Alpha
  8. James Gaffigan Americans, Luzerner Sinfonieorchester, hm
  9. Hera Hyesang Park I Am Hera, DG.
  10. Hilary Hahn, Chausson, Prokofiev, Rautavaara, DG

Erstaunlich und schön: Die sogenannten Major-Label versuchen im Kampf ums grosse Geld immer wieder mal junge und jüngste Musikerinnen und Musiker in den Himmel zu schiessen. Nicht nur schlecht, auch wenn viele rasch halb tot vom Himmel fallen. So verwundert es nicht, dass der Hang zu etwas anderen Programmen, der Drang zu originellen Aufnahmen, da wie dort zunimmt. Jedem Label ist klar, dass viele Leute bereits «alles» haben. Deswegen spielt ein famoser Pianist wie der 37-jährige Vikingur Olafsson selbst bei der Deutschen Grammophon nicht einfach «nur» Mozart ein, sondern bietet auf seinem tollen Rezital auch Werke von Mozarts Zeitgenossen an. Das ist spannend für Neu- und Althörer.

Gewisse Künstler und Künstlerinnen gehen noch einen Schritt weiter, spielen Bach auf der Handorgel oder jodeln auf der Bratsche wie Ursula Sarnthein. Sie stellt Appenzeller Zäuerli neben Bach und anderen. Und siehe da: Die Ohren staunen sich rot. Auch die Gender-Politik mischt mit im CD-Markt, «Frauenstimmen» lautet der mächtige Titel einer CD aus dem vergangenen Jahr, auf der ein Klavier-Cello-Duo Werke von sechs Komponistinnen spielt. Daneben liegen Klassiker, die mit den besten Aufnahmen mithalten können, Einspielungen von Dirigent Andris Nelsons oder mit den zwei alten weissen Männern Simon Rattle und Krystian Zimerman werden in den Kanon Einzug halten.

Die Klassik, obwohl (für Künstler) längst keine Geldmaschine, lebt auf CD sehr munter: Da wird viel Kunst und weniger Kommerz als einst geboten. Wegen Schmusealben wie «Hope» von Daniel Hope und Weihnachts-CDs von Jonas Kaufmann soll man sich nicht grämen. In den Konzertsälen ist das Bild seit Corona leider anders: Um die Besucher wird bei den Subventionierten wie den Freien und den Festivals mit der Hitparade gekämpft.

Hits aus der Schweizer Pop- und Rockszene

Krokus haben sich verabschiedet, Les Sauterelles haben sich aufgelöst. Aber nichts hat den anstehenden Generationenwechsel in der Schweizer Pop- und Rockmusik besser symbolisiert als das formidable Debüt von Lucky Wüthrich. Hat doch King Philipp von Fankhausen höchstpersönlich seinen Kronprinzen auserwählt. Thun übergibt an Thun. Aber auch beim Comeback des Rock-Reptils Krokodil ist es mit dem neuen Sänger und Gitarristen Adrian Weyermann zu einer vielversprechenden Wachablösung gekommen. Und da gibt es eine Reihe von jungen und jüngeren Bands wie Basement Saints (Plattentaufe 7. Jan., KIFF Aarau), Pablo Infernal, Ellis Mano Band, Odd Beholder und die weiblich dominierte Rockband Velvet Two Stripes, die es wissen wollen. Ein Versprechen für eine neue helvetische Ära sind auch die Namen Kush K, Hilke und Sam Himself.

Top 10 Schweizer Pop/ Rock 2021

  1. Lucky Wüthrich, Steady
  2. Basement Saints, Stimulation
  3. Ellis Mano Band, Ambedo
  4. Krokodil, Another Time
  5. Pablo Infernal, Mount Angeles
  6. Velvet Two Stripes, Sugar Honey Iced Tea
  7. Hilke, Silent Violent
  8. Kush K, Your Humming
  9. Odd Beholder, Sunny Bay
  10. Sam Himself, Power Ballads

Starke Songs von starken Frauen

Mitten in diesem komischen 2021 veröffentlichte Masha Qrella ihr wunderschönes Album. Sie vertont und interpretiert Gedichte von Thomas Brasch. Irgendwo zwischen Sehnsucht und Sinnfragen pendeln diese grandiosen Popsongs, die bei aller Melancholie doch so leichtfüssig daher kommen. «Das Meer» ist dabei der beglückendste Song unter vielen Preziosen. In einem sonst eher durchzogenen Pop-Jahr ragen vor allem zahlreiche Frauen heraus. Little Simz veröffentlichte ein aufregendes Rapalbum und Julien Baker vertont die eigenen Abgründe mit grosser Dringlichkeit. Die starke weibliche Vertretung zieht sich auch in der Schweiz durch. Odd Beholder lässt uns mit ihrem Dream-Pop wegdriften, Emilie Zoé und ihr Projekt /A\ machen herrlich kantigen Rock und bei Kush K gibt es Songs von schlurfender Glückseligkeit.

Top 10 Songs von Frauen 2021

  1. Masha Qrella/ Dirk von Lowtzow, das Meer
  2. /A\, Grain Sand and Mud
  3. GeilerAsDu, Versus
  4. Little Simz, Introvert
  5. Julien Baker, Hardline
  6. Kraake Viu, Schöner
  7. Kalabrese & Rumpelorchester, Nimm mini Hand
  8. Balthazar, On A Roll (Sand Castle Tapes)
  9. Kush K, Euphoria
  10. Snail Mail, Light Blue

Weitere Songs finden Sie in dieser Playlist.

Neues aus der Welt des Jazz

In Krisenzeiten wächst das Bedürfnis nach Spiritualität. Es ist deshalb kein Zufall, dass viele Musikerinnen und Musiker die spirituelle Dimension in ihrer Musik suchen und pflegen. Sie knüpfen dabei an den Spiritual Jazz von Übervater John Coltrane und seinem epochalen Werk «A Love Supreme» an. Kein Zufall ist es auch, dass Coltranes Live-Aufnahme von 1965 in Seattle gerade jetzt ausgegraben wurde. Kein Zufall ist es weiter, dass junge Musiker und Musikerinnen die Nähe zum inzwischen 81-jährigen Saxofonisten Pharoah Sanders suchen, der wie kein anderer das spirituelle Erbe von Coltrane weitergeführt hat. Die spannendste Musik des Jahres 2021 ist denn auch dort entstanden, wo das Spirituelle mit aktuellen, oft tanzbaren Musikstilen kombiniert wurde. Wie bei Emma-Jean Thackray, Sons of Kemet, Nubyian Twist, Brandee Younger und Alfa Mist. Bei Schweizer Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern ist das spirituelle Bedürfnis weniger ausgeprägt. Verstecken müssen sich Lea Maria Fries, das Kali Trio und Florian Weiss’ Voodoism aber gar nicht.

Top 10 Jazz 2021

  1. Emma-Jean Thackray, Yellow
  2. Nubyan Twist, Freedom Fables
  3. Lea Maria Fries, 22° Halo, Light At An Angle 
  4. Kali Trio, Loom
  5. Pharoah Sanders & Floating Points: Promises
  6. Brandee Younger, Somewhere Different
  7. Sons of Kemet: Black To The Future
  8. Alpha Mist: Bring Backs
  9. John Coltrane, A Love Supreme. Live In Seattle.
  10. Florian Weiss’ Voodoism, Alternate Reality

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