Kolumne

«Glamour, mon amour»: Wie ein Friedhofsbesuch die grösste Liebe der Schweiz zum Vorschein bringt

Margrit Rainer (erste von links) und Inigo Gallo (dritter von links) auf Tournee am 28. August 1976 am Caumasee in Flims.

Margrit Rainer (erste von links) und Inigo Gallo (dritter von links) auf Tournee am 28. August 1976 am Caumasee in Flims.

In ihrer Kolumne «Glamour, mon amour» schreibt unsere Autorin Simone Meier diese Woche über eine erstaunliche Liebesgeschichte. Und über den Besuch von Friedhöfen.

Ich frage mich gern: Was ist eigentlich die grösste Liebesgeschichte zwischen zwei Buchdeckeln? Im Film? Oder auch einfach der Schweiz? Und ich glaube, auf die letzte Frage habe ich eine vorläufige Antwort gefunden.

Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass die Liebe des legendären Schauspielerpaars Margrit Rainer und Inigo Gallo eine der innigsten und monumentalsten ist, die unser Land bis heute gesehen hat. Da finden sich Glück, Tragik, Liebe, Tod und Ewigkeit im Überfluss.

Wie ich darauf komme? Das war so: Es war ein Sonntag, mein Liebesleben und ich setzten uns aufs Velo und fuhren los, um zwei Friedhöfe zu besichtigen. Friedhöfe sind ja der Geheimtipp unter den Ausflugszielen. Nirgendwo findet man gepflegtere Anlagen, ältere Bäume und schönere Aussichten und eine spannendere Lektüre. Denn den Wegen zwischen den Grabdenkmälern zu folgen, ist, als würde man ein riesiges Buch über seine Stadt lesen.

Wir fuhren also raus aus der Stadt und den Berg hoch, wo die beiden Friedhöfe Rehalp und Enzenbühl nur durch eine Strasse getrennt sind. Rehalp erinnert mich ja immer an Real Madrid. Aber dies nur am Rande, wir besuchten dort vor allem das Grab von Bruno Ganz.

Enzenbühl ist die deutlich schönere Anlage, sie gleicht einem englischen Landschaftspark, Seerosen blühen auf einem Teich, als hätte sie ein japanischer Meister gemalt. In der Nähe des Eingangs findet sich das Grab von Margrit Rainer (1914–1982), Inigo Gallo (1932–2000) und Susanne Gallo-de Santi (1953–1984). Wir wussten, dass Rainer und Gallo lange ein Paar waren, doch was hatte es mit der anderen Frau auf sich?

Margrit Rainer (erste von links) und Inigo Gallo (dritter von links) auf Tournee am 28. August 1976 am Caumasee in Flims.

Margrit Rainer (erste von links) und Inigo Gallo (dritter von links) auf Tournee am 28. August 1976 am Caumasee in Flims.

Wir recherchierten. Und stiessen als Erstes auf eine weitere Frau Gallo, nämlich Käthy Gallo, die dem «Blick» vor ein paar Jahren gesagt hatte, dass sie nicht daran denke, sich ebenfalls in dieses Grab legen zu lassen. Käthy war nach Margrit und Susanne Inigos dritte Ehefrau geworden. Und Käthy hatte ihrem sterbenden Mann versprochen, dass er im gleichen Grab wie seine über ihren Tod hinaus geliebte Margrit seine letzte Ruhe verbringen dürfe.

Käthy hatte auch erzählt, dass zu Beginn ihrer Ehe das ganze Haus, auch das Schlafzimmer, voller Fotos von Margrit Rainer gehangen habe und sich ihr Mann sehr schwergetan habe, sich davon zu verabschieden.

Und wer war Susanne? Von ihr und Inigo Gallo finden sich Hochzeitsfotos – die Braut trug Lila und einen kleinen Hut mit einem Federbusch – und eine Todesanzeige in der NZZ. Die Hochzeitsfotos sind vom 23. September 1984. Die Todesanzeige vom 15. Oktober des gleichen Jahres. Susanne Gallo-de Santi nahm sich das Leben.

Margrit Rainer war am Tag nach ihrem 68. Geburtstag an den Folgen einer Operation gestorben. Inigo Gallo erlag wenige Wochen nach seinem 68. seiner Krebserkrankung. 23 ihrer 68 Jahre hatten sie gemeinsam verbracht. Und seit Inigos Tod sind sie bereits seit weiteren 20 Jahren wieder vereint. Ich bin mir sicher, dass sie darüber sehr glücklich sind, in dem Drüben, das wir alle nicht kennen.

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