Wien ist überall. Zumindest am Neujahrstag. Dann flimmert der grösste Fernseh-Live-Event der Welt (ausserhalb des Sports) um den Globus, in mittlerweile 92 Länder zu über 40 Millionen Zuschauern. Es ist das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, neben Sachertorte, Swarovski und Schnitzel das beliebteste Exportprodukt der Donaumetropole. Eine Weltumarmung im Walzertakt. Und da soll, wie man auf Wienerisch sagt, sich alles ausgehen – auf gut Deutsch: klappen.

Darum sitzt vier Tage vor Neujahr statt eines Publikums in Frack und Fliege ein Mann mit grauer Wollmütze neben den vergoldeten Tempelstatuen im Goldenen Saal des Musikvereins. Überbordende Kaskaden aus Plastik-Efeu kaschieren seine TV-Kamera (eine von insgesamt 14!) eher alibihaft.

Aber das macht nichts. Nicht an diesem Tag. Denn diesmal ist auch auf der Orchester-Bühne Glanz und Gloria den musikalischen Dingen vorbehalten. Und die berühmten Wiener Philharmoniker für einmal in Shirts, Jeans, Pullis unterwegs, die Stimmführer der Streicher immerhin im Hemd (ob aus Zufall oder aus Gründen erhöhter Seriosität, erschliesst sich der Betrachterin nicht). Das Neujahrskonzert rückt näher. Bereits steht die dritte Vorprobe mit Dirigent Christian Thielemann auf dem Plan, dessen Gestalt das Geschehen um Köpfe überragt. Wobei das blaue Kurzarm-Polohemd die Arme des grossgewachsenen Mannes noch länger wirken lässt.

Ob lang, ob kurz, lange gefackelt wird nicht. Denn schon holen die Arme aus. Und so zart wie Wintersonnenstrahlen im Gesicht kitzeln, flirren jetzt die hohen Anfangstakte des Walzers «An der schönen blauen Donau» auf. Im Pianissimo und genauso geheimnisvoll, wie es sich für einen der Höhepunkte am Neujahrskonzert gehört.

Ein bisschen Wagner darf sein

Ein Beginn also voll überraschend zartem Zauber. Aber damit nicht genug. Denn nun zeigt sich auch die Melodie der «Schönen blauen Donau» – und unter Christian Thielemann ist diese in einen derart strahlenden Celloklang gehüllt, als hätte neben Johann Strauss auch dessen Komponistenkollege Richard Wagner seine Hände im Spiel gehabt. Das ist eine Grosszügigkeit und eine Weite in der Welt des Wiener Walzers, wie man sie selten gehört hat. Bereits allerdings ruft Thielemann «psssst» in die Reihen der Musiker – und aus weit wird wieder zart. Ist das eine jener «feinsten Nuancen», die Orchester und Dirigent in der Medienkonferenz vor der Probe erwähnt hatten?

Christian Thielemann (*1959) ist nicht nur der berühmteste deutsche Dirigent. Er ist auch einer, der sich der grossen Dimension verschrieben hat: Wagner und Bruckner gehören zu seinem Kernrepertoire. Auch für Strauss schlägt sein Herz seit je – nur dass es sich dabei um Richard, den Komponisten üppiger Tondichtungen, handelt und nicht um Johann, den Meister des Wiener Walzers, dieser musikalischen Version von «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins». Denn beim Wiener Walzer wird geschwungen und gedreht, gestaut und gedehnt, gelassen und genossen, das ist wie Flirten mit Tönen. Bloss: Für Nichtwiener kann die unerträgliche Leichtigkeit schon mal zu einer unspielbaren Leichtigkeit werden.

«Ich bin gerade dabei, viel über Polka zu lernen»: Christian Thielemann, Dirigent des Neujahrskonzertes.

«Ich bin gerade dabei, viel über Polka zu lernen»: Christian Thielemann, Dirigent des Neujahrskonzertes.

Wie praktisch für die alljährlich geladenen Nichtwiener Stardirigenten Riccardo Muti, Gustavo Dudamel oder eben Christian Thielemann, dass auf dem Konzert-Programm auch Märsche stehen, mochte der eine oder andere gedacht haben. Schliesslich hat gerade Christian Thielemann eine erklärte Vorliebe für das Preussische. Aber: «Mit den Märschen ist es so eine Sache», erklärt der Dirigent den Medien kurz vor der Probe, «die können leicht ausarten». Ach so. Und was ist mit der Polka? Auch davon gibt es schliesslich genug auf dem Programm. Bloss: «Ich bin gerade dabei, viel über Polka zu lernen», sagt Christian Thielemann. «Da gibt es die Polka française oder die schnelle Polka. Aber die darf nicht zu schnell sein, weil dann die ersten Geigen nicht nachkommen.» Kann das überhaupt gut gehen?

Es kann. Und es tut. Erstens, weil die Wiener Philharmoniker Walzer und Co. in der DNA haben. Und zweitens, weil Thielemann sich trotz seiner Vorliebe fürs Preussische auf diese Bewegtheit einlässt. Aber da ist noch mehr. «Es ist eine ganz besondere Verbindung zu diesem Orchester», bekennt der bald Sechzigjährige. Und tatsächlich schlägt ihm aus dem Orchester eine Welle der Sympathie entgegen, angefangen bei den Streichern über die Bläser bis hin zu den Schlagzeugern.

Soeben meldet sich einer von ihnen mitten im «Schönfeld-Marsch» von Carl Michael Ziehrer. «Maestro!», sagt der Mann höflich und steht dazu respektvoll auf, eine Passage sei nicht ganz klar. «Versuchen Sie, wirklich leise zu spielen», antwortet der Dirigent, «ich schaue Sie schon an, wenn es mehr sein darf».

Maestro statt Dirigent

Vielleicht ist es so, dass ausgerechnet Wien, wo die Kellner noch selbstverständlich Fliege tragen, wo man einander mit «Grüssgott» Hallo sagt und wo Johann Strauss jede Street Parade locker abhängt, dass also exakt diese liebevolle wienerische Rückwärtsgewandtheit zu diesem Dirigenten, pardon: diesem Maestro passt. Denn auch Thielemann scheint wie aus einer anderen Zeit zu kommen. Aus der Ära einstiger Dirigentengenies wie Sergiu Celibidache, der seine Kollegen «Orchesterverderber» schimpfte; oder Karajan, der sich ohnehin gerne mit der Aura des Genialen umgab. Bei ihm hat Christian Thielemann als junger Mann assistiert und womöglich hat Karajans Ära und Aura dabei auf ihn abgefärbt. Ob und wie – diese Antwort bleibt Thielemann einem schuldig. Genauso wie die Antwort darauf, warum ausgerechnet Wiener Walzer, ausgerechnet am Neujahrstag weltweit besser funktioniert als jede andere Form von Klassik. Doch zwei Stunden mit «Express-Polka», «Elfenreigen» und «Nordseebilder» später, wird die Antwort von selber klar. So beschwingt wie nach dieser Probe ist man selten in den Alltag zurückgekehrt. Und während auf der Strasse die Trams in den Schienen quietschen, die Autos bei Grün beschleunigen, pulst es in einem drin im Dreivierteltakt. Muss es denn gleich die unerträgliche Leichtigkeit allen Seins sein? Für den Anfang ist eine durchaus angenehme Leichtigkeit zum Jahresanfang doch mehr als genug.